Bei Pösing Hetze gegen Abtreibung: Diese Kapelle ist ein Skandal

Die Kapelle bei Pösing von außen. Foto: Alexander Laube

In der Oberpfalz steht eine kleine Kirche, in der gegen Abtreibungen gewettert wird – sie werden mit der Shoah verglichen. Politiker und Geistliche treten dort auf. Die Linke ist empört, das Bistum schweigt.

 

Seit über zehn Jahren steht ein kleines Kircherl im Landkreis Cham, das mitnichten eine harmlose Kapelle am Wegesrand darstellt. "Abtreibung – Der ‚Holocaust‘ an ungeborenen Kindern" ist auf einer Tafel vor der Kapelle bei Pösing zu lesen.

Bauen lassen hat sie Franz Graf, ein militanter Abtreibungsgegner. Vor einem Holzkreuz in der Mitte steht die Figur einer jungen Frau, in ihren Händen hält sie ein Baby in einer Glaskugel. "Lass mich leben" steht auf dem Sockel. Zwar ist die Kapelle, die er "Der stumme Schrei" genannt hat, privat. Doch es finden dorthin Prozessionen mit Kirchenvertretern statt, es gibt einen Hinweis an der Landstraße. Eine Leitplanke zum Schutz dieses Steins ist mit Steuergeld bezahlt worden. Und Politiker, etwa der stellvertretende Landrat Markus Müller (CSU), haben an einer Jubiläumsfeier zum zehnjährigen Bestehen dieser Kapelle im vergangenen Jahr teilgenommen.

Darüber empört ist der Kreisverband Mittlere Oberpfalz der Linken. Durch die Berichterstattung zu dieser Jubiläumsfeier sind die beiden Vorsitzenden Marius Brey und Eva Kappl auf die Kapelle aufmerksam geworden. Nun fordern sie in einem offenen Brief Bischof Rudolf Voderholzer und den Vize-Landrat auf, sich von Grafs Kapelle und seinen Aussagen zu distanzieren. Brey und Kappl werfen Graf vor, "Hetze gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper" zu betreiben.

Außerdem verhöhne Graf mit seiner Aussage, Abtreibung sei "der größte Völkermord in der Geschichte der Menschheit" und damit ein größeres Verbrechen als die Shoah, die Opfer des Nationalsozialismus.

Kapelle bei Pösing: Anzeige wegen Volksverhetzung

Wie Kappl der AZ sagt, habe eine Anzeige wegen Volksverhetzung keinen Erfolg gehabt. Die Staatsanwaltschaft sieht den Tatbestand nicht gegeben. Deswegen nun der offene Brief. "Wer den Holocaust auf diese Art und Weise relativiert, der leugnet damit dessen Einzigartigkeit. Damit bewegen wir uns im Bereich Antisemitismus", sagt Marius Brey.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, teilt auf AZ-Anfrage mit: "Die Pösinger ‚Abtreibungskapelle‘ war mir bislang nicht bekannt, weswegen ich mich dazu auch nicht umfassend äußern kann. Ich möchte aber festhalten, dass das Gedenken an den Holocaust nicht für tagespolitische Fragen instrumentalisiert und das Andenken der Opfer nicht entwertet werden darf."

Bray und Kappl fordern von Graf eine Entschuldigung, und dass er seine Inschriften beseitigt. Der sagt zur AZ: "Ich wüsste nicht, wofür ich mich entschuldigen sollte." Er wolle den Mord an Millionen Juden nicht verharmlosen. Aber er bleibe dabei: "Abtreibung ist nicht besser." Der Landessprecher der Linken, Ates Gürpinar, fordert die CSU auf, Landrat Müller zur Verantwortung zu ziehen. "Dass der offensichtliche Antisemitismus weder kritisiert noch öffentlich verurteilt wird, ist skandalös", sagt er.

"Der Vergleich mit dem Holocaust geht gar nicht."

Das Landratsamt teilte mit: "Landrat Franz Löffler und stellvertretender Landrat Markus Müller, distanzieren sich (...) von der Gleichstellung von Abtreibung mit dem Holocaust und mit Massenmord wie dies Herr Graf tut." Zur Teilnahme an der Jubiläumsfeier durch den Vize-Landrat schreibt das Amt: "Es ging vor allem darum, auch bei diesem schwierigen gesellschaftlichen Thema Präsenz zu zeigen und sich nicht als Behörde zu verstecken."

Regionaldekan Holger Kruschina, der bei der Jubiläumsfeier im Sommer 2018 selbst noch dabei war, sagt heute, das sei ein Fehler gewesen. Und: "Der Vergleich mit dem Holocaust geht gar nicht." Abgesehen davon, sagt Brey: "Hier werden Frauen des Mordes bezichtigt. Trotzdem finden dort Veranstaltungen der Kirche statt. Das zeigt, dass dieses Thema bei den Verantwortlichen der Diözese keine Beachtung findet." Das Bistum Regensburg hat sich auf AZ-Anfrage bislang nicht geäußert.

 

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