Beherrscht vom Internetriesen Der Roman „Der Store“ von Rob Hart

 Foto: Robert Braunmüller / TV/Medien

Der amerikanische Autor Rob Hart entwirft in „Der Store“ eine Dystopie der näheren Zukunft

 

Wir leben in herrlichen Zeiten für Autoren von Dystopien. Denn wer ist schon frei von Zukunftsängsten in einer Welt, die von Internet, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz durchgeschüttelt wird? Niemand weiß, wie die hyperbeschleunigte Entwicklung der letzten Jahre weitergehen wird. Aber jeder weiß: Die Welt wird bald schon sehr anders aussehen – und wohl eher nicht zu unser aller Vorteil. Das ist der perfekte Nährboden für Dystopien.

So konnte Dave Eggers 2013 mit „Der Circle“ einen Welterfolg feiern, denn an der literarischen Qualität kann es eher nicht gelegen haben. Der Roman drehte sich um ein Unternehmen, das in einer nahen Zukunft die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter zusammenführt und monopolisiert.

Die Zeit der Selbstinszenierung ist vorbei

In der dystopischen Zukunft des Romans „Der Store“, den der US-Autor Rob Hart jetzt vorlegt, spielen die Sozialen Medien schon gar keine Rolle mehr. Denn da haben die Menschen ganz andere Sorgen als Selbstinszenierung.

In dieser Zukunft, die einige Jahrzehnte entfernt liegt, ist die Klimakatastrophe längst Realität geworden und die USA ein Ödland voller Geisterstädte. Die Hitze macht es unmöglich, sich länger draußen aufzuhalten. Und das Leben der Menschen wird dominiert von einem gigantischen Internet-Unternehmen namens „Cloud“.

Die Parallelen zu Amazon sind unübersehbar, doch in Harts Szenario ist dieser Gigant längst verschwunden, verdrängt von dem ursprünglich kleinen Start-Up „Cloud“: Dieses hat es als erstes Unternehmen geschafft, alle Waren mit Drohnen auszuliefern, dank überlegener Techologie und guter Lobbyarbeit bei den Flugsicherungs-Behörden.

„Cloud“ dominiert nicht nur den Handel, sondern fast die komplette US-Wirtschaft, hat große Teile des produzierenden Gewerbes an sich gerissen und die gesamte Landwirtschaft. Das Unternehmen hat auch die Politik im Griff und viele von deren Kompetenzen übernommen, etwa polizeiliche Aufgaben in den „MotherClouds“: So heißen die riesigen, stadtähnlichen Logistikzentren, in denen die Angestellten nicht nur arbeiten, sondern auch leben.

Hier schlägt das dunkle Herz des Kapitalismus besonders laut. Die Bezahlung ist schlecht, die Arbeit unmenschlich hart, die Wohnungen schuhschachtelgroß, die Atmosphäre steril und leblos. Und das Unternehmen überwacht seine Mitarbeiter ununterbrochen mittels Uhren, die sie an den Handgelenken tragen müssen. Diese teilen ihnen fortlaufend mit, wie ihre Leistung beurteilt wird, in einer Skala von einem Stern bis fünf Sterne: Wer nur einen erreicht, fliegt sofort raus. Viele werfen sich dann umgehend vor die Züge, die durch die MotherClouds fahren.

Der hohe Preis für Gier und Bequemlichkeit

Das Leben außerhalb dieser vollklimatisierten Orte ist einfach zu unwirtlich geworden, die meisten Menschen haben keine andere Wahl, als hier zu arbeiten. Auch Paxton, dessen Firma von „Cloud“ platt gemacht wurde, indem es die Preise immer weiter drückte. Er hegt noch Groll, doch es hilft alles nichts, also will er sich als Security-Mann treuherzig hocharbeiten. Eine andere Neueinsteigerin, Zinnea, sammelt Waren von gigantisch-vollautomatisierten Fließbändern für den Versand ein, ist in Wahrheit aber Wirtschaftsspionin, angeheuert von einem anonymen Auftraggeber. Beruflich arbeiten die beiden also gegeneinander, privat kommen sie sich bald näher.

„Der Store“ ist Thriller, Gesellschaftskritik und ein wenig Liebesgeschichte, erzählt aus den wechselnden Perspektiven von Paxton und Zinnea. Zwischengeschaltet sind die Memoiren von „Cloud“-Boss Gibson Wells: Der todkranke Großkapitalist liefert in einem Blog die Gegenerzählung, beschreibt seine „Cloud“ naturgemäß in freundlichen Farben.

Als Gesellschaftskritik ist „Der Store“ unbedingt zu begrüßen: Schließlich konnte das hier beschriebene Horrorsystem nur entstehen, weil für die Kunden nichts mehr zählt als niedrige Preise und Bequemlichkeit – da darf sich jeder Amazon-Kunde angesprochen fühlen. Und der Roman lässt sich spannend an, solange der Leser in diese dystopische Welt eintaucht. Doch hat man sich darin orientiert und in der „MotherCloud“ eingelebt, wird die Lektüre zäher.

Da sind etwa die vielen nicht zu Ende gedachten Details: So tragen die Cloud-Angestellten in dieser mittelnahen Zukunft algorithmisch-allwissende Uhren, die sie durch jede noch so kleine Aufgabe lotsen und sie zugleich ständig überwachen. Aber dann zapft Spionin Zinnea die Cloud-Server an, indem sie einen, ja genau, USB-Stick in einen frei zugänglichen stationären Computer schiebt. Sieht so die High-Tech-Zukunft aus? Und als Zinnea schließlich das verborgene, strengstens abgeschirmte Zentrum des Cloud-Universums entdeckt, in dem brisante Geheimnisse versteckt sind, hat sie es gerade mal mit einer einzigen Wächterin zu tun.

Vor allem aber ist das Innenleben der beiden Ich-Erzähler sehr schlicht, und ihre Gefühlsregungen sind ebenso lebensfern wie unsubtil gezeichnet: In heiklen Situation oder bei schlechten Nachrichten wird ihnen „eiskalt“ oder sogar gleichzeitig „heiß und kalt“, da weicht die Farbe aus ihren Gesichtern, etwas durchfährt sie „wie ein elektrischer Schlag“, sie „erstarren“ oder in ihrer „Kehle bildet sich ein Klumpen“. Da stellt sich die Frage, ob sich Autor Rob Hart nicht etwas weit aus dem Fenster lehnt, wenn er dem Leser nahelegt, wo sein Roman verortet werden soll: Mehrmals erwähnt er „1984“, „Schöne neue Welt“, „Der Report der Magd“ und weitere Klassiker der dystopischen Literatur.

Rob Hart stellt „Der Store“ (Heyne, 592 Seite, 22 Euro) am Mittwoch um 19 Uhr im Amerikahaus vor (Barer Straße 19 a). Eintritt frei, Reservierung erforderlich unter amerikahaus.de

 

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