Beate Zschäpe vor Gericht Böhnhardt-Mutter: "Stellt euch, stellt euch!"

Brigitte Böhnhardt, die Mutter des mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt, am Gerichtsgebäude in München. Im NSU-Prozess soll erstmals eine Angehörige der mutmaßlichen NSU-Terroristen aussagen. Foto: dpa

"Es war“, sagt die gebeugte Frau im Zeugenstand, „ein ständiger Kampf“. Sie knetet auch jetzt noch ihre Hände, als müsste sie ringen mit dem, was sie erlebt hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

 

München - Brigitte Böhnhardt, die Mutter des toten Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, sagt den ganzen Tag im NSU-Prozess aus. Sie bietet einen Einblick in das Drama einer Mutter, die zwei Kinder verloren hat – Einblick in eine Welt, die zusammengebrochen ist. In der nichts geblieben ist als Kummer und Trauer, Bitterkeit und Misstrauen.

Brigitte Böhnhardt ist ein besondere Zeugin. Als pensionierte Sonderschul-Pädagogin ist sie es gewohnt, sich klar und deutlich auszudrücken. Sie kennt sich auch aus mit den schweren Fällen. Aber die ihrer Kinder übertreffen die schlimmsten Elternalbträume.

Peter, der Ältere starb1988 mit 17, unter rätselhaften Umständen, vermutlich bei einem Unfall. Aber heute erzählt die Mutter mit fester Stimme von „unserm Uwe“, der „ein aufgewecktes Kerlchen“ gewesen sei, der „von allen geliebt“ und „wohl auch ein bisschen verwöhnt“ wurde: „Bei Nachzüglern ist das wohl so.“ Es blieb aber nicht bei dem Idyll in Jena.

Ab der sechsten Klasse, da gab es Probleme - „mit der Leistung, mit der Disziplin“, sagt die Mutter: Er begann zu „bummeln“, sagt sie, also zu schwänzen. Erst Stunden, dann Tage, dann ging er überhaupt nicht mehr zu Schule. „Und damals hat das niemanden interessiert.“ Nein, die Mutter meint nicht sich selbst, auch nicht ihren Mann Jürgen. Sondern die anderen, die Behörden, die Schulämter, die Jugendämter. Die hat sie alle kennengelernt. „Das Schulsystem wurde geändert nach dem Ende der DDR, alle waren dagegen“ sagt sie. Das System war schuld an Uwes Absturz, die anderen, erst die Ämter, später die Polizei, die Kripo, der Verfassungsschutz. Schuldzuweisungen, die werden sich wiederholen im Verlauf ihrer Aussage: „Ich habe kein Vertrauen mehr.“ Uwe kam in die Sonderschule, ins Kinderheim, es ging vorübergehend sogar mal besser, aber dann begann er wieder „zu bummeln“. Und er begann, als Jugendlicher, eine Karriere als Kleinkrimineller. Fahren ohne Führerschein, Widerstand, tragen von Nazi-Symbolen.

„Und ich weiß nicht“, sagt die Mutter, „ob er da schon diese anderen Freunde“ kennengelernt habe.

Diese „Anderen“, die Frau Böhnhardt da vage umschreibt, das sind Neo-Nazis, mit denen ihr Uwe auf Demos ging. Das sind aber auch die, die nur drei Meter neben Frau Böhnhardt sitzen an diesem Tag, auf der Anklagebank. Ralf Wohlleben, Beate Zschäpe vor allem: Angeklagt der Bildung einer terroristischen Vereinigung, des NSU, des Nationalsozialistischen Untergrunds. Zehn Morde haben Böhnhardt und Mundlos verübt, von 2000 bis 2006, Zschäpe soll von den Morden gewusst und die Täter gedeckt haben. Auch für Zschäpe ist der Tag vor dem Oberlandesgericht ein besonderer. Man sieht es ihr an. Kein stylisches Outfit, kein dramatische Frisur am 57. Verhandlungstag. Sie ist nervös, die Haare streng zurückgebunden, lila Pullover, mädchenhaft. So mag Frau Böhnhardt die Frau kennengelernt haben, die zur Terroristin wurde.

„Der Ralf, die Beate, wir mochten die“, sagt Frau Böhnhardt, „alles sehr wohlerzogene Leute“. Sie waren gern gesehene Gäste im Elternhaus Böhnhardt. Endlich schien ihr Uwe Freunde zu haben. Bevor sie in den Untergrund gingen, im Januar 1998. Die Mutter berichtet von diesem Tag, als ihr Sohn verschwand, von der „unseligen Garagendurchsuchung“, als die Ermittler in der Garage der Böhnhardts Materialien zum Bombenbau sicherstellten – und sich Uwe trotzdem noch absetzen konnte. Vor der Durchsuchung, da habe sie ihren Sohn noch gewarnt: „Pass auf, dass sie nichts finden, was vorher nicht da war“, sagt sie und erklärt dem Gericht: „Wir hatten ja unsere Erfahrungen mit der Polizei.“ Drei Vorstrafen standen da schon zu Buche bei Böhnhardt. Zuletzt wegen Sprengstoffdelikten. Sie wollten Lokale in die Luft sprengen. Die kleine kriminelle Karriere war da schon auf dem Weg zur großen. Aber das konnte die Mutter nicht sehen – oder sie wollte es nicht.

Zwei Monate etwa musste sie warten, dann „endlich, endlich endlich!“ meldete sich der verlorene Sohn. Ein Zettel mit einem Zeitpunkt und der Adresse einer Telefonzelle, da fuhren die Eltern hin. „Die Hälfte des Gesprächs ging für Heulen drauf“, sagt sie: „Und ich habe gleich gesagt: Stellt Euch! Stellt Euch! Stellt Euch!“ Wie hat der Sohn reagiert, will Richter Manfred Götzl wissen: „Mutti, ich gehe nicht wieder ins Gefängnis.“ Das Morden, das kam erst später.

Wo sich ihr Sohn „und die Beate, und der Uwe“ aufgehalten haben? „Das wusste ich nicht, und das wollte ich auch gar nicht wissen.“ Die Grenzen zwischen Mutter und Komplizin verschwimmen. „Ja, wir haben sie unterstützt am Anfang, auch finanziell, damit sie sich essen kaufen konnten“. Wieviel? „500 D-Mark, dann noch mal 500, höchstens drei Mal“, sagt sie. Das Geld ging an Unterstützer, darunter den Jenaer Neo-Nazi Andre K., einen Nachbarn. 1999 haben die Eltern die Unterstützung eingestellt. „Das hatte ja keine Zukunft.“ Und: „Wir wollten ja, dass er zurückkommt.“ Aber getroffen haben Sie sich schon noch, konspirativ, auf Parkplätzen mit Leihwagen: "Wir wussten nicht, ob wir verfolgt werden". Immer aber habe sie darauf gedrungen, dass sich das Trio stelle. Das aber, davon zeigt sich die Mutter überzeugt, wollten „bestimmte Kreise“ nicht. Das LKA habe den Eltern gesagt: „Wenn die nur zucken, sind wir schneller.“ Die Killer, das sind die anderen.

Ob sie sich denn nicht gefragt haben, wovon die Kinder leben will Richter Götzl wissen: "Natürlich" sagt die Muter, "aber sie wollten es uns nicht sagen. Wir dachten, es sei was mit Internet."

 

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