Bayreuther Festspiele Pietari Inkinen und der dritte "Siegfried"-Aufzug

Bayreuths künftiger „Ring“-Dirigent Pietari Inkinen. Foto: Mechthild Schneider

Pietari Inkinen hätte dieses Jahr bei den Bayreuther Festspielen die Neuinszenierung von Wagners „Ring“ dirigieren sollen. Eine CD gibt einen Vorgeschmack

 

Die Tetralogie aktweise aufzuführen oder einzuspielen hat sich bisher eher nicht durchgesetzt, mit Ausnahme des ersten Aufzugs der „Walküre“. Aber ein dritter Aufzug von „Siegfried“, noch dazu stark gekürzt? Was soll das bringen?
Interessant ist diese CD trotzdem. Denn der Dirigent Pietari Inkinen hätte eigentlich die auf 2022 verschobene Neuinszenierung von Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth dirigieren sollen. Der 40-Jährige Finne leitete den „Ring“ bereits an der Opera Australia in Melbourne und übernahm „Rheingold“ und die „Walküre“ am Teatro Massimo in Palermo. Seit September 2017 ist er Chefdirigent der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, davor leitete er das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele.

Tatsächlich war die Idee dieser CD des gekürzten dritten Aufzugs von „Siegfried“ wohl, die Schlussszene von Siegfried und Brünnhilde als Schaustück für Lise Lindstrom und Stefan Vinke zu präsentieren. Damit die dritte Szene mit Siegfrieds Äußerung „Selige Öde auf wonniger Höh’!“ aber nicht so schüchtern beginnt, wurde noch das Vorspiel und die Einleitung zur ersten Szene zugegeben, in welcher der Weckruf an Erda nur instrumental, ohne singenden Wanderer, ertönt.

Wer braucht das?

Nachdem also dieses Rätsel gelöst ist, bleibt noch die Frage, ob die künstlerischen Leistungen eine solche aus dem Kontext des Werkganzen gelöste Dokumentation rechtfertigen. Braucht der Wagnerianer, der einen oder mehrere ganze „Siegfriede“ im Regal stehen hat, dieses „Best of“?

Wenn er ein spektakuläres Orchester sucht, eher nicht; dafür agiert die durchaus kompetente Deutsche Radio Philharmonie zu unscheinbar, weil Pietari Inkinen auf Stromlinienförmigkeit setzt, auch rhythmisch Ecken und Kanten schleift und so etwa das Vorspiel nicht annähernd genug Wucht freisetzt.

Der große Moment, wenn Brünnhilde die Augen aufschlägt, verstreicht eindrucksarm, wie die gesamte, radikal verkürzte Spielzeit einer knappen Stunde zwischendurch schon mal auf der Stelle tritt. Weil fehlende Dramatik nicht etwa durch erhöhte Durchhörbarkeit kompensiert wird, muss man sagen: Das können andere besser.

Intelligente Rollenporträts

Geht man nach den ersten Höreindrücken, würde man ein solches verhaltenes Urteil auch auf die Solisten ausdehnen. Stefan Vinke hat sich in München unter Kirill Petrenko als verlässlicher, höhenstarker Siegfried bewährt. Doch sein gerades, schmales Organ überwältigt nicht gerade, ebenso wenig, wie die bloß brave Tiefe und das schwere Vibrato der gebürtigen Kalifornierin Lise Lindstrom in der Rolle Brünnhilde unmittelbare Begeisterung auslösen.

Man wird als Hörer von beiden nicht aktiv verführt. Wenn man aber dabeibleibt, belohnen beide Rollenporträts dann doch mit ihrer durchgehend intelligenten und sorgfältigen Phrasierung. Beide Stimmen passen zueinander, im ekstatischen Finale verschmelzen sie zu einer wirklichen Einheit, in der keiner den anderen übertönt. Gerade, weil sich Stefan Vinke und Lise Lindstrom so wenig verausgaben, dafür in den duettierenden Passagen sich aufeinander zubewegen, ja einander sogar zuhören, kann hier tatsächlich so etwas wie Chemie zwischen Brünnhilde und Siegfried entstehen. Und das wiederum ist selten genug.

Richard Wagner: Siegfried: 3. Akt (stark gekürzt); Stefan Vinke (Siegfried), Lise Lindstrom (Brünnhilde), Deutsche Radio Philharmonie, Pietari Inkinen (SWR/Naxos)

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading