Bayreuther Festspiele Lise Davidsen über "Tannhäuser"

Ravioli aus der Blechtrommel für die depressive Elisabeth: Manni Laudenbach (Oskar) und Lise Davidsen (Elisabeth) im dritten Akt von Tobias Kratzers Bayreuther „Tannhäuser“-Inszenierung. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Die Elisabeth aus dem neuen Bayreuther „Tannhäuser“ hat auch schon ein Album mit Szenen aus der Oper von Richard Wagner herausgebracht

 

"Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder“: Mit dieser Arie der Elisabeth aus Richard Wagners „Tannhäuser“ gewann Lise Davidsen 2015 den Operalia-Wettbewerb und startete eine Weltkarriere. Die 32-jährige lyrische Sopranistin gastierte als Elisabeth zuletzt in Zürich und München, nun singt sie die Rolle bei den Bayreuther Festspielen. Auf ihrer kürzlich erschienenen Debüt-Solo-CD ist die „Teure Halle“ ebenfalls zu hören. Die norwegische Sängerin und ihre Elisabeth sind ein Erfolgsduo, das noch mehr gemeinsam hat als die Namenspatronin.

AZ: Frau Davidsen, verkörpert die reine Elisabeth – als Gegensatz zu Venus – nicht ein Frauenbild, das sehr aus dem 19. Jahrhundert stammt?
LISE DAVIDSEN: Ich bewundere Elisabeths Mut und ihre Fähigkeit zur grenzenlosen Liebe. Sie ist eine starke Frau, wenn auch manchmal etwas naiv. Sie liebt nicht nur, sie steht öffentlich dafür ein und will alles tun, um den geliebten Mann zu schützen, auch wenn es für sie sehr schmerzhaft wird. Ihre extreme Liebe und extreme Geduld mit der Liebe finde ich wunderschön.

Haben Sie das mit Elisabeth gemeinsam?
So stark wie sie bin ich nicht, wäre es aber gerne. Andererseits gebe auch ich 100 Prozent, wenn ich mich für etwas entschieden habe – beim Singen, in Freundschaften oder in der Familie. Ich möchte ein Mensch sein, der für andere da ist, verzeihen kann und keine Angst davor hat, Gefühle zu zeigen. Ich behaupte nicht, dass ich so bin, aber ich wäre es gerne.

Was reizt sie musikalisch an „Dich, teure Halle“?
Die Kombination aus dem Lyrischen und dem Dramatischen. Und dass sie rein gesangstechnisch gut zu meiner Stimme passt. Überhaupt liebe ich am gesamten „Tannhäuser“, dass es so viele Farbschattierungen gibt und so viel Unterschiedliches in einer einzigen Oper steckt.

Außer Wagner-Arien und anderem von Richard Strauss haben Sie für Ihre CD auch „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss aufgenommen. Schwere Kost. Es geht um Verluste und Endlichkeit. Welche Stimmung wollen Sie beim Hörer erzeugen?
Es dürfte unmöglich sein, das Album durchzuhören und nicht nachdenklich zu werden. Zumindest mich lassen die „Vier letzten Lieder“ über das Leben“ sinnieren. Nicht notwendigerweise darüber, dass es endet, sondern wie man seine Prioritäten setzt und wer wir sein wollen, während wir hier sind. Mir jedenfalls geben die Lieder ein Gefühl der Wertschätzung für unser Leben in dieser schönen, aber beängstigenden Welt.

In der Münchner „Tannhäuser“-Inszenierung erleben Sie und das Publikum im dritten Aufzug, wie Elisabeths Leiche nach und nach verwest. War das für Sie auch ein Denkanstoß?
Das ist ziemlich realistisch dargestellt, und dadurch auch irgendwie eklig. Ich war ganz froh, dass mein Gesangspart schon vorbei war, als dieser Teil der Produktion begann. Normalerweise konzentriere ich mich auf der Bühne ja ganz auf den Gesang und die praktischen Dinge, aber bei so einer plastischen, schaurigen Darstellung hätte ich schon emotional werden können.

Dieses Jahr singen Sie in drei „Tannhäuser“-Produktionen mit drei unterschiedlichen Dirigenten, mit einem Vierten haben Sie die CD aufgenommen. Wie beeinflussen die verschiedenen Dirigenten Sie?
Ehrlich gesagt sind die besten Dirigenten diejenigen, die sich von mir beeinflussen lassen. Natürlich hat der Dirigent immer das letzte Wort, und ich nehme auch Kritik an, wenn es um Fehler oder technische Dinge geht. Aber wenn die Dirigenten zufrieden sind mit dem, was ich anbiete, und es aufgreifen, erzielt man gemeinsam das beste Ergebnis. Es ist für alle Beteiligten leichter, wenn der Dirigent mit dem arbeitet, was uns Solisten wichtig ist, als wenn er alle Sänger neu beeinflussen will. Das dauert lange und kann schwierig werden, wenn man völlig unterschiedliche Auffassungen hat.

Ihren Tannhäuser, Stephen Gould, kennen Sie ja schon aus der Züricher Produktion. Wie ist die Zusammenarbeit?
Er ist ein ganz wundervoller Kollege. Auch mit Stephen Milling, der in Bayreuth den Landgrafen singt, stand ich schon auf der Bühne. Die beiden waren dort schon so oft, kennen ihre Rollen in- und auswendig und sind total cool. Auf mich als Bayreuth-Neuling hat das beruhigend gewirkt.

Hand aufs Herz – welches Lied im Sängerkrieg auf Wartburg ist das überzeugendste?
Aus Elisabeths Sicht? Sie ist so auf ihren Tannhäuser fixiert, dass sie nicht mal richtig zuhört. Sie ist so überwältigt, weil Tannhäuser wieder da ist, dass niemand anderer eine Chance hat. Sicher gefällt ihr, was Wolfram singt, und eigentlich stimmt sie mit dem überein. Aber er ist nicht stark und leidenschaftlich genug. Ich denke, sie entscheidet sich für den Falschen, den „bad guy“, während der Richtige genau vor ihrer Nase steht. Und sie merkt es erst, als es schon viel zu spät ist.

CD „Lise Davidsen“ bei Decca

 

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