Bayreuther Festspiele Keine Festspiele und kein Geld

Das Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth. Foto: Daniel Karmann/dpa/Archivbild

Eigentlich hätten auf dem Grünen Hügel von Bayreuth am heutigen Samstag die Festspiele beginnen sollen. Doch heuer ist alles anders

 

Dieser 25. Juli ist ein denkwürdiger in Bayreuth: Kein roter Teppich auf dem Grünen Hügel, keine Fanfaren, keine schillernden Kleider, keine Kanzlerin. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte der Richard-Wagner-Festspiele fällt Deutschlands berühmtestes Opern-Festival aus, der Corona-Pandemie zum Opfer. „Da fließt schon die eine oder andere Träne die Backe runter“, sagt der Festspiel-Geschäftsführer Holger von Berg.

Tränen könnten auch beim Blick auf die Finanzen fließen: 15 Millionen Euro kostet die Corona-Krise die Festspiele allein an Einnahmeverlusten. „Die Bayreuther Festspiele sind traditionell zu etwa 65 Prozent aus Eintrittskarten finanziert. Und diese Einnahmen – um die 15 Millionen Euro – fehlen natürlich vollkommen, wenn die Festspiele ausgesetzt werden müssen», sagt von Berg. „Für dieses Jahr wird der Etat reichen, um die Kosten zu decken. Aber keiner weiß, was 2021 sein wird. Können wir die Festspiele durchführen? Wenn ja, wie viele Zuschauer dürfen kommen und wie viel Geld können wir einnehmen?“

Größeres Risiko für die Geldgeber

Aus seiner Sicht kommt auf die Gesellschafter – die Bundesrepublik, den Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth – bei der Planung der Zukunft ein größeres Risiko zu. „Die Gesellschafter, die derzeit die restlichen 35 Prozent der Kosten tragen, werden entscheiden müssen, ob sie auch bereit sind, im Zweifel mehr zu geben und das Risiko mitzutragen, wenn Festspiele für 2021 geplant werden, aber nicht durchgeführt werden können. Wenn eine Entscheidung fällt, dass man Festspiele will, zuzüglich der Mehrkosten, zum Beispiel möglicherweise für literweise Desinfektionsmittel, dann muss auch die Bereitschaft da sein, das Risiko eines Ausfalls mitzutragen.“

Denn trotz der Corona-Pandemie planen die Festspiele das kommende Jahr ausgerechnet mit Richard Wagners großen Chor-Opern, wie der kommissarische Geschäftsführer Heinz-Dieter Sense sagt. Sense vertritt die schwer erkrankte Festspielchefin Katharina Wagner bis zu ihrer für den Herbst angekündigten Rückkehr.

Geplant sind eine Neuproduktion des „Fliegenden Holländer“ mit der ersten Dirigentin in der Geschichte Bayreuths, deren Name noch ein Geheimnis ist, außerdem der „Lohengrin“, die „Meistersinger von Nürnberg“ und auch „Tannhäuser“, der eigentlich erst 2022 wieder auf dem Spielplan stehen sollte. Parallel dazu soll der Regisseur Valentin Schwarz den „Ring des Nibelungen“ proben, der von diesem Jahr auf 2022 verschoben wurde.

Riskanter Chorgesang

Vor allem Chöre gelten als riskant: Wissenschaftler der Universitätskliniken München und Erlangen haben in einer Versuchsreihe mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks herausgefunden, dass sogenannte Aerosole, also Gemische aus festen oder flüssigen Schwebeteilchen, beim Singen bis zu eineinhalb Meter nach vorne ausgestoßen werden.

„Außerdem ist die Frage: Wie realisieren wir Abstandsflächen auf der Bühne zwischen Solisten, Choristen, Statisten und den Technikern?“ sagt von Berg, der die Festspiele im Frühjahr 2021 verlässt, weil sein Vertrag nicht verlängert wurde.

Alles wird teurer

Und das sei nicht das einzige Problem: „Ein Großteil unseres Publikums gehört aufgrund des Alters zur Risikogruppe“, sagt er. „Wenn die Abstandsregeln, die heute gelten, auch in zwölf Monaten noch gelten, wird das alles schwierig. Dann dürften 329 Zuschauer rein – statt knapp 2000. Selbst wenn die Hälfte der Plätze besetzt wäre, würde das immer noch eine Mindereinnahme von rund acht Millionen Euro bedeuten.“

Sorge bereitet den Geschäftsführern allerdings auch die Sanierung des Festspielhauses, deren Gesamtkosten auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt werden. Der erste, bereits abgeschlossene Bauabschnitt hat 30 Millionen Euro gekostet. "Nach Corona werden die Baupreise weiter anziehen und es wird neue Vorschriften geben, die man weiter berücksichtigen muss", sagt Sense. "Je länger man wartet, desto teurer wird die Sanierung." Von Berg führt dazu ein Beispiel an: "Reicht die Anzahl der Handwaschbecken für die Anzahl der Besucher? Auch wenn Herr Castorf sich das Händewaschen von Frau Merkel nicht vorschreiben lassen will" - eine Anspielung auf eine entsprechende Äußerung von Regisseur Frank Castorf.

Plan A halten

Doch erstmal richtet sich der Blick auf die kommende Spielzeit: "Das Wichtigste ist, dass Festspiele 2021 stattfinden können, und wenn wir dafür an den Plänen etwas ändern müssen, werden wir das tun", sagt Sense. Zwar hätten die Regisseure bereits mitgeteilt, es sei sehr schwer, an ihren Inszenierungen etwas zu ändern, aber man könne ja nochmal mit ihnen reden. "Denkbar wäre alternativ auch, die Opern konzertant aufzuführen und nicht in den jeweils geplanten Inszenierungen der Regisseure. Ob das gewollt ist, ist eine andere Frage, aber eventuell wird man sich damit auseinandersetzen müssen", sagt Katharina Wagners Vertreter. "Aber wir denken jetzt erstmal Plan A zu Ende, und ich bleibe optimistisch."

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