Bayreuther Festspiele Gral mit Gänsehaut

"Lohengrin", Probenfoto von 2011, 3. Akt: Klaus Florian Vogt (l., als Lohengrin) und Annette Dasch (als Elsa). Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa

Es war die sicherlich dümmste Frage auf der Pressekonferenz der Bayreuther Festspiele: Ob denn die Festspielleitung nicht traurig sei, dass Jonas Kaufmann nach nur einer Spielzeit auf dem Grünen Hügel für den „Lohengrin” nicht mehr zur Verfügung stehe. Allgemeines Schulterzucken, deutliche Antwort von Katharina Wagner: „Wir sind unglaublich froh, dass Klaus Florian Vogt den Lohengrin singen und bei der Fernsehausstrahlung dabei sein wird.”

 

Tatsächlich hatte sich die öffentliche Wahrnehmung der Festspiele 2010 in hohem Maße um den als Star gefeierten Jonas Kaufmann gedreht, der seine Sache auch – wie zuvor im Münchner „Lohengrin” gut machte, von vornherein aber nicht verhehlte, dass sein Bayreuth-Engagement mit den damit verbundenen Anforderungen an Proben- und Aufenthaltszeiten nur eine kurze Stippvisite auf dem internationalen Rundweg zu Ruhm und Ehre sein würde.

Es spricht für das Festspielpublikum, dass es Klaus Florian Vogt in der Wiederaufnahme der Neuenfels-Inszenierung enthusiastischer und herzlicher als seinen Vorgänger feierte. Kein Zweifel, als Stolzing in den „Meistersingern”, Parsifal oder Lohengrin ist der Tenor mit der Unschuldsmiene und der jugendlichen Klarheit in der Stimme eine Klasse für sich.

Wie er, ohne überhaupt je in sein persönliches Fortissimo gehen zu müssen, jederzeit präsent auch über Chortableaus zu hören ist und Ensembles mühelos anführt, ohne die Reinheit des Klangs dafür aufgeben zu müssen, ist die eine Sache. Dass er nach einem langen Abend für die Gralserzählung zum tragenden Pianissimo zurückgehen kann, ohne je gefährdet zu klingen, macht den Schlussakt zum Gänsehaut-Erlebnis. Vogt ist der verführerische Rattenfänger in der in ihrem zweiten Jahr immer noch geteilt, aber wesentlich freundlicher aufgenommenen Inszenierung von Hans Neuenfels. Man muss dessen Grundidee, die „Lohengrin”-Gesellschaft als Laborratten-Geschichte zu erzählen, sicher nicht mögen, um doch zu bestätigen, dass hier in Sachen Personenführung professionell und effektvoll gearbeitet wurde.

Ebenfalls ein ganzes Stück profilierter als im bereits beachtlichen Premierenjahr wirkt Andris Nelsons im Graben: Die kleinen Straucheleien sind Geschichte, die Abstimmung von Bühne und Graben gelingt auch in reichlich gewagten Momenten wie dem sehr ambitioniert flotten ersten Aktfinale. Positiv überraschen konnte Petra Lang, die als neue Ortrud hohe Textverständlichkeit mit klangvoller Verve vereint und darüber vergessen lässt, dass sie keine echte Hochdramatische ist. Das harmoniert hervorragend mit Tómas Tómasson, der als ihr Gatte Telramund ebenfalls eher vom voll-lyrischen Klang her agiert.

Obwohl das Festspielpublikum in diesem Jahr auch bei Sängerleistungen sehr kritisch und eher auf Krawall gebürstet ist, wird Annette Dasch für ihre Elsa gefeiert, die noch weit mehr als im Premierenjahr an ihre Grenzen stößt und stimmlich deutlich gefährdet klingt: So ganz kann sich wohl auch der Grüne Hügel vom Starrummel dann doch nicht freimachen.

So, 16 Uhr, Arte, in Bayreuth als „Public Viewing” mit Großbildleinwand auf dem Festplatz

 

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