Bayreuther Festspiele Festakt für Wolfgang Wagner

Wolfgang Wagner mit Christian Thielemann. Foto: dpa

Die Bayreuther Festspiele ehren Wolfgang Wagner am Vorabend der Eröffnung mit einem Festakt

 

Beim Gedenken in runden Jahren geht der Blick gern zurück. Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Wagner drehten die Bayreuther Festspiele am Vorabend der Eröffnung mit „Tannhäuser“ – wenigstens teilweise – die Blickrichtung um. Beim Festakt im Festspielhaus sang Günther Groissböck „Wotans Abschied“. Er singt die ganze Rolle nächstes Jahr im neuen „Ring des Nibelungen“, den Pietari Inkinen dirigieren und Valentin Schwarz inszenieren wird.

Das wird, wenn der ganze Wotan hält, was der Abschied aus dem dritten Aufzug der „Walküre“ versprach, zumindest in diesem Punkt sensationell. Denn Groissböck hat genau das, was der Komponist wollte: einen schwarzen Bass mit sicherer Höhe. Eine solche Stimme gibt der Figur eine heroische Dämonie, einen Zwischenton, der sich beim sonst üblichen Heldenbariton nur sehr bedingt einstellen will. Und der Österreicher singt auch mit einer Frische und Kraft, die mitreißt und beeindruckt.

Waltraud Meier singt, Thielemann lobt, Ioan Holender verdrängt

Die Musik zwischen den Ansprachen und Grußworten erinnerte an die Großtaten Wolfgang Wagners als Festspielchef. Die Romerzählung aus dem „Tannhäuser“ (mit Stephen Gould) stand für die mutige Entscheidung, den Sängerkrieg auf der Wartburg von 1972 dem Regisseur Götz Friedrich aus der DDR anzuvertrauen: eine gesellschaftskritische Deutung, die seinerzeit von Mitgliedern der Bayerischen Staatsregierung angegriffen wurde.

Wotans Abschied erinnerte an den bei Alt-Wagnerianern unbeliebten Jahrhundert-„Ring“ von Patrice Chéreau und Pierre Boulez im Jahr 1976, das Vorspiel und der Liebestod an Heiner Müllers Deutung von „Tristan und Isolde“.

Dafür wurde sogar die originale Isolde aufgeboten: Waltraud Meier sang einen lyrischen, anrührenden Liebestod, sehr einfühlsam begleitet vom Festspielorchester unter Christian Thielemann. Der Musikchef der Festspiele berichtete in einer kurzen Rede, wie stark er von den musikalischen Ratschlägen Wolfgang Wagners profitiert habe, weil die besondere Situation des Dirigenten im versenkten Orchestergraben dazu verführe, immer langsamer zu werden.

Entsorgung der Vergangenheit

Ioan Holender, der ehemalige Chef der Wiener Staatsoper, ließ – dezent mit Anekdoten gewürzt – das Leben des 2010 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Festspielchefs vorbeiziehen. Und da waltete in der würdevollen Eleganz seiner Ansprache dann doch eine für das Jahr 2019 seltsame Verdrängung, obwohl viel vom erfolgreichen Neuanfang der Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede war.

Wolfgang Wagners Mutter Winifred hatte einen namenlosen Auftritt als „Festspielchefin“. Der im Haus Wahnfried als „Onkel Wolf“ familiär verkehrende Adolf Hitler kam gar nicht erst vor. Dabei war es doch die größte Leistung Wolfgang Wagners, mit fränkischer Kauzigkeit und einem realistischen Desinteresse an jeder Ideologie den ganzen deutschnationalen Nazi- Plunder in Bayreuth erst eingehegt und zuletzt ganz zu entsorgt zu haben. Und zwar so gründlich, dass seine Rückkehr heute im Umfeld des Grünen Hügels unmöglich scheint.

 

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