Bayreuther Festspiele "De facto ein Berufsverbot"

Der Regisseur Valentin Schwarz. Foto: dpa

Unmittelbar vor den Proben zum neuen Bayreuther „Ring“ fallen die Festspiele Corona zum Opfer. Der Regisseur Valentin Schwarz sagt, wie er sich jetzt fühlt

 

Es sollte sein großer Durchbruch werden: Mit nur 30 Jahren wollte der österreichische Regisseur Valentin Schwarz im Sommer Richard Wagners Mammutwerk inszenieren, den „Ring des Nibelungen»“ Und zwar nicht irgendwo, sondern auf dem Grünen Hügel von Bayreuth. Doch daraus wird nun nichts. Das Coronavirus macht selbst vor den ehrwürdigen Festspielen nicht Halt. Zum ersten Mal seit ihrem Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg fallen Deutschlands berühmteste Festspiele aus. „Ich habe jetzt mehr Zeit, als ich mir wünschte“, sagt Schwarz im Interview.

AZ: Seit wann wissen Sie, dass es in diesem Jahr nichts wird mit Ihrem Bayreuther-„Ring“?
VALENTIN SCHWARZ: Katharina Wagner hat mich am Dienstag direkt nach der Entscheidung angerufen, bevor es an die Medien ging. Natürlich hatten wir alle bis zum Schluss gehofft, aber ich finde es richtig, dass die Gesundheit der Mitarbeiter und des Publikums nicht riskiert wird.

Die Festspiele haben schon mitgeteilt, dass man Ihren „Ring» nicht einfach im kommenden Jahr nachholen kann. Warum denn nicht?
Da spielen zwei Dinge rein: Erstens die grundsätzliche Langfristigkeit der Engagements der meisten Sänger und Mitwirkenden im Musiktheater. Die sind ja meist über Jahre im Voraus verplant. Dazu kommt dann der verstärkte Probenaufwand für den „Ring“, weil es sich ja nunmal um vier Opern handelt. Viele können im nächsten Jahr so früh einfach noch nicht anreisen. Ich bin aber überzeugt, dass wir es 2022 hinkriegen.

Wie weit waren Sie denn?
Das Ding ist fertig. Das ist schon krass, dass hier soviel Manpower investiert wurde, unzählige Arbeitsstunden in dieses ganze Material gesteckt wurden, das jetzt zum Einsatz kommen sollte. Wir waren direkt vor den szenischen Proben. Das Ganze in dieser Situation auf Eis legen zu müssen, das ist fast eine Entzugserfahrung. Es ist eine künstlerische Vollbremsung sondergleichen. Man nimmt Fahrt auf, fährt über die Autobahn und wird dann plötzlich zum Stillstand gezwungen. Da muss man innehalten und sich und das, was beim Bremsen im Auto durcheinander gefallen ist, erstmal sortieren. Mein Team und ich werden uns jetzt neu organisieren und die künstlerische Energie, die bereit gestanden hat, in andere Herzensprojekte stecken.

Klappt es denn 2022 auf jeden Fall mit dem „Ring“?
Wir tun alles dafür. Wir als künstlerisches Team und als Gestalter wollen diesen „Ring“ auf jeden Fall zur Aufführung bringen – und zwar als Ganzes. Es war für uns kein Thema, vorschnell irgendetwas zu reduzieren und nur zwei Opern aufzuführen oder so etwas. Das wäre zu schade – und in Bayreuth kann man das auch nicht machen.

Was bedeutet die Absage für Sie persönlich? Die Corona-Krise trifft Künstler ja besonders hart, auch finanziell.
Das ist de facto ein Berufsverbot, das uns hier auferlegt wurde. Für mich ist jedoch weniger der finanzielle Verlust entscheidend, sondern die Tatsache, dass wir als Künstler abgenabelt sind von unserem Publikum, das wir aber brauchen. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Ich fürchte da einen gewissen ideellen und gesellschaftlichen Kollateralschaden, hoffe aber einfach für uns alle, dass wir die Krise gut überstehen. Es ist künstlerisch ein Jahr, wie es das in der Geschichte nur in Kriegszeiten oder nach Vulkanausbrüchen gegeben hat – ein Jahr ohne Sommer.

Wird das Coronavirus Ihre Inszenierung noch einmal nachträglich verändern? Zum Beispiel mit einer Pandemie in der „Götterdämmerung“?
Das wäre doch jetzt sehr aus der Hüfte geschossen, wenn man die realen Erfahrungen auf Biegen und Brechen in dieses universelle Werk einbauen wollte. Unsere Arbeit daran wird eben jetzt für zwei Jahre eingefroren und dann nach dem Auftauen taufrisch zum Einsatz kommen.

 

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