Bayreuther Festspiele Buh-Rufe: Castorf verdirbt Petrenko den Applaus

Das Festspielhaus in Bayreuth. Foto: dpa

Bayreuther "Ring"-Finale mit Wagners "Götterdämmerung: Frank Castorf zeigt dem Publikum den Vogel und verdirbt Kirill Petrenko den verdienten Applaus.

 

Bayreuth - Am Ende gab‘s sogar Trillerpfeifen und Rufe „Ab nach Berlin!“. Frank Castorf stellte sich mit seinem Team lange dem Geschrei. Anfangs schien es, als wollte er etwas sagen. Dann zeigte dem Publikum den Doppelvogel und stolzierte wie ein Pfau an der Rampe herum, stolz darauf, dem Bildungsbürger die Stirn geboten zu haben.

Nach fünf Minuten schaute Kirill Petrenko durch den Vorhang. Mittlerweile hatte sich das Festspielorchester im Gemüseladen der Gibichungen aufgebaut. Es wurde wie der Dirigent frenetisch gefeiert. Doch auch die Buhs verstummten nicht, weil Castorf nicht mehr von der Bühne zu bringen und in seiner Eitelkeit anscheinend fest entschlossen war, Petrenko den Erfolg zu verderben.

Freunde werden die beiden wohl nicht mehr. Mittlerweile gehen einem langsam die Worte aus, um die Kunst dieses Dirigenten zu beschreiben. In der „Götterdämmerung“ holte er den Ingrimm und die kalte böse Wut der Musik heraus, ohne je den Klang ins Grelle zu übersteuern. Keinem Bayreuth-Dirigent der letzten Jahre gelang eine ähnlich perfektes Gleichgewicht zwischen den stets sehr präsenten, klangschönen Streichern und dem ganz unten im Graben sitzenden Blech mit seinem abgeblendeten Rauschen, das es so nur in Bayreuth gibt.

Petrenko nahm die Klarinetten und das Englischhorn wunderbar zart zurück, als in Siegfried die Erinnerung an Brünnhilde aufstieg. Ab dem Trauermarsch riskierte er auch den großen, erhabenen Wagner-Ton. Leichtfüßiger, feiner und nuancierter lässt sich der „Ring“ kaum vorstellen. Aber jedes weitere Lob treibt die Spannung vor Petrenkos Münchner Amtsantritt mit der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss nur noch höher - und so wenden wir uns lieber den Sängern zu.

Catherine Foster enttäuschte als Brünnhilde - aber auf hohem Niveau. Sie sang das Duett im ersten Akt, die Schwurszene im zweiten achtbar, am Schluss wirkte sie erst ab „Grane, mein Roß“ befreit. Lance Ryans Siegfried klang spätestens im dritten Akt nicht mehr schön, was etwas ungerecht abgestraft wurde. Buhs gab es auch für Attila Jun, der zwar als Type mit seiner Irokesenfrisur recht stimmig wirkt, aber viel zu rauhbeinig durch die Noten und den weitgehend unverständlichen Text stolpert. Dies wurde aufgewogen durch ausnahmsweise exzellente Rheintöchter (Mirella Hagen, Julia Rutigliano, Okka von der Damerau), eine ordentliche Gutrune (Allison Oakes) und den kraftvoll singenden Alejandro Marco-Buhrmester als Gunther. Er ist der einzige Veteran aus dem Thielemann-„Ring“.

Frank Castorf interessiert sich für tragikomische Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie Trinkgelage aller Art. Er findet es auch reizvoll, leichtfertige Damen in zu enge Kleider pressen zu lassen und mit viel falschem Haar zu schmücken. Die „Götterdämmerung“ gibt in dieser Hinsicht einiges her. Den lästigen Rest, den der Regisseur im Sprechtheater streichen und durch anderes Material ersetzen würde, hat er hier nur hingeschludert.

Mehr als an den früheren drei Abenden legt die Regie es darauf an, Erwartungen des Publikums zu düpieren. Die New Yorker Börse war bis kurz vor Schluss verhüllt wie der Berliner Reichstag und spielte am Ende kaum mit. Obwohl Ölfässer im Treppenhaus des VEB Chemische Werke Buna vor der Reklame „Plaste und Elaste aus Schkopau“ bereitstanden, fiel das finale Großfeuer aus: Die Bühne drehte sich zum Gemüseladen der Gibichungen an der Berliner Mauer, wo Hagen in ein brennendes Benzinfass starrte, ehe ihm per Video eine Beisetzung im Schlauchboot zuteil wurde.

Castorf setzte Alberichs Sohn demonstrativ mit dem toten Siegfried gleich. Beide Herren sind nicht sympathisch, nur was bringt es? Es lässt sich immer nur beschreiben, was dieser Regisseur nicht will: die große Erzählung, Pathos, Zusammenhänge und jenen intelligenten Beziehungszauber, von dem alle besseren „Ring“-Inszenierungen der letzten 30 Jahre lebten.

In Castorfs Sprechtheater-Arbeiten schlug der Zusammenprall dessen, was nicht zusammenpasst, fast immer Funken. Dieser „Ring“ ist dekonstruktivistisch im schlechten Sinn. Er verweigert nur. Wäre nicht das durch seine Wucht und verliebte Genauigkeit grandiose Bühnenbild von Aleksandar Denic, müsste man von einem Debakel sprechen. Und so rettet wohl vor allem Kirill Petrenko die ungleichen Wagnerschwestern vor der verdienten Nichtverlängerung.

Hier der Schlussapplaus: Erst verbeugt sich Kirill Petrenko, dann badet Frank Castorf im Buh- und Trillerpfeifengewitter

 

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