Bayern Kini-Jahr 2011: Ein Fall für Psychiater und Pathologen

Der Kini gezeichnet von Dieter Klama, Galerie der Zeichner, herzog-Rudolf-Straße 9, Tel: 24 29 44 33. Foto: galerie der zeichner / ho

Vor 125 Jahren endete der Märchenkönig im Starnberger See. Was geschah und warum bleibt er uns absurderweise heilig? Ein Interview mit Hubert Dorn, Generalsekretär der Bayernpartei, das überraschenderweise mit dem Mythos aufräumt:

 

Der Bayernkönig Ludwig II (1845 – 1886) ist unsere Traum-Projektionsfläche. Merkwürdig, denn die Verehrung leugnet die geschichtliche Wahrheit und blendet das Banale aus.

AZ: Herr Dorn, merkwürdigerweise verehrt man in Bayern gerade den König, der die Souveränität Bayerns aufgegeben hat, indem er dem Preußenkönig die Kaiserkrone anbot.

HUBERT DORN: Vollkommen richtig! Ludwig II. hat Bayern verkauft und verschachert und ist mitverantwortlich dafür, dass es damals zu dieser Reichsgründung kam. Aber das ist ja gerade das Interessante: Die Volksmeinung reflektiert nicht die historischen Fakten.

Es hat keinen bayerischen König gegeben, der so populär war wie Ludwig IL, obwohl er sich am wenigsten darum bemühte und in seiner Menschenscheu am wenigsten damit anfangen konnte.

Wenig volksnah heißt auch geheimnisvoll: die nächtlichen Schlittenfahrten, die romantischen Schlösser... Ludwig war eine Person, die mit ihrer Lebensweise einfach eine Vision bietet. Volksnah war er nicht, aber eine Vorbildfunktion hat er schon.

Ein weltfremder Psychopath als Vorbild?

Dieser König verkörpert mit seinen phantastischen Eskapaden die Idee des Aussteigens, des Sich-Verabschiedens von der Gesellschaft - und er hat ja auch die wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten dafür gehabt. Das ist ja ein zeitloser Gedanke, der für die Leute immer wieder attraktiv ist. Wenn Sie an Robinson Crusoe denken, die großen Pioniere des Wilden Westens... Aber die Faszination, die von Ludwig ausgeht, hat noch andere Gründe. In ihm personifiziert sich hier in Bayern der Gedanke: Wir waren einmal ein selbstständiger Staat, der seine Geschicke selbst gelenkt hat, in dem - ich sag' das jetzt einmal so verklärend - das Leben schöner war als heute.

Aber der mysteriöse Tod im Starnberger See trägt sicher auch dazu bei, dass man sich nach 125 Jahren noch mit Ludwig II. beschäftigt.

Merkwürdig ist allein schon, dass er bis heute nicht aufgeklärt ist. Man könnte jetzt die Frage diskutieren: Warum ist er nicht aufgeklärt? Tatsache ist, dass hier aus historischer Blickrichtung ein paar Punkte zu nennen wären, die - man muss schon fast sagen – in skandalöser Weise unterschlagen worden sind, obwohl sie auf der flachen Hand liegen.

Was meinen Sie?

Ja, wenn heute immer noch in allen Geschichtsbüchern steht, dass Ludwig II. ertrunken ist, und man liest die Fundberichte von damals, dass er schwimmend auf dem Wasser gefunden worden ist nach nur einer Stunde festgestellter Todeszeit, dann muss man ganz einfach sagen: Er ist nicht ertrunken! Weil jemand, der ertrunken ist, der geht erst einmal unter und bleibt am Grund und taucht erst nach 48 Stunden wieder auf.

Was ist dann passiert?

Ich sag's ganz ehrlich: Ich bin kein Anhängervon irgendwelchen Mordtheorien: dass das der böse Bismarck gewesen ist oder weiß Gott wer. Man muss sich ja bloß mal fragen: Cui bono? Wer hätte denn überhaupt Nutzen gehabt am Verschwinden des Königs?

Bismarck wohl nicht. Dessen Reichspolitik setzte ja gerade auf einen schwachen bayerischen König, der sich verabschiedet hat von der Politik.

Aber auch nicht die Bayerische Regierung. Wer konnte denen denn genehmer sein, als so ein weltfremder Phantast, der da droben in Neuschwanstein seinen Lohengrin abfeiert und sich nicht um Münchner Politik kümmert? Die einzigen, die trotz aller Gegenbeteuerungen ein Interesse am Tod des Königs haben konnten, war die Seitenlinie der Wittelsbacher, die mit der Absetzung des Königs selbst ans Ruder gekommen ist. Darauf deutet ja auch hin, dass das Haus Wittelsbach bis heute mit der Herausgabe der Akten über den Tod sehr zurückhaltend ist. Andererseits: Wenn sie jetzt mal die Umstände des Todes hernehmen, dann war der Tod etwas, was nicht geplant war. Das zeigt sich an der völlig konfusen Reaktion der Behörden und der Ärzte, die danach wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen agiert haben.

Also weder Ertrinken noch Mord?

Nein. Ich glaube etwas ganz anderes. Stellen Sie sich einmal vor: Es ist der 13. Juni - also Frühsommer bestenfalls. Es hat geregnet. Dieser König ist damals 41 Jahre alt, wiegt zwei Zentner fünfundzwanzig, hat keinen gesunden Zahn mehr im Mund, ist - wenn wir ehrlich sind - Alkoholiker und tablettenabhängig. Der gute Schwimmer, der er einst war, ist er längst nicht mehr. Körperlich ist er – man kann es sagen – ein Wrack. Psychisch ein Fall für den Psychiater, und zwar für viele Stunden. Der geht jetzt also mit dem Dr. Gudden spazieren und hat irgendwie den Vorsatz, dass er da flieht. Deswegen geht er an die Stelle, wo der Zaun ans Wasser geht. So und jetzt geht er ins Wasser und der Gudden ihm nach, und es kommt, was kommen muss: Der König dreht sich um und haut dem Gudden seinen Regenschirm rüber und drückt ihn unter Wasser, bis der kein Lebenszeichen mehr von sich gibt.

Aber daran ist Ludwig II. selbst ja nicht gestorben.

Naja. Das wäre für jeden von uns eine Extremsituation mit einer ungeheuren psychischen und physischen Belastung. Für den König aber ist es das noch viel mehr, da er physisch äußerst angeschlagen ist. Und psychisch in noch stärkerer Weise, weil der König unwahrscheinlich religiös, fast bigott ist. Und eines muss er wissen: Mein irdisches Leben ist keinen Schusser mehr wert. Aber jetzt, mit dem Mord, ist mein ewiges auch im Eimer. Das ist ihm in diesem Moment klar. So! Und in dieser Anspannung hat er jetzt den Gudden unter Wasser gehalten, und der ist also fort. Und er rennt weiter in den See raus, und der See wird immer tiefer... Ich weiß nicht wie lange Sie beim Baden brauchen, um ins Wasser zu gehen, aber es gibt Leute die brauchen ziemlich lang dafür, obwohl da ganz andere Bedingungen herrschen. Nun, der König muss sehr schnell rein, mit seinem ganzen G'wand, Vatermörder und so weiter... Also für mich hat den schlicht und ergreifend der Schlag getroffen.

Dramatisches Ende eines Märchenkönigs. Vielleicht lüften ja die Wittelsbacher einmal ihr Archiv, und der Fall wird noch einmal aufgerollt.

Ich glaube nicht. Die Wittelsbacher und der Bayerische Staat leben gut mit dem Geheimnis, die Königstreuen sowieso. Das ist wie beim Ungeheuer von Loch Ness. Stellen Sie sich mal vor, man würde das aufklären. Für den Fremdenverkehr eine Katastrophe. So aber pilgern auch dieses Jahr wieder Heerscharen an den See und überlegen, wie das ganze gelaufen sein könnte.

Adrian Prechtel

 

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