Bayern ICE-Strecke legt Frankens älteste Siedlung frei

Ärchaologen an der ICE-Strecke Nürnberg-Erfurt Foto: dpa

BAD STAFFELSTEIN - Moderne Technik trifft Steinzeit. Unter der künftigen ICE-Strecke Nürnberg-Erfurt liegen die Reste der ersten Siedlungen in Franken - sie ist 7000 Jahre alt. Die Ausgrabungen bei Bad Staffelstein geben die Sicht frei auf die Anfänge der menschlichen Zivilisation.

Größer könnte der Kontrast nicht sein: Beiderseits des Tals treiben Spezialmaschinen zwei Tunnel für die ICE-Strecke Nürnberg-Erfurt voran. Dazwischen legen Archäologen mit Schaufeln und Spaten Reste einer Siedlung aus der Jungsteinzeit frei. Die Epoche der Bandkeramik vor mehr als 7000 Jahren markiert einen bedeutenden Einschnitt in der Menschheitsgeschichte, den Wechsel von den nomadisierenden Jägern und Sammlern hin zu den sesshaften Bauern.   

Ursprünglich sind die Wissenschaftler davon ausgegangen, dass mehr als 5000 Jahre vor Christus in der Nähe der heutigen kleinen Ortschaft Püchitz bei Bad Staffelstein (Landkreis Lichtenfels) nur ein paar wenige Häuser errichtet wurden. Ähnliche, weit weniger umfangreiche Zeugnisse aus jener Zeit wurden schon vor Jahrzehnten auch in den Nachbarorten Altenbanz und Zilgendorf gefunden.

„Unsere Grabungen haben jegliche Erwartungen übertroffen“, betont Birgit Srock, eine der beiden Grabungsleiterinnen im Lärm der vorbeifahrenden Radlader mit Ausbruchmaterial aus den beiden Tunneln und den Betonmischern zum Ausspitzen der Tunnelschale. Auf und neben der künftigen Hochgeschwindigkeitstrasse wurden mittlerweile 18 Grundrisse von Gebäuden aus der Jungsteinzeit entdeckt, aber auch Palisadenanlagen, Gräber, Keramikgefäße und Werkzeuge wie eine Pfeilspitze aus Feuerstein. Mittlerweile deutet die enorme Größe des Areals von fünf Hektar darauf hin, dass es sich hier um eine sogenannte Mittelpunktsiedlung gehandelt hat.

Die Bandkeramik markiert für die Wissenschaftler die älteste Bauernkultur Mitteleuropas und damit auch einen Wechsel der Lebensweise und der Wirtschaftsform. Damals begannen die Menschen in Mitteleuropa, Häuser zu bauen, Getreide anzubauen, Tiere zu halten, statt nur zu jagen sowie Gefäße aus Keramik zum Kochen und zur Vorratshaltung zu produzieren. Deshalb trägt diese Epoche den Namen Bandkeramik.

Zuvor lebten Menschen in altsteinzeitlicher Tradition von der Jagd auf Wild, vom Fischfang sowie vom Sammeln von Beeren und Früchten, beschreibt der Heimatforscher Anton Köcheler die Tragweite des Wandels über sieben Jahrtausende hinweg. Auf hochwasserfreien Flussterrassen errichteten die Jäger ihre Lager aus lederbespannten Zelten. Für die Jagd sowie die Zerlegung und Verarbeitung ihrer Beute verwendeten sie Geräte aus Stein. Die Beutetiere lieferten Nahrung, Kleidung und das Material für die provisorischen Unterkünfte. Ihre Behälter bestanden aus Leder, Flechtwerk oder Rinde.

Seit Beginn der Grabungen im Frühjahr wurden in der Nähe von Püchitz rund 20 000 Einzelstücke gefunden und auf mehr als 5000 Seiten dokumentiert. Anhand einer deutlich dunkleren Färbung im Boden rekonstruieren die Archäologen die Umrisse der damaligen Häuser. Die Pfahlbauten waren einheitlich ausgerichtet. Die Wände zwischen den Holzpfosten bestanden aus Lehmgeflechten. Die Wetterseite wurde aus Bohlen errichtet, der Eingang der bis zu 30 Meter langen Häuser lag im Südosten.

Die rund 30 Spezialisten der Grabungsfirma arbeiten unter hohem Zeitdruck. Schon in wenigen Wochen müssen sie den Platz für den Damm der künftigen ICE-Trasse räumen. An der Stelle, an der Birgit Srock und ihre Leute vorsichtig Zentimeter für Zentimeter freilegen, wird ein Rettungsplatz für den nahen 3756 Meter langen Tunnel Eierberge entstehen und die bandkeramische Siedlung für immer unter Schotter, Beton und Asphalt begraben.

„Deshalb graben wird nur aus, was definitiv für immer zerstört wird“, erklärt Birgit Srock. Der größte Teil der Siedlung bleibt vorerst auch aus Kosten- und Zeitgründen unter einer schützenden Humusschicht verborgen. „Es geht ja nichts verloren; warum sollen wir das ausgraben, wenn es im Boden gut aufgehoben ist“, sagt die Urgeschichtlerin zu einem der bedeutendsten Funde im Freistaat aus der Jungsteinzeit.

Von Manfred Präcklein, dpa

 

0 Kommentare