Bayern Hügellauf statt Gipfelsturm

Illustration Foto: Mike Schmalz

Der Gipfel blieb den Läufern erspart. Wegen 70 cm Neuschnee wurde der Zugspitz-Lauf abgesagt. Gelaufen wurde aber trotzdem, denn stattdessen ging es auf die 1714 Meter hohe Grubigalm.

Auf der Terrasse liegen 70Zentimeter Neuschnee. Der Wind peitscht Eiskristalle über die Aussichtsplattform auf Deutschlands höchstem Berg, das Thermometer zeigt ein Grad unter Null. Das goldene Gipfelkreuz? Verborgen hinter einer weißen Wand.

Es ist Sonntagmorgen und eigentlich soll in diesen Minuten der umstrittene Zugspitz-Extremberglauf starten, bei dem im vergangen Jahr zwei Sportler starben. Doch diesmal wird es keine tödliche Tragödie geben: Der Veranstalter hat das Rennen im letzten Moment auf eine Ausweich-Strecke verlegt. Anstatt auf die 2962 Meter hohe Zugspitze führt die Route nun zur Grubigalm auf dem gegenüberliegenden Grubigstein.

„Es geht einfach nicht“, sagt Organisator Peter Krinninger(53). „Da oben würde man den richtigen Weg nicht mehr finden, außerdem besteht an manchen Stellen Lawinengefahr. Was soll ich denn machen? Ich kann den Schnee doch nicht wegschaufeln.“

Am Start, auf dem Martinsplatz in Ehrwald (Tirol), wollen das einige nicht wahrhaben. Empört stürmen sie ins Lauf-Büro und verlangen ihr Startgeld von knapp 70 Euro zurück. Einer, so wird erzählt, habe gar gedroht: „Dann lauf' ich halt alleine.“ Krinninger bleibt cool. „Egal, wie Sie entscheiden. Es gibt immer 20 Prozent, die nicht einverstanden sind.“

Die meisten der 479 Teilnehmer haben jedoch Verständnis für die Kursänderung. „Das ist nachvollziehbar“, sagt etwa Thomas Helbrecht (29). Der TÜV-Ingenieur und sein Kollege Dominik Kolter (26) sind am Samstagabend extra aus Köln angereist, um auf die Zugspitze zu laufen. Nun heißt ihr Ziel Grubigalm, ihr Weg ist nur noch 13,3 Kilometer lang und führt auf schlappe 1714 Meter. „Das ist schon schade“, sagt Kolter. „Aber dann kommen wir halt nächstes Jahr wieder.“

Auch die Garmischerin Billi Bierling (42), die im Mai den Mount Everest bezwang, ist enttäuscht. „Ich war auf dem Dach der Welt, aber noch nie zu Fuß auf der Zugspitze. Das wollte ich heute ändern“, sagt die 42-Jährige – und stärkt dem Veranstalter den Rücken. „Er ist ein gebranntes Kind und ich finde es toll, dass er das Rennen trotz allem wieder auf die Beine gestellt hat.“

2008 sei die Ausgangssituation allerdings anders gewesen, sagt Peter Krinninger. „Damals hat es erst während der Veranstaltung angefangen zu schneien.“ Der Wintereinbruch hatte viele der 600 Läufer überrascht, die zum Teil in kurzen Hosen und T-Shirts gestartet waren. Ein 41-Jähriger aus Witten und ein 45-Jähriger aus Ellwangen starben.

Das Amtsgericht Garmisch-Patenkirchen hatte deshalb am Montag einen Strafbefehl gegen Krinninger ausgestellt. Wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung soll er 13500 Euro zahlen. Krinninger hingegen sieht die Verantwortung bei den Läufern. Er hat Einspruch eingelegt.

Und aus 2008 gelernt. In die Teilnahmebedingungen wurde eine Klausel eingefügt, die es ermöglicht, Läufer auch gegen ihren Willen aus dem Rennen zu nehmen. Auf der Homepage von Krinningers Agentur getgoing heißt es außerdem: „Die tragischen Vorkommnisse beim Lauf 2008 sollen allen Bergsportlern, die in Zukunft teilnehmen wollen, eine massive Warnung sein.“ Vor dem Start wird den Toten mit einer Schweigeminute gedacht.

Im vergangenen Jahr brauchte der Sieger 2 Stunden und 7 Minuten bis ins eisige Ziel. Am Sonntag erscheint Ulli Dammenmüller schon nach 56 Minuten auf der Grubigalm. „Klar war ich heut’ morgen enttäuscht“, sagt der 36-Jährige und keucht. „Aber schauen Sie mal da rauf.“ Er zeigt auf die wolkenverhangene Zugspitze. „Das wäre lebensgefährlich gewesen.“ Außerdem, sagt der Schwabe, „wäre ich da nie Erster geworden. Ich bin kein Bergläufer, sondern Marathonspezialist.“

Knapp 20 Minuten hinter Dammenmüller joggt Berglauf-Legende Helmut Reitmeir ins Ziel (64). Dass es 2009 keinen Zugspitz-König gibt, stört ihn nicht: „So gibt es halt einen Sieger des ersten Grubigalmer Hügellaufs.“ Eine Gold-Medaille mit Zugspitz-Gipfelkreuz bekommt Ulli Dammenmüller trotzdem. Die Optik konnten die Organisatoren so schnell nicht mehr ändern.

Natalie Kettinger

 

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