Bayern Firma aus Bayern: Ekel-Geschäfte mit Leichenteilen

Die Firma Tutogen aus Oberfranken. Foto: Berny Meyer

MÜNCHEN - Die Firma Tutogen macht Geschäfte mit Toten. Pro Leiche können Gewinne von bis zu 250000 Dollar erzielt werden. Jetzt ermittelt die ukrainische Staatsanwaltschaft. Experten kritisieren den Kommerz mit dem Körper.

 

Ob Herzklappen, Sehnen, Bänder, Haut, Gewebe oder Knochen – das Geschäft mit menschlichen „Ersatzteilen“ und Medizinprodukten, die aus Leichen gewonnen werden, floriert. Denn der weltweite Handel mit Toten verspricht für die kommerzielle Gewebe-Industrie längst Milliardengewinne – besonders in den USA. Einsatz finden solche „Produkte“ vor allem in der Implantologie, der Zahnmedizin oder der Orthopädie, etwa zum Knochenaufbau. Auch in Deutschland wächst der Markt.

So umstritten aber in vielen Fällen der medizinische Nutzen ist, so zweifelhaft ist die Praxis vieler Firmen. Jetzt ist das im oberfränkischen Neunkirchen am Brand ansässige Pharmaunternehmen Tutogen Medical GmbH aufgrund seiner Geschäftspraktiken ins Visier von Kritikern geraten. Laut eines Berichts des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ lässt die bayerische Firma in der Ukraine im großen Stil Leichen ausnehmen, gegen die Tutogen-Partner ermittelt die Staatsanwaltschaft in Kriwoi Rog.

Pro Oberschenkel gab's 42,90 Euro

Wie aus zahlreichen vorliegenden firmeninternen Dokumenten hervorgehe, werden aus den Leichenteilen medizinische Produkte gewonnen. Ein Geschäft, das satte Profite garantiert. Die Firma aus dem Landkreis Forchheim liefert ihre Produkte in 40 Länder, bei Implantaten für die Zahnmedizin verzeichnete Tutogen Zuwachsraten von bis zu 30 Prozent.

Allein im Geschäftsjahr 2000/01 sollen laut Spiegel in der Ukraine 1152 Leichen für Tutogen genutzt worden sein. In seiner am heutigen Montag erscheinenden Ausgabe dokumentiert das Hamburger Magazin sogar Tutogens interne Preisliste für Leichenteile. Das Unternehmen zahlte demnach im Januar 2002 folgende Beträge an seine Partner: Für einen Oberarmknochen oder einen kompletten Oberschenkel je 42,90 Euro, für Herzbeutel je nach Größe 13,30 bis 16,40 Euro und für einen Schädelknochen 32,20 Euro.

Erst kürzlich erschien das vielbeachtete Buch „Ausgeschlachtet - Der menschliche Körper als Rohstoff“. Dort schreibt die Spiegel-Autorin Martina Keller: Auf dem US-Markt könnten Firmen aus einer einzigen Leiche Gewinne von bis zu 250000 US-Dollar erzielen. Unklar bleibt dabei jedoch oft, wie legal die „menschlichen Rohstoffe“ beschafft wurden. Den Angehörigen der Verstorbenen in der Ukraine soll zum Beispiel in vielen Fällen überhaupt nicht klar gewesen sein, was mit den Knochen ihrer Verwandten geschieht.

Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft

„Es ist skandalös, dass Tutogen sich in Ländern und Regionen der Welt seine Leichenteile besorgt, in denen die Praxis der Beschaffung, der Bearbeitung und der Zustimmung zur Entnahme von Körperteilen unklar und viel lockerer gehandhabt wird“, sagt Erika Feyerabend vom Forum zur Beobachtung der Biowissenschaften „BioSkop“.

Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Tutogen-Partner vor Ort: Mitarbeiter der Rechtsmedizin sollen sich in der Ukraine „durch Zwang und Betrug von Angehörigen die Zustimmung zur Entnahme von Gewebe und anderem anatomischen Material“ besorgt haben.

Der Leiter der Rechtsmedizin in Kiew, Wladimir Jurtschenko, bestätigte dem Magazin, dass auch heute noch Leichen ausgenommen würden, deren Knochen dann bei Tutogen landen. Während viele Angehörige in der Ukraine daran glauben, Leben zu retten, werden die aus Leichenteilen gewonnenen Produkte offenbar vor allem in den USA bei Patienten eingesetzt. Der medizinische Nutzen ist dabei häufig umstritten.

Die Firma Tutogen lehnte bisher jede Stellungnahme ab.

Der Körper als Ware?

"Der menschliche Körper darf nicht zur Ware werden“, fordert Erika Feyerabend von „BioSkop“. Die Essener Wissenschaftlerin, die seit Jahren den Medizinmarkt beobachtet, hält die aktuelle Entwicklung für historisch bisher einmalig und sehr gefährlich. „Wenn die Nachfrage nach menschlichen Körperteilen aus Profitinteressen angekurbelt wird, ist der kommerziellen Verwertung des Menschen Tür und Tor geöffnet. Dieser Markt ist völlig intransparent.“ Mit katastrophalen Folgen für die Menschen: „In vielen Fällen geht es überhaupt nicht um medizinisch notwendige Therapien, geschweige denn um Lebensrettung“, stellt die Expertin klar – auch wenn das viele Spender und Angehörige glauben sollten.

„Der Einsatz von Produkten aus menschlichen Leichenteilen ist vielmehr medizinisch häufig sehr zweifelhaft“, so Feyerabend: „Oft ist künstlicher Ersatz verträglicher und besser - und in vielen Fällen setzt man Leichenteile für kosmetische Verfahren in der Schönheitschirurgie ein.“ Es sei ein Skandal, dass Firmen wie Tutogen den menschlichen Körper zur Quelle ihrer Profite machen, kritisiert Feyerabend: „In Ländern, wo Menschen nicht einmal mehr ihre Arbeitskraft verkaufen können, wird neben dem illegalen Organhandel auch noch der illegale Handel mit Leichen stark ansteigen.“ Besonders in Ländern mit vielen Toten durch Krieg und Gewaltverbrechen. Das berühre ethische, kulturelle und religiöse Fragen von Tod und Sterben.

Das Geschäft mit den Ersatzteilen

Die Leiche als Rohstoff: Neben ganzen Knochen werden auch Augenhornhäute (rund 2000 Euro pro Stück), Gehörknöchelchen, Herzklappen, Gefäße, Sehnen oder Hautstücke verpflanzt. Doch besonders Gewebeprodukte aus Knochen finden in der Zahnmedizin und Orthopädie großen Absatz zum Knochenaufbau. Verwendet werden Knochen von Leichen als Granulat oder zurechtgefräßt zu Blöcken, Stiften und Nägeln.

Michael Backmund

 

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