Bayern Eine Stadt nimmt Abschied: Trauerfeier für die Opfer von Stein

Angehörige und Freunde versammeln sich zur Trauerfeier am Waldfriedhof in Traunreut. Foto: Mike Schmalz

STEIN A. D. TRAUN - Die Tränen, die Leere, der Schmerz: Hunderte Angehörige und Freunde haben am Dienstag an einer Trauerfeier für Sophie und Peter B. teilgenommen. Vater und Tochter waren beim Felssturz von Stein ums Leben gekommen.

 

Die Aussegnungshalle des Traunreuter Friedhofs mit den zwei Särgen und unzähligen Kränzen und Blumen ist überfüllt. Auch vor den Türen stehen Trauernde in Scharen und hören per Lautsprecher, wie Familie, Freunde, Kollegen und Mitschüler von Peter und Sophie B. Abschied nehmen. Der Familienvater (45) und seine Tochter (18) waren von einem riesigen Felsbrocken erschlagen worden. Fassungslosigkeit und Entsetzen steht den Menschen auf der Trauerfeier am gestrigen Dienstag ins Gesicht geschrieben.

Die Frage nach dem Warum bewegt die Trauergäste auch gut eine Woche nach dem schrecklichen Unglück, das Peter B.s Frau Ursula und sein Sohn Leon (16) wie durch ein Wunder und dank des aufopfernden Einsatzes von Feuerwehr, THW und Rotem Kreuz schwer verletzt überlebt haben. Die beiden können nicht an dem Abschied teilnehmen. Zu schlimm sind ihre körperlichen Wunden – zu schwer ihre seelischen Narben.

Sehr persönlich, überaus bewegend

Die Mitschülerinnen der Abiturientin Sophie und die Musiker-Freunde von Peter B. gestalten eine sehr persönliche, eine überaus bewegende Feier. Der Abschied von Vater und Tochter fällt vielen unglaublich schwer. Die fröhlichen Sonnenstrahlen wirken fast wie ein Affront der Natur, die mitgeholfen hatte, mit ihrer schieren Urgewalt die beiden Menschen in einen jähen Tod zu reißen.

Traunreut wirkt kurz vor der Trauerfeier wie gelähmt. Ob im Döner-Lokal Pinoccio, im City-Haus oder in der Osteria Rossi: Überall ist der Unglücksfall Thema. Passanten bleiben an den Schaufenstern des Traunreuter Anzeigers stehen, in denen mehrere Seiten mit der Berichterstattung über den Felssturz hängen. „Das einzig Gute ist die Hilfsbereitschaft der Leute“, sagt eine Hausfrau. Deutlich über 150 000 Euro sind schon für Familie B. gespendet worden – damit ihr Leben nach der Katastrophe wenigstens materiell einigermaßen abgesichert ist. Die seelische Seite, das wissen auch die behandelnden Ärzte im Klinikum Traunstein, wiegen noch viel schwerer.

Schon lange vor der Trauerfeier in der kleinen Aussegnungshalle kommen die ersten Mitschüler von Sophie, die im Johannes-Heidenhain-Gymnasium die K13 besuchte. Mit verweinten Gesichtern, die Augen hinter dicken Sonnenbrillen verborgen, halten sie Blumen und kleine Abschiedsgeschenke in Händen.

Weiße und rote Rosen

Es wird sehr eng, das hatte Hermann Schätz, der Großvater der toten Sophie, schon vorausgeahnt: „Es gibt sehr viele Menschen, die ihrer Zuneigung Ausdruck verleihen wollen.“ Und so wird aus dem Ereignis am Traunreuter Friedhof, das er mit seinem Sohn Bernhard als „Trauerfeier zweier Familien, die wir sehr eng halten“, organisiert hat, zu einem großen Abschied.

Und zu einem überaus emotionalen. In der schlichten Trauerhalle stehen nebeneinander die beiden schlichten, hellen Eichensärge. Auf Sophies liegt ein großer Strauß weißer, auf der von Peter B. einer aus roten Rosen. Schräg dahinter das vergrößerte Sterbebild mit Vater und Tochter.

„The answer is blowing in the wind“ erklingt – Bob Dylan war der erklärte Lieblingssänger des begeisterten Musikers Peter B., der Saxophon und Gitarre spielte.

Warum muss es immer besondere Menschen treffen?

Der Trauerredner verweist auf die beinahe zynisch wirkende Art und Weise, auf die Vater und Tochter ihr Leben verloren. Er erzählt von der Freude der Familie, als sie nach langer Suche ihr Haus in Stein an der Traun gefunden hatte. Und erinnert an das Engagement des gelernten Schreiners Peter B. bei der Renovierung.

Warum muss es immer besondere Menschen treffen? Eine Frage, auf die in der Traunreuter Aussegnungshalle niemand eine Antwort findet. Auch Traunreuts Bürgermeister Franz Parzinger nicht, der erklärt: „Das ist bitter. Wir stehen den Naturgewalten ohnmächtig gegenüber.“

Tragödien wie diese machten den Menschen wieder einmal auf brutale Weise klar, „wie verwundbar und zerbrechlich unser Leben ist“. Augenblicke und Zentimeter hätten bei der Familie den Ausschlag zwischen Leben und Tod gegeben.

Peter B. war sozial engagiert, er arbeitete in einem Behindertenheim in Seeon. Politisch war er bei der Linken daheim. „Von Anfang an“, so Linke-Kreisvorsitzender Peter Kurz, der ebenfalls mit bewegten Worten den Verstorbenen würdigt. Sophies Mitschüler verabschieden sich mit einer liebevoll zusammengestellten Bilderschau von der jungen Frau, die Philosophie studieren wollte und der Welt mit großer Begeisterungs-Bereitschaft gegenüberstand.

Peter B.s Musikerfreunde von den „Flying Fences“ verabschieden sich mit dem Stück „Footprints“ – und Fußabdrücke hat der 45-Jährige in seinem kurzen Leben viele hinterlassen.

War es eine Ahnung von der Vergänglichkeit, ein Hauch von Erkenntnis der nahenden Katastrophe? Vor nicht allzu langer Zeit hatte Sophie über den Tod gesprochen, auch über ihren Tod. Und Freunden erklärt, dass auf ihrer Beerdigung Nick Caves „Into my arms“ gespielt werden soll. Gestern ging ihr letzter Wunsch in Erfüllung.

Nach der Feier werden die Särge von Peter B. und Sophie ins Krematorium gebracht. Ihre Urnen will man später im engsten Familienkreis mit Mutter und Sohn beisetzen. „Wir wollen die beiden nicht ausschließen,“ hatte Ursula B.s Bruder Bernhard Schätz im Vorfeld erklärt.

Rudolf Huber

 

0 Kommentare