Bayern AZ-Report: „Da tut es besonders weh“

Das Kloster Schäftlarn im Landkreis München. Derzeit leben hier 30 Internats–Schüler. In den 1960er Jahren wurden hier Kinder geschlagen und missbraucht. Foto: dpa

In seiner Zeit als Internatsschüler im Kloster Schäftlarn erlebte Werner Hebel Schläge mit dem Bambusstock. In Augsburg zwingt das Bistum einen Pfarrer zur Selbstanzeige.

 

Gewalt, Demütigungen, Missbrauch – es muss die Hölle gewesen sein, was Schüler in Einrichtungen erlebt haben, denen sie anvertraut waren. Ettal, Etterzhausen oder auch die nicht-kirchliche Odenwald-Schule sind zum Synonym für ihr Martyrium geworden. Und die schockierenden Enthüllungen reißen nicht ab. Immer mehr Opfer brechen ihr Schweigen. Sie wollen erzählen, was ihnen widerfahren ist. So auch Werner Hebel. Er besuchte zwei Jahre lang das Internat im Kloster Schäftlarn.

Der Allgemeinmediziner aus dem Allgäu erinnert sich an brutale Übergriffe, die er im Alter von zehn und elf Jahren über sich ergehen lassen musste. 1960 und 1961 war das.

Bislang waren aus dem Kloster Schäftlarn „nur“ die Taten des pädophilen Paters Bonifaz bekannt geworden. Er hatte Buben nach dem Duschen einer entwürdigenden Leibesvisitation unterzogen (AZ berichtete). Acht Monate lang saß er in Haft. Doch Ex-Schüler Hebel sagt: „Bonifaz war eher einer der netteren.“ Freilich war es Werner Hebel damals mehr als peinlich, als der Pater ihn, den kleinen Schüler, aufforderte, den Unterschied zwischen einer Kuh und einem Stier zu erläutern. „Da habe ich gemerkt, dass er mit dieser Geschichte um etwas herumschleicht, das mir unangenehm war.“ Aber mit anderen Patres verbindet der inzwischen 59-jährige Arzt noch deutlich schlimmere Erinnerungen. „Für Bagatellen gab es perfideste Strafen.“

Da war zum Beispiel Pater H. Weil der Schüler Werner Hebel im Schlafsaal beim Ratschen erwischt wurde, gab es 15 Schläge mit dem Bambusstock auf die Pyjamahose. „Die musste man dann im Anschluss runterziehen, damit Pater H. sich ein Bild über die Wirksamkeit der Strafe machen konnte.“ Rote Rillen auf einem nackten Bubenpopo – mit der Hand befühlte der Pater die Spuren der Züchtigung. Auch nach fast 50 Jahren kann Werner Hebel das nicht vergessen.

Gefährlich war es offenbar auch, im Speisesaal während der Tischlesung Kontakt zu anderen Schülern aufzunehmen. Wer erwischt wurde, musste sich laut dem Ex-Schüler ein Holzscheit aussuchen – um darauf den Rest des Essens zuzubringen. Auf Knien. Bis zu einer halben Stunde dauerte diese Prozedur.

Schmerzhaft auch die Schläge mit dem Lineal, die zum Repertoire der Schäftlarner Strafen gehörten. Mit der Kante auf die Handrücken. „Da tut es besonders weh.“

Und als sich der Unterstufen-Schüler im Latein-Unterricht einen Fehler beim Deklinieren leistete, packte ihn Pater P. an den Schläfen-Haaren und verdrehte die Haut zwischen den Fingern. „Dann musste ich Kniebeugen machen und das Verb in allen Formen wiederholen.“

Klar, die Prügelstrafe wurde an bayerischen Schulen erst 1980 verboten. Trotzdem sagt Werner Hebel heute: „Es ist zu allen Zeiten nicht akzeptabel gewesen, Kinder so herzuwatschen.“ Systematisch und perfide seien die Strafen gewesen, die seiner Angabe nach von fünf bis sechs Patres ausgeteilt worden sind. „Ich hatte den Eindruck, dass es da eine Unzahl an verbitterten Patres und Fratres gegeben hat, die ihre Unzufriedenheit an uns ausgelassen haben.“

Nachdem Hebel zwei Jahren im Kloster Schäftlarn zugebracht hatte, zogen seine Eltern mit ihm ins Allgäu. Ihnen anvertraut hat er sich damals nicht. „Damit hätte man ja zugegeben, dass man für etwas bestraft worden ist.“

Im Kloster Schäftlarn werden derzeit mehrere Hinweise aufgearbeitet. Zu den Vorwürfen von Werner Hebel sagt der heutige Internatsleiter Stefan Günzel: „Ich will so etwas nicht bestreiten. Ich kenne die schwarze Pädagogik dieser Zeit.“ Sobald etwa Neues zu Tage trete, werde man damit an die Öffentlichkeit gehen.

Zu diesem Schritt hat sich nun auch das Bischöfliche Ordinariat in Augsburg entschieden. Elf Jahre nach einem möglichen Missbrauchsfall im Bistum Augsburg hat die Diözese einen Priester zur Selbstanzeige gezwungen. Das Ordinariat hat den eigenen Angaben zufolge bereits seit 1999 von dem Verdachtsfall gewusst.

Eltern hätten damals über „moralisch fragwürdige Verhaltensweisen“ des Gemeindepfarrers gegenüber Kindern berichtet. Gleichzeitig hätten die Eltern darum gebeten, kein öffentliches Aufsehen zu erregen und von einer Strafanzeige abzusehen. Der Priester sei versetzt und nun auch von seinen jetzigen Aufgaben entbunden worden.

Der beschuldigte Pfarrer selbst hat bestritten, dass sein Verhalten gegenüber Kindern und Jugendlichen die Schwelle des moralisch oder rechtlich Erlaubten verletzt habe.

Julia Lenders

 

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