Bayerisches Staatsschauspiel Wedekinds "Lulu", inszeniert von Bastian Kraft im Marstall

Juliane Köhler, Liliane Amuat und Charlotte Schwab in "Lulu". Foto: Birgit Hupfeld

Bastian Kraft inszeniert Frank Wedekinds „Lulu“ im Marstall – und das mit glänzenden Ideen

 

Ob sie den Vorstellungen der Zuschauer entspreche, fragt sie das Publikum. An dieser Stelle ist Lulu bereits in großer Bedrängnis, denn sie hat ihren aktuellen Gatten erschossen und sitzt im Gefängnis.

Das Spiel mit dem Wort „Vorstellungen“ wird in der Inszenierung von Bastian Kraft immer wieder gespielt. Manchmal sind die Theaterdarbietungen als solche gemeint, oft aber die Vorstellungen, die sich Menschen von Bühnenfiguren machen. Bei „Lulu“ klappt sich zuverlässig das Bild von Eros und Trieb auf und vor allem von einer sehr jungen verführerischen Frau, die zu begehren tödlich enden kann.

Frank Wedekind arbeitete sich von 1892 bis 1913 an dieser Frau mit dem monströsen Sex-Appeal ab und lässt sie in einem Prolog von einem tierbändigenden Zirkusdirektor als Schlange, „geschaffen, Unheil anzustiften“, einführen.

Drei Conférenciers im Selbstgespräch

Die landläufige Vorstellung, die sich mit Lulu verbindet, platzt mit dem ersten Auftritt auf der aufgeräumten Bühne von Peter Baur: Sie ist selbst der Zirkusdirektor in schwarzem Frack mit streng nach hinten gekämmtem Haar und das auch noch zu dritt. Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab spielen aber nicht drei Lulus, sondern sind ein einziger Conférencier in angeregtem Selbstgespräch.

Man redet viel über das Stück und stellt sich die Frage, was das eigentlich ist, was man da spielt: Eine Tragödie? Ein Konversationsstück? Ein Schauermärchen? Bastian Kraft bedient das alles, denn Wedekind brachte auch Kolportage und Vaudeville-Effekte in Stellung gegen die Scheinmoral des Bürgertums, gegen die er anschrieb.

Gut 100 Jahre später ist der Dramatiker selbst Anlass für Zweifel an seiner Moral, denn das Frauenbild, das er entworfen hat, entspricht nicht mehr heutigen Vorstellungen. Deshalb durchkreuzt Lulu gleich zu Beginn die erwartbaren Erwartungen: Sie wird sich nicht ausziehen, sie wird nicht auf die Knie gehen und sie wird auch nicht sterben. Stattdessen träumt sie am Ende in London davon, ein weiblicher Jack the Ripper zu sein, vor der Väter ihre Söhne warnen und die die Genitalien ihrer Opfer als Trophäen in Aldehyd sammelt.

Messerscharfe Ironie

Solche schlichten Umkehrungen sind erfreulicherweise die Ausnahme. Vielleicht ist Bastian Krafts Inszenierung im Marstall sogar das Beste, was diesem Stoff heutzutage passieren kann. Das hat vor allem mit der wunderbaren Lulu-Dreifaltigkeit zu tun. Der Eros der Frauen aus drei Generationen ist die souveräne und messerscharf intelligente Ironie.

Die unvermeidliche Besserwisserei von uns Nachgeborenen in Genderfragen, die ebenso modische wie lästige Selbstbefragung des zeitgenössischen Theaters und manche sicherlich schlauen Textpassagen, die aus einem Einführungsvortrag stammen könnten, werden nicht nur erträglich, sondern zu Schauspielerei der Premiumklasse veredelt.

Um mit dem Damentrio das ganze Bestiarium der „Monstretragödie“ auftreten zu lassen, kommt Bühnentechnik zum Einsatz, die auch erfahrene Theaterzuschauer staunen lässt. Beim Schattenspiel interagieren die Schatten der Schauspielerinnen mit diesen und können auch ganz eigene Wege gehen.

Und selten funktionieren Videoeinspieler so sensationell wie in der Produktion von Kevin Graber, für die, was in der Theaterkritik unüblich ist, auch die Maskenbildner erwähnt werden sollen. Lena Kostka und Christian Augustin machen aus Amuat, Köhler und Schwab von der Gräfin Geschwitz über den glatzköpfigen Doktor Schön und dessen wuschelig unfrisierten Sohn Alwa bis zum muskelbepackten Kraftartisten Rodrigo einprägsame Charakterköpfe mit einem verspielten Hauch von Karikatur.

Marstall, die nächsten Vorstellungen bis Ende des Jahres sind ausverkauft, Telefon 21851940


 
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