Bayerisches Staatsschauspiel Oliver Stokowski über sein München-Comeback und einen "Riss durch die Welt"

Der reiche Unternehmer Tom (gespielt von Oliver Stokowski, rechts) wünscht sich einen neuen Gesellschaftsentwurf. Kann ihm der junge Jared (Benito Bause) eine neue Perspektive eröffnen? Foto: Sandra Then

Oliver Stokowski spielt heute in der Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Der Riss durch die Welt" im Cuvilliéstheater.

 

Und weiter geht es mit dem Eröffnungsreigen am Bayerischen Staatsschauspiel unter dem neuen Intendanten Andreas Beck. Heute bringt Regisseur Tilmann Köhler ein neues Stück von Roland Schimmelpfennig zur Uraufführung im Cuvilliéstheater: In "Der Riss durch die Welt" spielt Oliver Stokowski einen reichen Unternehmer.

AZ: Herr Stokowski, Sie waren von 1993 bis 2001 Ensemblemitglied am Residenztheater und sind nun nach langer Zeit wieder hier zurück. Kennen Sie sich denn noch in den Gebäuden aus?
OLIVER STOKOWSKI: Ja, natürlich. Ich war ja fast ein Jahrzehnt lang da, insofern sind viele dieser Räume mit Erinnerungen verbunden. Wobei das Cuvilliéstheater gerade innen renoviert wurde, da musste ich dann schon etwas suchen, bevor ich hoch zur Probebühne fand. Aber als ich dort zum ersten Mal wieder stand, hatte ich viele Déjà-Vus. Wir hatten zahlreiche Stücke dort geprobt.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel gleich mein erstes Stück am Residenztheater. 1993 war das, "Die Wildente" von Ibsen. Der damalige Intendant Eberhard Witt hatte mich aus Hannover hierher mitgebracht und teilte mir zum Saisonstart mit, dass ich Hjalmar Ekdal spielten sollte, was gleich mal eine große Rolle war – und für mich doch etwas verwunderlich, weil diese Figur eigentlich in der Regel von älteren Schauspielern gespielt wird. Ekdal hat eine vierzehnjährige Tochter, ist eher Mitte 40 oder älter. Ich war aber Anfang Dreißig und fand, dass ich zu jung war. Witt meinte, nein, du musst jetzt in dieses Fach rein.

Und, hat es funktioniert?
Ja, Gott sei Dank. Es war ein toller Einstieg, eine gelungene Inszenierung. Thomas Reichert inszenierte damals, der alte Kurt Meisel hat meinen Vater gespielt. Sowas vergisst man nicht.

Sie haben danach zum Beispiel Hamlet am Resi gespielt, unter der Regie von Matthias Hartmann.
Ja, wir haben damals im Foyer des Residenztheaters das Spiel im Spiel gezeigt, also das kurze Stück, das Hamlet mit einer Gruppe Schauspieler vor seiner Mutter und seinem Stiefvater spielt: den Königsmord! Wir haben die Leute aus dem Zuschauerraum ins Foyer geführt, um ihnen diese Szene vorzuspielen. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Oder an "Die Eingeschlossenen" von Sartre, auch im Cuvilliéstheater. Ich habe den Franz gespielt, einen Kriegsverbrecher, der sich jahrelang in seinem Zimmer einschließt und dann durchdreht. Barbara Melzl und Juliane Köhler waren dabei…

…die Sie jetzt beide wieder im Ensemble treffen.
Ja! Juliane und Barbara kenne ich noch aus Hannover, wo ich 1989 als Anfänger begann. Ich hatte in Graz Schauspiel studiert und sprach bei Eberhard Witt vor, der damals noch Betriebsdirektor am Theater an der Wien unter dem Intendanten Peter Weck war. So begann unser gemeinsamer Weg. Witt hat mir von Anfang an große Rollen anvertraut, hat mir damit die steinige Laufbahn des Tablett-Trägers erspart. Als Schauspielschüler stellt man sich ja darauf ein, dass man in den ersten Jahren möglicherweise vor allem Tabletts über die Bühne tragen muss. Aber bei Witt war das anders.

Sie bekamen Tabletts gebracht?
Nicht ganz. Die erste Rolle, für die mich Witt in Hannover besetzte, war im "Weibsteufel" von Karl Schönherr. Als ich das Textbuch bekam, stand drin, dass ich den "Jäger" spielen sollte. Barbara Melzl spielte die Frau. Klar, dachte ich, Jäger, da werde ich irgendwo im Hintergrund mit der Flinte durch den Wald stiefeln. Aber im Buch stand gleich am Anfang dieser Dialog: Frau-Jäger-Frau-Jäger… ein Dreipersonen-Stück! Da ging mir gleich mal die berühmte Düse. Aber letztlich war es natürlich super.

Als Dieter Dorn im Sommer 2001 das Residenztheater von Eberhard Witt übernahm, verließen Sie das Haus. Nach diversen Engagements, in Bochum oder Wien, feiern Sie nun hier Ihr Comeback.
Ja, ein Comeback mit Beck! Andreas Beck war in den Neunzigern, als ich hier spielte, ein junger Dramaturg, er hat mich in einigen Stücken begleitet. Vor zwei Jahren habe ich in der "Geburtstagsfeier" bei den Salzburger Festspielen mitgespielt, da haben Andreas Beck und Ingrid Trobitz, die jetzt stellvertretende Intendantin des Residenztheaters ist, und ich uns wieder getroffen. Schon da kam die Idee auf, eines Tages wieder zusammenzuarbeiten. Als kurz danach bekannt wurde, dass Andreas Beck das Residenztheater übernimmt, war die Sache klar. So was nennt man wohl Schicksal. Das Tolle daran ist: Ich springe nicht auf einen fahrenden Zug auf und muss meinen Platz im Ensemble finden, sondern wir alle steigen jetzt in diesen Zug und fahren zum ersten Mal los. Besser kann es gar nicht sein: dass wir uns hier gemeinsam eine neue Theaterfamilie schaffen.

Sie fangen dabei mit einem Stück von Roland Schimmelpfennig an, den Sie ebenfalls schon kennen.
Ja, wir haben 2015 am Burgtheater zusammengearbeitet, Roland Schimmelpfennig hat dort sein Stück "Das Reich der Tiere" selbst inszeniert. Ich habe mich sehr gefreut, als mir Andreas Beck sagte, dass ich bei der Uraufführung eines neuen Stücks von Roland Schimmelpfennig dabei sein werde.

Das Stück hat den Untertitel "170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung", Schimmelpfennig wechselt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Ist es da nicht schwer, einen Figurenbogen zu spannen?
Es ist erstmal ziemlich überraschend, wenn man das liest. Die Arbeit war dann ähnlich wie beim Film, wo auch nicht chronologisch gedreht wird. Da tut man immer gut daran, sich eine Kurve zu überlegen: Auf welchem emotionalen Level stehe ich gerade? Ich habe mal unter der Regie von Jürgen Gosch "Peer Gynt" in Bochum gespielt, der hat mich vier Stunden über die Bühne gejagt. Das war für mich eine körperliche Höchstleistung, ein Marathon. Jetzt liegt die Anstrengung nicht in der körperlichen Verausgabung, sondern in der Konzentration. Letztlich hat Schimmelpfennig eine sehr präzise Partitur verfasst, mit zahlreichen Pausen, die exakt gesetzt sind und Sinn machen. Dem müssen wir ziemlich genau folgen. Sonst fliegen wir aus der Kurve und die Zuschauer gleich mit.

Das Stück passt dabei gut zum Spielzeit-Motto, "Was ist der Mensch?"
Ja! Was ist der Mensch heute? Was ist er in der Welt? Der Riss durch die Welt, der zieht sich durch die Gesellschaft. Und es gibt ein paar wenige superreiche Industrielle, an deren Fäden Politiker wie Marionetten hängen. Im Stück heißt es: "Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsentwurf!".

Wobei das ein Satz ist, den Ihre Figur sagt: Tom, der superreiche Unternehmer.
Eben. Und er stellt seine eigene Existenz damit in Frage. Tom sitzt auf seinem Berg und schaut zu, wie langsam die Welt untergeht.

Die Apokalypse ist dabei in den Text eingeschrieben: Schimmelpfennig spielt immer wieder auf die zehn biblischen Plagen an. Tom träumt davon, dass sein Fleisch verwest und Fliegen ihn auffressen.
Ja, er ist der Älteste von allen, der Tod ist ihm näher als den anderen. Dieser Traum steht auch symbolhaft dafür, dass der Prozess seines Sterbens bereits in Gang gesetzt ist. Er wohnt oben in seinem Glashaus, hat sich vom Rest der Menschheit abgekoppelt. Glücklich ist er da auch nicht. Aber wer ist schon glücklich?

Hoffentlich macht das Theater ein bisschen glücklich.
Ja. Wenn es gut läuft, dann macht es glücklich. Ich muss sagen, heute kommt mir diese Arbeit noch wertvoller vor. Gerade jetzt, nachdem ich schon so viel gemacht habe und nun nochmal bei einem Neuanfang dabei bin, weiß ich umso mehr zu schätzen, dass ich diesen Beruf ausübe. Wie schön, dass das jetzt stattfindet. Als Anfänger haben mich Versagensängste gequält. Ich quäle mich heute zwar manchmal immer noch, aber vielleicht ein wenig konstruktiver. Wenn man auf diese Angst aufspringt, wie Peer Gynt auf seinen Bock, der über die Bergspitze galoppiert, wenn es einem gelingt, sich von dieser Angst tragen zu lassen, dann rückt man dem Glücklich-Sein ein ganzes Stück näher.

Cuvilliéstheater, Premiere am 8. November, 19.30 Uhr


 
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