Bayerisches Staatsschauspiel Nora Schlocker über „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer

Die Regisseurin Nora Schlocker. Foto: Residenztheater

Zum Saisonauftakt unter dem neuen Resi-Chef Andreas Beck bringt Nora Schlocker Ewald Palmetshofers Stück „Die Verlorenen“ zur Uraufführung

 

Der Eröffnungsreigen einer neuen Intendanz ist immer etwas Besonderes, gerade, weil das anfangs Gezeigte gerne als wegweisend für das, was noch kommen mag, interpretiert wird. Für seinen Start als Chef des Bayerischen Staatsschauspiels wollte Andreas Beck sich nicht auf die Kraft der Klassiker verlassen, sondern mit Auftragswerken frische Signale setzen. Simon Stone sollte dabei am Freitag mit vielen aus dem Ensemble „Wir sind hier aufgewacht“ im Cuvilliéstheater uraufführen, doch weil Stone während der Vorproben erfuhr, dass er mit Netflix ein lang gehegtes Traumprojekt verwirklichen kann – den Historienfilm „The Dig“ mit Ralph Fiennes -, mussten sämtliche seiner Theaterunternehmungen erstmal auf Eis gelegt werden.

Und schon musste Beck umdisponieren: Am Sonntag ist jetzt die eigentlich für später vorgesehene Münchner Premiere von „Die drei Musketiere“ im Cuvilliéstheater zu sehen – eine Inszenierung aus Becks Basler Zeit: ein alter Stoff, in komödiantischer Verpackung. Der Startschuss aber fällt am Samstag mit einem neuen Stück des Linzer Dramatikers Ewald Palmetshofer: „Die Verlorenen“ wird von Nora Schlocker inszeniert, die als neue Hausregisseurin am Residenztheater wirken wird.

AZ: Frau Schlocker, wie groß ist die Aufregung vor einer Eröffnungs-Premiere?
NORA SCHLOCKER: Es geht eigentlich. Ich habe mich zunächst mal wahnsinnig über Andreas‘ Einladung gefreut, mit einem Stück von Ewald Palmetshofer zu eröffnen. Als Regisseurin muss ich sowieso immer den Außenraum gedanklich verdrängen, sonst wäre ich gar nicht handlungsunfähig. Ich muss bei der Arbeit Spaß haben und mich auf diesen Stoff konzentrieren können, was letztlich gut geklappt hat. Es ist ja nicht leicht, bei so einer ersten Arbeit gleich zu einem Team zu werden. Wir waren aber früh ein produktives, spielfreudiges, vertrauensvolles Grüppchen.

Zuvor haben Sie bereits zwei andere Stücke von Ewald Palmetshofer, „Edward II. Die Liebe bin ich“ nach Christopher Marlowe und „Vor Sonnenaufgang“ nach Gerhart Hauptmann, in Wien und Basel zur Uraufführung gebracht. Beides waren Überschreibungen. Für „Die Verlorenen“ hatte Palmetshofer keine Vorbilder.
Man merkt, dass Ewald dieses Mal ausschließlich aus seinem eigenen Sprachkontingent schöpft. Ich mag seine Überschreibungen sehr, sein Sich-Reiben an vorgegebenen Strukturen. Letztlich versucht er in seinen Stücken immer, mit dem Unbehagen, dass die Welt in ihm auslöst, umzugehen. Manchmal benützt er dazu eine Folie, manchmal eben nicht. Ich hatte das Gefühl, dass er sich bei den „Verlorenen“ für die Themen, die ihn beschäftigen, noch mehr Raum als sonst nehmen konnte.

Wie würden Sie den Inhalt des Stücks zusammenfassen?
Rein auf der Story-Ebene geht es um eine Außenseiterin, die nicht ganz so angepasst in der Gesellschaft lebt und eine Auszeit braucht. Sie verlässt ihren Sohn, wobei dieser sowieso bei ihrem Ex-Mann und deren Freundin lebt und sie ihn nur an bestimmten Wochenenden sehen kann. Sie zieht sich in das Haus ihrer Großmutter auf dem Land zurück. Dort herrscht aber keine Idylle: Das Haus ist heruntergekommen, in der Nähe liegt eine Tankstelle als ein letzter abgewrackter Ort der Zusammenkunft, plus eine Großraumdisko mit betoniertem Parkplatz.

Die Frau könnte eine Art Burn-Out erlebt haben, beziehungsweise in einer Depression stecken.
Ja, sie ist auf jeden Fall an einem Grenzpunkt in ihrem Leben angekommen. Dieser Rückzug aufs Land läuft dann nicht so ab wie geplant. Was dann weiter passiert, möchte ich ungern verraten. Stark an dem Stück ist, dass diese Geschichte in eine Klammer, eine Polyphonie von Stimmen „einzelner“, „einiger“, „anderer“ eingebettet ist – in einen Akt des Aussprechens unserer Angst, unserer Mühsal, unserer Suche, die sich offen zum Zuschauerraum richtet: „Hört uns jemand, ist da wer“. Ewald greift hier erneut das Bild des „leeren Himmels“ auf.

Sprich: Er fragt, ob es einen Gott gibt.
Ja. Was ist der Mensch versus Gott, und ist da überhaupt jemand? Und wenn da niemand ist, was bedeutet das für die moralischen Regeln, die wir uns auferlegt haben. Heißt es nicht, dass wir diese eigentlich abschaffen könnten? Was bedeutet das aber für unsere Selbstverantwortung, für unser Mensch-Sein? Wir leben in einer Zeit, in der wir eine starke Verrohung des Miteinanders empfinden, auch im sprachlichen Umgang. Der Schwächere wird in der heutigen Politik tendenziell als überflüssig angesehen und dementsprechend abgeräumt. Aber haben wir am Ende nicht nur uns? Insofern liegt in dem Stück auch ein Impetus für ein verantwortliches menschliches Miteinander.

Das Spielzeitmotto lautet ja „Was ist der Mensch?“
Ja, das ist natürlich kein Zufall, dass das Stück genau diese Frage auch behandelt.

Sie hatten ja schon mal einen Anfang hier am Residenztheater erlebt: Im Rahmen des Eröffnungsreigens von Martin Kusejs Intendanz inszenierten Sie Hebbels „Gyges und sein Ring“. Warum haben Sie danach nicht weiter hier inszeniert?
Weil es mir hier damals ehrlich gesagt nicht so gut gefallen hat. Jede Theaterfamilie funktioniert ja anders; die Erfahrungen sind dann einfach mehr oder weniger glücklich. Genau zu diesem Zeitpunkt haben sich für mich andere Weichen gestellt: Ich konnte nach Düsseldorf gehen, später nach Basel. Außerdem habe ich meine erste Tochter bekommen und beschloss, dass ich nicht fünf oder sechs Produktionen in einer Spielzeit machen will. Dann guckt man schon genau, in welchen Konstellationen man arbeiten möchte.

Was hat denn atmosphärisch hier nicht gestimmt?
Ich möchte da gar nicht so nachhaken. Es war einfach keine einfache Produktion. Es lag damals auch ein wahnsinniger Druck auf der Eröffnung, in einer ganz anderen Art und Weise als jetzt, erstaunlicherweise. Und es ist nun mal die Frage, an was man glaubt. Dass es in einem Ensemble eine erste Reihe von Schauspielern, dann eine zweite und sogar dritte Reihe gibt – das ist etwas, an das ich fundamental nicht glaube. Das Residenztheater war damals schon ein sehr männlich dominiertes, hierarchisiertes Theater. Ich merkte einfach, dass ich in anderen Konstellationen mehr Spaß habe.

Mit Andreas Beck haben Sie diesen Spaß?
Nicht nur mit ihm. Almut Wagner, die jetzt das Theater Basel leitet und im nächsten Jahr als Chefdramaturgin hier ans Haus kommt, ist mit mir schon einen langen Weg gegangen. Sie hat meine Arbeiten gesehen, als ich noch Hausregisseurin am Nationaltheater Weimar war und hat mich ans Düsseldorfer Schauspielhaus geholt. Andreas Beck, Constanze Kargl und Ewald Palmetshofer kenne ich auch schon lang. Ich habe am Schauspielhaus Wien inszeniert, als er dort Intendant war, und kam dann mit ihm nach Basel. Ich binde mich gerne an ein Haus, weil es mir auch total Spaß macht, mit der Dramaturgie und Intendanz zu überlegen, welche Stoffe man angeht, wie das Ensemble aussehen könnte. Darin liegt auch eine gesellschaftliche Utopie: Wie können wir zusammen etwas erzählen und diesen Diskurs dann einem Publikum nahe bringen.

Dabei wird weiterhin diskutiert, wie ein Theater geleitet werden sollte. Wie definieren Sie für sich als Hausregisseurin Ihre Führungsrolle?
In einer großen Gruppe kann man über viele Dinge reden, viel ausprobieren und sich auf Augenhöhe begegnen. Ich glaube fest daran, dass man zu mehreren schlauer ist als allein. Dennoch gibt es einen Punkt, wo Entscheidungen getroffen werden müssen. Das ist immer auch eine Gratwanderung: Wie lange ist eine Diskussion produktiv, wo bricht man sie ab. Ich empfinde mich auch als Verführerin, in dem Sinne, dass ich mich im Vorfeld lange mit dem Stoff beschäftige. Dann muss ich die Schauspieler in diesen Kosmos hineinführen, einen Lustgewinn erzeugen. Ich möchte begeistern…

Wenn man Kinder hat, entdeckt man Parallelen zu dem Umgang mit Schauspielern?
Das sagen immer alle. Schauspieler sind ganz wunderbare Wesen, ich bewundere sie zutiefst und finde sie manchmal auch wahnsinnig anstrengend. Aber sie funktionieren doch ganz anders als Kinder. Ich glaube aber auch, dass ich mir als Regisseurin die eigene Spiellust bewahren muss. Mir fällt schon immer wieder auf, dass ich eher eine spezielle Mutter bin, weil ich einen irren Spaß dabei habe, mit meinen Kindern mitzuspielen. Ich sehe dann immer die anderen, die daneben sitzen und mich anschauen, als wäre ich nicht ganz dicht.

„Die Verlorenen“ erzählt auch davon, wie entfremdet man sich als Erwachsener von seinen Kindern fühlen kann. Haben Sie das auch schon erlebt?
Gott sei Dank noch nicht. Aber meine Kinder sind noch klein, zwei und sechs. Ich erkenne aber viele Dinge, die in dem Stück verhandelt werden, in mir wieder. Das macht mir auch Angst, aber genau deshalb macht es Sinn, darüber Theater zu machen. Ewald hat mal gesagt, dass das Theater eine Art säkularisierte Kirche sein könnte. Ein Ort des gemeinsamen Denkens, des gemeinsamen Seins, an dem es gilt, die eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit auszuhalten. Da wir diesen Prozess im besten Fall als Gemeinschaft erleben, hat dieses Zusammen-Sein für mich auch etwas Tröstliches.

Residenztheater, Premiere am 19. Oktober, 19 Uhr, evtl. Restkarten an der Abendkasse. Für die zweite Vorstellung, Sonntag, 18 Uhr, gibt es noch Restkarten sowie für „Die drei Musketiere“, So, 18.30 Uhr, im Cuvilliéstheater % 089-2185 1940

 

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