Bayerisches Staatsschauspiel „Medea“ von Euripides im Residenztheater

Royals (v.l., im Vordergrund): Aurel Manthei als Jason, dahinter Carolin Conrad als Medea sowie die Kinder (hier: Paul Wressnig, Adam Boushib) mit Franziska Hackl und Michael Goldberg als König Kreon. Foto: Sandra Then

Karin Henkel inszeniert „Medea“ von Euripides im Residenztheater - und schafft ein neues Geschlechterverhältnis

 

"Hauptsache, den Kindern geht es gut“, heißt es noch zu Beginn. Den beiden Buben (am Premierenabend: Niklas Lorenzen, Moritz Reitenbach) geht es wirklich gut. Mama und Papa haben zwar Stress miteinander, lieben sie aber innig, und eine verständnisvolle Amme (Nicola Mastroberardino) kümmert sich um einen verspielten Alltag am Hofe. Sie spielen mit einem ferngesteuerten Modell der „Argo“, dem Schiff, mit dem Papa Kolchis überfiel.

Sie erklären weit weg von jedem Versmaß und wie es Kinder in diesem Alter tun, was ein Goldenes Vlies ist, das der Vater raubte, berichten von den Abenteuern, die Vater erlebte und überlebte oder erzählen ein wenig verschämt über dessen Liebe zur Prinzessin Medea, die dann ihre Mutter wurde. Aus Korinth, wo sie dann Asyl fanden, machte Bühnenbildner Thilo Reuther im Residenztheater allerdings einen Ort von grandioser Ungemütlichkeit.

Ein Manifest für die Gleichheit der Geschlechter 

Die spärlichen Leuchtröhren illuminieren die Schwärze des Raums mehr als ihn zu beleuchten, und in der Tiefe gehen die Figuren leicht verloren. Für Farbe sorgen vor allem die Laserstrahlen, die den Raum auf unheimliche Weise glühen lassen und ihn strukturieren. Ganz hinten thront auf einem fahrbaren Gerüst das Kinderzimmer in quietschigem Gelb. Weite Teile der Bühne stehen unter Wasser, weshalb Gummistiefel zum modischen Must-Have der besseren Gesellschaft gehören.

In der Inszenierung von Karin Henkel nach Euripides bleibt offen, wie Medea nach dem Mord an den Kindern aus Korinth herauskommt. Aber sie findet Zuflucht beim Athener König Aigeus (gleichfalls Nicola Mastroberardino), mit dem sie zwei weitere Kinder hat – dieses Mal sind es Mädchen. Zum überraschend glücklichen Ende winken die Royals huldvoll in die Menge.

Medeas getötete Kinder aus erster Ehe hingegen sowie König Kreon und dessen Tochter Kreusa (Franziska Hackl), die aus politischem Kalkül Jason hätte heiraten sollen, erscheinen am Ende nicht mehr einfach als Opfer des Rachefeldzugs einer Gedemütigten. Viel mehr sind sie Kollateralschäden einer entschlossenen Emanzipation von der Gesellschaft. In diese war Medea zuvoe durch ihre bedingungslose Liebe zu Jason geführt worden.

Medea zieht das Publikum auf ihre Seite

Schon diese Liebe war ein rebellischer Akt gegen den Vater am fernen Schwarzen Meer. Medeas Aufstand ist bei Karin Henkel ein Manifest für die absolute Gleichheit der Geschlechter. Den Chor bilden Mädchen in Schuluniformen, die immer wieder herausfordernd ins Parkett eindringen. Ihre stampfend rhythmisierte Botschaft ist unmissverständlich: „Das endlose Lied von der schwachen Frau hat nun ein Ende!“

Angemessen schwach sehen die mächtigen Männer aus. König Kreon, der einst Jason den Auftrag gab, das Goldene Vlies zu rauben, nicht aber, auch eine fremde Königstochter mitzubringen, ist bei Michael Goldberg weniger ein Herrscher in einer archaischen Welt, sondern mehr ein windelweich eigenschaftsloser Politiker unserer Tage. Jetzt muss er Medea, deren Zauberkräfte er zudem fürchtet, und ihre Brut loswerden, denn seine Tochter soll Jason heiraten und eigene Nachfahren zur Welt bringen.

Aurel Manthei ist als Jason ein mythologischer Held, wie man ihn sich schon immer vorgestellt hat. Unbeugsam breitbeinig, von Selbstbewusstsein strotzend und mit einer Aura des Unbesiegbaren umgeben erklärt er die vom Standpunkt männlichen Machtpokers aus durchaus vernüftige Strategie seines künftigen Schwiegervaters.

Besondere Umstände

Wenn dieses klassische Heldentum heute noch im Theater ohne Ironie und Parodie funktionieren soll, braucht es besondere Umstände. Ein solcher Umstand ist Mantheis Zusammenspiel mit Carolin Conrad als Medea. Die Szenen einer Ehe werden dabei zunehmend von ihr beherrscht. In ihren Monologen wendet sie sich mit einem „So, ihr Lieben!“ ans Publikum.

Sie brauche kein Mitleid, sie sei kein Opfer und ihr Entschluss, Jason mit der Ermordung der gemeinsamen Kinder zu treffen, sei unumstößlich. Mehfach zögert sie noch und kommt wieder an die Rampe zurück, bis sie die entsetzliche Tat schließlich tut.
Das Premierenpublikum reagierte auf diese durchaus vertraute und doch ganz andere „Medea“ enthusiastisch.

Residenztheater, 8., 11., 31. März, 3., 25., 30. April, Telefon 2185 1940

 

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