Bayerisches Staatsschauspiel „Kassandra/Prometheus – Recht auf die Welt“ von Kevin Rittberger im Marstall

"Kassandra/Prometheus" im Marstall. Foto: Birgit Hupfeld

Theater im Marstall: „Kassandra/Prometheus – Recht auf die Welt“ von Kevin Rittberger

 

Der Chor ist sich nicht sicher, ob er viele „verschiedene Geschichten“ erzählt oder nur „die gleiche“. Mit dem Satz „das ist die Geschichte von“ beginnt jede dieser skizzenhaft angerissenen Berichte von Schicksalen zwischen Afrika und Europa.

Der Dramatiker Kevin Rittberger hatte an Spaniens Mittelmeerküste die eingewanderten Straßenverkäufer befragt, deren Berichte über ihre Flucht nach Europa gesammelt. Er reicherte diese Sammlung mit den Erlebnissen der Nigerianerin Blessing an. Nach deren Tod hatte ihr Leidensgefährte Boubacar die Tagebucheinträge einem Verlag überlassen.

Der 2010 in Wien uraufgeführte Text bleibt allerdings nicht stehen bei den vor Krieg oder Hunger flüchtenden Menschen und auch nicht bei den Medien, die darüber berichten. Rittberger bettete die gegenwärtige Katastrophe in die mythische Welt der Antike. Kassandra, die Tochter des Königs Priamos, konnte zwar den Untergang Trojas voraussehen, nicht aber verhindern. Dass die Produktion von „Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung“ im Marstall als „Kassandra/Prometheus. Recht auf die Welt“ wieder eine Uraufführung ist, hat mit einer gründlichen Erweiterung zu tun.

Zu viel gewollt

Die trojanische Prinzessin, die dem Elend, das sie prophezeien konnte, tatenlos zusehen musste, kombinierte Kevin Rittberger mit einem Prototypen des Tätigen: Prometheus, der gegen den Willen von Zeus den Menschen das Feuer, damit die Technik und die Freiheit gab. Die Frage, ob der Mensch diese Gnade wirklich verdient hat, stellt sich in „Kassandra/ Prometheus. Recht auf die Welt“ nicht. Rittberger teilt mit Karl Marx die Utopie, Prometheus stehe als die menschliche Möglichkeit, immer Neues zu beginnen und sich zum Besseren zu verändern.

Allerdings begegnen sich Kassandra und Prometheus nicht. Das Diptychon ist geteilt durch die Pause ebenso wie von gegensätzlichen Dramaturgien. Im zweiten Teil treffen sich ein Prometheus (Max Mayer) mit ulkiger Motorik und in einem 70er-Jahre-Fummel, der Feuergott Hephaistos (Benito Bause) und der das Weltall tragende Titan Atlas (Camill Jammal) zu Drama-nahem Diskurs. Nicht durchweg hat man sich dabei der antikisierenden Metrik, mit der Rittberger den Text rhythmisierte, mit der notwendigen Aufmerksamkeit angenommen.

Lärmige Aufdringlichkeit

Viel Brechtsche Epik hingegen prägt das vorherige Kapitel über Kassandra (Yodit Tarikwa). Schon die Bühne von Alexander Wolf signalisiert mit gepolsterten Panzersperren, blinkendem Tingeltangel-Bühnchen und billigen Gartenstühlen aus Plastik, dass hier nicht romantisch geglotzt werden darf. Sogar das „Lehrstück“ tritt ganz physisch auf als fünfköpfiges Ensemble und Regisseur Peter Kastenmüller greift tief in die Mottenkiste des einfühlungsfernen Verfremdens.
Man trägt Schrifttafeln vor sich her, auf denen beispielsweise „Form“ und „Inhalt“ stehen. Aber beides wird im Verlauf der gut zweieinhalbstündigen Aufführung zunehmend vernachlässigt.

Trotz lärmiger Aufdringlichkeit können weder die tragischen griechischen Helden noch die Opfer der europäischen Asylpolitik Interesse wecken. Zwischen Ertrinken im Meer und Verdursten in der Wüste, zwischen Schurken und Schleppern, zwischen Gutes tun zu müssen und alles falsch zu machen, ist viel zu viel gewollt worden.

Marstall, So, 18 Uhr sowie 28. Dezember, 10., 16., 18., 20., 23. Januar, 19 Uhr, Telefon 21 85 19 40
 

 

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