Residenztheater-Intendant im Interview Andreas Beck: "Meistens ist die interne Kritik radikaler als die von außen"

Andreas Beck, der Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels. Foto: Hunziker

Der neue Intendant des Residenztheaters über die Frage, wie man jüngere Leute ins Haus holt, seinen Weg nach München und den Grund, warum sich die Gesellschaft öffentlich subventioniertes Theater leisten muss

 

Seit Beginn der Saison hat das Residenztheater einen neuen Intendanten. Andreas Beck folgte auf den ans Wiener Burgtheater gewechselten Martin Kušej. Er möchte das Bayerische Staatsschauspiel moderner, günstiger und jünger machen will. Beck verteidigt Theatersubventionen, greift Extremisten an und würde auch nicht vor einem Protest gegen die Flüchtlingspolitik der CSU zurückschrecken.

AZ: Herr Beck, ist die Münchner Theaterszene so konservativ und prüde, wie man aus Berliner Sicht gerne glaubt?
ANDREAS BECK: Quatsch, sonst wäre München wohl nicht die Stadt so unterschiedlicher Theater und unter anderem mit dem Theater des Jahres und einer international gefeierten Oper. Nur weil manche Orte krakeliger sind als andere, heißt das nicht, dass sie gleich zur Speerspitze der Avantgarde gehören. München hat viele kulturelle Institutionen, um die die Stadt beneidet wird. Ich zum Beispiel habe Hamburg viel konservativer erlebt. Allerdings ist das auch schon wieder 20 Jahre her.

Im Nachbarhaus, den Kammerspielen, wird viel experimentiert. Wie innovationsfreudig ist das Resi?
Die beiden Häuser sind verschieden, und diese Verschiedenheit macht das Theater in München reicher. Das Residenztheater ging aus dem alten Hoftheater hervor, die Kammerspiele sind ein Bürgertheater und wesentlich jünger. Aber nichts hält sich so leicht wie ein Klischee oder ein einschlägiger Ruf. Dagegen vorzugehen, ist unsere Aufgabe. Anders zu sein als man meint, anders zu scheinen, als die Erwartungen sind.

Der Altersdurchschnitt deutscher Theaterbesucher liegt bei 54 Jahren. Wie wollen Sie mehr junge Menschen locken?
Erstmal: Eine ältere Generation anzusprechen, ist ja per se kein Malus. Unser Spielplan richtet sich an alle Altersstufen, wir machen dazu ja auch Hinweise. Es gilt wie früher auf den Verpackungen von Gesellschaftsspielen vermerkt: "von 6 bis 99". Neu-Münchnerinnen und Neu-Münchnern empfehle ich besonders das Programm "Guck-Resi" – das ist fast wie ein "Blind Date" kombiniert mit einem Theaterbesuch.

Vielleicht können sich junge Menschen auch den Eintritt nicht leisten. Planen Sie, die Preise zu überarbeiten?
Wir sind günstiger als Kino. Studierende können für acht Euro eine Vorstellung besuchen. Und Bedürftige bekommen kostenlose Tickets über den Verein KulturRaum München. Aber wir werden uns die Preise immer wieder genau anschauen. Ich möchte nicht, dass jemand sagt, sie oder er kann sich das Residenztheater nicht leisten. Das werden wir nicht zulassen.

Ihr Vorgänger konnte die Besucherzahlen in acht Jahren um rund 50.000 Besucher auf 240.000 stetig steigern. Setzt Sie das unter Druck?
Nein, bisher konnte ich in jedem Haus, das mir anvertraut war, die Zuschauerzahlen steigern. Aber allein über Zuschauerzahlen funktioniert Theater nicht. Nur weil ein Stück wenig Zuschauer hat, ist es nicht schlecht. Darum erhalten wir Subventionen, um Neues, Anderes, Unerprobtes zu bieten.

Können Sie Menschen verstehen, die die steigenden Subventionen kritisieren, wenn die Zahl der Theaterbesucher bundesweit zurückgeht?
Jetzt kommt die Subventionskeule. Kosten steigen ja nicht nur in der Kunst oder am Theater. Überhaupt: Warum wird nur im Zusammenhang mit Kunst über Subventionen geredet? Wie heißt das bei Forschung und Lehre? Bei Polizei, Gerichten oder Krankenhäusern spricht niemand von Subventionen, weil man von einer gesellschaftlichen Notwendigkeit ausgeht. Es klingt leicht so, als ob Künstlerinnen und Künstlern etwas geschenkt wird. Aber hier wird hart gearbeitet. Und 37 Millionen Theaterbesucher im deutschsprachigen Raum sind ja keine Kleinigkeit.

2,7 Milliarden Euro Subventionen pro Spielzeit allein in Deutschland aber auch nicht. Anderes Thema: Viele Theater berichten über Einschüchterungsversuchen durch Rechtspopulisten. Teilweise wurden von Rechtsextremen sogar schon Aufführungen gestört. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Bislang nicht. Zu leicht wird vergessen, dass es neben der Freiheit der Meinung auch um die Freiheit der Kunst geht. Wer diese Freiheit behindert, ist kein Demokrat.

Kammerspiele und Volkstheater haben letztes Jahr bei #ausgehetzt gegen die "verantwortungslose Politik" der CSU protestiert. Wäre das für Sie auch denkbar?
Ja. Die Pluralität unserer Gesellschaft ist Grundlage unseres Tuns. Deswegen sind wir wie alle anderen kulturellen Institutionen Teil der "Vielen" und bekennen uns auch in Bayern zu unserer historischen Verantwortung. Wie wir miteinander leben und leben müssen, um überhaupt miteinander leben zu können, ist Motto unseres Spielplans. Deswegen haben wir auch mit Ewald Palmetshofers "Die Verlorenen" unsere Spielzeit eröffnet.

Was hat Sie in den 80er-Jahren vom Ruhrgebiet nach Bayern verschlagen?
1986 gab es in Deutschland kaum Orte, an denen man Theaterwissenschaft studieren konnte. Als die Zusage aus München kam, habe ich mich gefreut, weil ich wegen einer Regieassistenz an der Hochschule für Fernsehen und Film schon in der Stadt war.

Wie einfach oder schwer ist die Nachwuchsgewinnung für Theater?
Die ist heute leichter als früher. Beziehungsweise wird sie intensiver betrieben als zu meiner Zeit. Da galt man noch mit Mitte 40 als Jungregisseur. Aber – und das ist und bleibt so: Die Stellen sind begrenzt. Das ist für alle frustrierend.

Wird den jungen Leuten an den Hochschulen das richtige Rüstzeug mitgegeben?
Ich bin bewusst an eine Universität gegangen, weil ich keine berufsspezifische, sondern eine möglichst breite Ausbildung wollte. Durch mein geisteswissenschaftliches Studium konnte ich viel lesen und Wissen in mich aufsaugen. Der Bologna-Prozess hat in meinen Augen einige Nachteile. Alles ist und wird zunehmend weiter verschult, es fehlt an Freiheiten und Denkräumen. So rutschen viele in einen Beruf, bei dem sie dann mit Anfang 40 merken, dass sie ihn unmöglich bis zur Rente durchhalten können. Es fehlt die Zeit zum Ausprobieren und zum Verwerfen.

Sie haben in Hamburg und Wien selber unterrichtet. Wie waren Sie als Dozent?
Ich war wie die Dozenten, die ich als Student immer gehasst habe. Ich war streng und habe abgefragt, ob die Lektüre wirklich gelesen wurde. Außerdem habe ich strikt Anwesenheiten kontrolliert, was ich als Student selber total nervig fand. Ich hatte aber keine Lust zu diskutieren, wie viel Abwesenheiten noch als anwesend gelten könnte. Studieren verlangt Disziplin. Besonders auch vom Dozenten – was nicht immer Spaß macht.

Wie gut können Sie mit Kritik umgehen?
Man muss das einfach einzuordnen wissen. Meistens ist die interne Kritik radikaler als die von außen. Eine deutliche Grenze sehe ich erreicht, wenn es in Richtung Häme oder gar Mobbing geht. Damit umzugehen, darauf zu antworten, ist ein neues gesellschaftliches Problem.

Und wenn Ihnen die Kritik einmal doch zu viel wird, eröffnen Sie mit ihrem Mops eine Frühstückspension in Kapstadt?
Die Frühstückspension muss warten. Es ist aber immer gut, wenn man einen Traum von einem ganz anderen Leben hat. Wenn man ein großes Theater leiten darf, trägt man Verantwortung und steht unter deutlicher Beobachtung. Letzteres gefällt mir nicht immer. Davon muss man sich erholen. Das gelingt mir im Weltall. Ich bin großer Science-Fiction-Fan. Der Weltraum, unendliche Weiten…


 
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