Bayerisches Staatsschauspiel Im Gespräch mit Nicola Mastroberardino

Bei den „drei Musketiere“ ist Nicola Mastroberardino (ganz rechts) D’Artagnan – und sein Pferd, das wegen seiner gelben Farbe zum Außenseiter in der ansonsten blauen Truppe wird (von li.: Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander). Foto: Sandra Then

Resi-Ensemblemitglied Nicola Mastroberardino wird mit dem Kurt-Meisel-Preis 2020 ausgezeichnet

 

Wie für viele im Ensemble von Andreas Beck war das erste Jahr am Residenztheater auch für Nicola Mastroberardino ein merkwürdiges. Ging es zu Anfang für ihn mit dem Ausfall eines ganzen Ensembleprojekts los, weil Regisseur Simon Stone lieber ein Filmprojekt für Netflix verwirklichte, so verdampfte die Saison am Ende im Dunst von Corona. Dazwischen stand Mastroberardino mehrfach auf der großen Bühne, war Sosias, der Diener von Amphitryon, Andrej in Simon Stones Update der "Drei Schwestern", spielte "Woyzeck" und ritt als einer der "Drei Musketiere" im Cuvilliéstheater.

Trotz der Pandemie läuft es für Mastroberardino zum Saison-Finale noch mal richtig gut: Die drei Musketiere haben es gar auf die große Bühne geschafft. Und von den Freunden des Residenztheaters wird er jetzt mit dem Kurt-Meisel-Preis 2020 geehrt. Während Liliane Amuat und Michael Wächter die mit 3000 Euro dotierten Förderpreise für junge Nachwuchstalente bekommen, erhält er den mit 5000 Euro dotierten Hauptpreis.

AZ: Herr Mastroberardino, Gratulation zum Kurt-Meisel-Preis! Und: Haben Sie den Preis verdient?
NICOLA MASTROBERARDINO (lacht): Ja… Wahrscheinlich schon! Ich muss mich natürlich fragen, ob es angesichts der Leistungen aller anderen fair ist, dass ich ihn bekomme, aber ich habe nun mal in dieser Saison viel gespielt. Ich war sichtbarer als andere Kollegen, die nicht aus Basel mitgekommen sind und daher noch nicht so einen Rucksack mit Stücken bei sich hatten. Da hatte ich auch Glück.

Eine neue Rolle haben Sie in dieser Spielzeit gespielt, die Amme in "Medea". Der Rest waren Inszenierungen, die Andreas Beck mit aus Basel mitgenommen hat. Nerven Wiederaufnahmen?
Nein, ich mag das sehr gerne. Da wird zwar etwas aufgewärmt, aber das sind ja alles tolle Stücke, die in Basel super liefen und jetzt auch hier beim Publikum gut ankommen. Wir haben ja auch nur ausgewählte Stücke mitgenommen, das war schon sehr praktisch. Natürlich finde ich es aber auch toll, mich mit neuen Stoffen auseinanderzusetzen und mit den neuen Kollegen zu spielen.

Reagiert das Münchner Publikum anders als in Basel?
Ich finde Publikumsvergleiche immer ein wenig seltsam. Aber man kann auf jeden Fall sagen, dass die Münchner anders als die Basler reagieren, ohne dass ich den Unterschied genau in Worte fassen könnte. Ich habe vor Basel in Bochum gespielt, da gab es auch ein sehr begeisterungsfähiges Publikum, das gerne lachen wollte und voll mitging. In München haben wir das noch nicht ganz erreicht, aber das Publikum wirkt auf mich sehr offen und aufmerksam.

Die einzige Inszenierung zu Corona-Zeiten auf der Resi-Bühne sind gerade die "Drei Musketiere"…
…weil sie leicht Corona-tauglich gemacht werden konnten. Es kommt jetzt noch "Lulu" dazu.

Sie spielen D’Artagnan. Und sein Pferd. Das spuckt doch ziemlich viel.
Ja, wir spielen alle auch die Pferde der Musketiere und müssen sowohl 1,50 Abstand untereinander halten als auch mindestens sechs Meter Abstand zum Publikum. Das haut schon gut hin.

Wie war die erste Musketier-Aufführung vor damals fünfzig genehmigten Leuten mit Mundschutz?
Traurig. Es ist weniger Stimmung aufgekommen. Dabei lebt diese Inszenierung gerade davon, dass wir alles geben und die Leute uns wiederum die Energie zurückspiegeln. Unsere übliche Zugabe, "Yuppi-Du" von Adriano Celentano, haben wir uns aber nicht nehmen lassen.

Es war zu hören, dass bei Münchner Premiere ziemlich viele Zuschauer während der Vorführung das Cuvilliéstheater verließen. Empört, mit knallenden Türen.
Ich glaube, im Cuvilliéstheater kann man die Türen gar nicht zuknallen… Aber bei der Premiere ging es tatsächlich hoch her: Es gingen tatsächlich ein paar Leute, was aber immer noch passiert. Das verletzt mich aber nicht, weil ich das mir auch leicht erklären kann: Wenn gerade in diesem Rokoko-Flair "Die drei Musketiere" angesetzt wird, haben manche Zuschauer sofort bestimmte Erwartungen: Spitzbärte, Degen, geschliffene Duelle und Dialoge. Dann ziehen diese vier Kerle auf der Bühne nach kurzer Zeit Pferdefressen und galoppieren durch die Gegend. Da sind manche natürlich enttäuscht.

Wie fühlt es sich an, ein Pferd zu spielen?
Gut. Mein Pferd hat ja auch ein sehr menschliches Problem, nämlich dass es ein Außenseiter ist. Da kann ich mich voll reingeben. Ich mag generell solche "albernen" Dinge. Seit einiger Zeit unterrichte ich Schauspielstudenten an der Theaterakademie August Everding und gebe denen immer den "Mut zur Peinlichkeit" mit. Das ist ein Credo, dem ich auch selbst folge: Wenn ich mich auf der Bühne geniere, ein Pferd zu spielen, bremse ich mich nur unnötig und versage mir den Spaß am Spielen.

Sie wollten schon früh Schauspieler werden?
Ja. Ich habe während der Schulzeit Theater gespielt, und schon da hat mir das sehr gefallen. In Zürich habe ich mich dann einfach mal bei der Schauspielschule beworben und wurde auf Anhieb genommen. Bei der Ausbildung war es dann so ähnlich wie ich das jetzt bei meinem Studenten beobachte: Nach dem zweiten Jahr weiß man gar nicht mehr, wo einem der Kopf steht, wieso man das Ganze überhaupt machen möchte. Alles wird durchanalysiert, die Spiellust ist völlig weg.

Und wie kommt man aus diesem Tief wieder raus?
Ich habe tatsächlich eine Art Befreiungsschlag erlebt, mit "Leonce und Lena". David Bösch, der mit mir in Zürich studiert hat und mit dem ich danach sehr oft gearbeitet habe, hat das Stück im zweiten Jahr mit mir als Leonce inszeniert. Bei ihm konnte man diese Spiellust wieder entdecken, er hat mich darin auch später stark geprägt. Wir haben das einfach rausgehauen, haben das für uns gemacht. "Leonce und Lena" wurde dann zum Theatertreffen eingeladen. Anselm Weber hat uns gesehen und engagierte uns Schauspieler vom Fleck weg. Ich war dann von 2005 bis 2010 am Schauspiel Essen, wo er Intendant war, und bin mit ihm im Sommer 2010 ans Schauspielhaus Bochum gegangen.

Nach fünf Jahren in Bochum sind Sie zum Theater Basel, das Andreas Beck leitete.
Ja, es war dann auch einfach gut, sich mal zu trennen, wobei ich vor allem auch wieder in die Schweiz zurück wollte. Ich bin nicht so der Vorsprech-Typ, weil ich es einfach auch absurd finde, allein dazustehen und einen Monolog vorzutragen. Es geht ja am Theater gerade um das Miteinander, was soll das eigentlich? Das Vorsprechen für Basel fand in Wien statt, ich hatte mich so gut wie möglich vorbereitet und es lief gut. Ich war noch in der Garderobe, um mich wieder umzuziehen, als Andreas Beck klopfte und mir das Angebot machte, mit ihm nach Basel zu gehen.

Sie sind dann mit ihm und einem Teil des Basler Ensembles nach München gekommen. Weil es sich gut anfühlt, in einem zum Teil eingespielten Team zu sein?
Ja. Und noch dazu hat Andreas Beck auch meiner Frau, die bis dahin überwiegend in der Schweiz tätig war, ein Angebot gemacht, Ensemblemitglied am Residenztheater zu werden. Für uns beide ist es nun unheimlich toll, gemeinsam an einem Haus zu spielen.

Ihre Frau, Evelyne Gugolz, spielt gerade in "M – eine Stadt sucht einen Mörder" mit und war zuvor unter anderem die Mutter von Ronja Räubertochter. Dem Räuberhauptmann gab sie ja ganz schön Paroli. Wie geht Sie mit Ihnen um?
(lacht) Ja, irgendwoher muss Sie ja den Stoff für ihre Rollen herholen… Nein, wir versuchen, unser Familienleben ausgeglichen zu gestalten, auch wenn das manchmal schwierig ist, gerade derzeit. Wir haben zwei Töchter, die 7 und 10 Jahre alt sind. Wegen Corona müssen wir gerade irgendwie das Homeschooling auf die Reihe bekommen. Ich kann nur sagen: Homeschooling ist einfach die Hölle. Ich habe in der letzten Zeit den Lehrerberuf wirklich zu schätzen gelernt. Eigentlich bin ich total geduldig, aber dabei reißt bei mir manchmal der Geduldsfaden. Wenn man ernsthaft seine Kinder unterrichten will, kann man das nicht so nebenher machen, das ist fast unmöglich. Wir sitzen ständig über unseren Kalendern, schauen, wer was wann abfedern kann. Es ist unglaublich viel Organisation.

Der Preis ist jetzt immerhin noch eine schöne Belohnung zum Saisonschluss.
Auf jeden Fall. Ich habe gar nicht mehr damit gerechnet.

Ihr Kollege Michael Wächter bekommt den Nachwuchspreis. Dabei sieht er älter aus als Sie.
Ja, bitte schreiben Sie das (lacht).

Ihre Mutter ist eine Kindergärtnerin aus der Schweiz; Ihr Vater, ein Konsulatsangestellter, stammte aus Italien. Daher der Name Mastroberardino. Wird der Name oft falsch ausgesprochen?
Ja, ständig. Oft lassen die Leute das zweite "r" wegfallen und sagen Mastroberadino.

Es gibt auch einen Wein namens "Mastroberardino". Sind Sie der Erbe eines Weinimperiums?
Leider nein. Der Wein ist übrigens ziemlich teuer und offenbar selten. Selbst bei "Feinkost Spina" habe ich ihn nicht bekommen. Aber es stimmt: Ich sollte ihn übers Internet direkt bestellen und behaupten, dass ich ihn mit meinen eigenen Füßen gestampft habe. Vielleicht bekomme ich dann ein paar Gratis-Flaschen.

Vielleicht können Sie sich mit dem Preisgeld ein paar Flaschen leisten?
Oder das.    

Die Verleihung findet am Sonntag, den 19. Juli um 11 Uhr, im großen Haus statt


 
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