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"Nebenan – The Vibrator Play" im Cuvilliéstheater mit Hanna Scheibe und Carolin Conrad. Foto: Matthias Horn

Barbara Weber inszenierte „Nebenan – The Vibrator Play” im Cuvilliéstheater

 

So phallisch-massiv muss er gar nicht sein, nein, putzig sieht er aus, der Vibrator von Anno dazumal, zumindest, wie er sich auf der Bühne des Cuvilliéstheaters präsentiert. Einen Fön mit aufgestecktem Bürstchenaufsatz schließt Dr. Givings über ein langes Kabel an die Steckdose an, und dann brummt das Gerät wie ein alter Rasierer vor sich hin.

Einen ähnlichen Ton schlägt Sarah Ruhls „Nebenan – The Vibrator Play” an: Das Stück will nicht derbe Sexfarce sein, sondern eiert als amüsante Gesellschaftskomödie von Szene zu Szene. Diesem Schlingerkurs folgt Barbara Weber in ihrer Inszenierung, aber sie nimmt sich dazu noch die Freiheit, mit musikalischen Zitaten den zeitlichen Rahmen zu sprengen. So mag das Stück um 1880 in einem US-Kurort spielen, aber wenn Arzt-Gattin Mrs. Givings zum Klavierspiel einer Patientin ihres Mannes improvisiert, singt sie die ersten Zeilen aus John Lennons „Mother” von 1970. Die glückliche Mutterschaft mag nicht recht gelingen, Mrs. Givings braucht eine schwarze Amme (Thelma Buabeng), die ihrem Baby Milch gibt.

In ein exquisites, klinisches Weiß hat Janina Audick ihr Bühnenbild getaucht, zwischen der Praxis auf der rechten und dem Wohnzimmer auf der linken Bühnenhälfte steht eine gut gepolsterte Sitzecke, vibratorhaft in der Form, spielerisch, ironisch. Und auch die Orgasmen, die Dr. Givings mit Hilfe seiner Assistentin und des Vibrators unter einem sichtverwehrenden Kasten herauskitzelt, werden nicht als klamaukige Einlagen, sondern dezent-frivole „Ah-oh-aha”-Effekte inszeniert. Das digitale Pornozeitalter ist hier herrlich weit weg, es regiert heitere Unschuld auf der Bühne, während das Leiden der Bürger am unerfüllten Eheleben bemerkenswert nah ist. Ihre Mrs. Givings legt Hanna Scheibe expressiv wie eine Stummfilm-Diva an: biegsam, die Arme ballerinenhaft unter sanfter Spannung, rasant in den Stimmungslagen wechselnd und bei allem Überschwang rührend, weil die Arztgattin sich so geradeheraus nach Zuwendung sehnt. Ihren Mann spielt Norman Hacker als schnöseligen, doch sympathischen Wissenschaftler, der das Gefühl der Eifersucht entdeckt, als ein Künstler (gewitzt dandyhaft: Miguel Abrantes Ostrowski) sich nicht nur ebenfalls behandeln lässt, sondern scheinbar mit der Gattin anbandelt.

Die Männer, auch Mr. Daldry (Jörg Lichtenstein), müssen in Sachen Sex noch was lernen, die Frauen hingegen befreien und befriedigen sich mit wachsender Begeisterung. Der Liebe zwischen Mrs. Daldry (hat den hysterischen Bogen raus: Carolin Conrad) und der Arzthelferin (herrlich matronenhaft: Katharina Pichler) gibt Barbara Weber merklich mehr als in der Vorlage eine Chance und hat sowieso eine Zukunft/Vergangenheit im Visier, die mehr Stil hat als unser Heute: Zum „Sexual Healing”-Instrumental experimentiert Dr. Givings endlich auch mal mit seiner Frau, der Groove der frühen Achtziger fährt in die Glieder, und wenn das alles auch nicht knallkomisch ist, dann doch amüsant und schön altmodisch: Denn am meisten wünscht sich Mrs. Givings Romantik. Eine Sehnsucht, die kein Vibrator befriedigen kann.

Cuvilliéstheater, morgen, sowie 1., 8., 19., 21.3., immer 20 Uhr, Karten Tel. 2185 1940

 

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