Bayerisches Staatsschauspiel Ewald Palmetshofers „Die Verlorenen“ am Residenztheater uraufgeführt

Myriam Schröder (Clara) und Johannes Nussbaum (Kevin) verloren im riesigen Bühnenraum von Irina Schicketanz im Residenztheater. Foto: Birgit Hupfeld

Das Residenztheater eröffnet die erste Saison des neuen Intendanten Andreas Beck mit der Uraufführung von Ewald Palmetshofers „Die Verlorenen“

 

Der Reflex funktioniert. In der ersten Szene fragt ein antikisierender Chor Sätze wie „Ist da jemand?“ oder „Hört uns jemand?“ und einzelne Zuschauer des Uraufführungsabends im Residenztheater reagierten wie auf den Kasperl, der sein Publikum traditionell mit „Seid ihr auch alle da?“ begrüßt. Doch das Publikum ist nicht gemeint.

„Die Verlorenen“, denen Ewald Palmetshofer ein textreiches Schauspiel widmete, wollen sich nur und fast schüchtern beim kalten All erkundigen, ob es dort irgendwo irgendeinen gibt, der da draußen vielleicht sogar zuhört. Stattdessen „spricht und ruft und tönt“ es in ihnen, und „von Computern in der Wüste hochgerechnet ruft ein jeder Körper stumm wie ein Gebet: Allmächtige Verzweiflung“.

Abgesang auf die Postmoderne

Der Gott des christlichen Abendlandes wird auf der ebenso schlichten wie monumentalen Bühne von Irina Schicketanz vom Abbild seines gekreuzigten Sohns vertreten, das im weiteren Verlauf abgehängt wird. Zum schlimmen Ende hängt anstelle des Kruzifixes blutend und auf den Pfahl eines Maschendrahtzauns gespießt Clara (Myriam Schröder).

Von all den Verlorenen in diesem großen Abgesang auf die Postmoderne ist sie die Verlorenste. Ihr 13-jähriger Sohn Florentin (Francesco Wenz) lebt bei Harald (Florian von Manteuffel), ihrem Ex, und dessen neuer Frau Svenja (Pia Händler). Von der Routine ihres Lebens zernagt, zu der ihre Einsamkeit, die Leere ihres Jobs, aber auch die über Monate im Voraus terminierten Wochenenden mit Florentin gehören, flüchtet sie in das Haus der Großeltern auf dem Land. Dort trifft sie den Streuner Kevin (Johannes Nussbaum), der sich in dem leerstehenden Haus einrichtete. Es kommt zu einem One-Night-Stand. Am nächsten Morgen reisen Svenja und Harald an, um den verhaltensauffälligen und von der Schule geflogenen Florentin bei Clara abzuliefern.

Der Plot könnte ein redseliges Familienmelodram im TV-Hauptprogramm sein, aber Palmetshofer überhöht die Tristesse des mittelständisch mittelmäßigen Alltags mit stark rhythmisierter Sprache und gelegentlichen Endreimen.
Zum erotischen Vorspiel der beiden Außenseiter dichtet Kevin über die Unzufriedenheit über das Kommunikationsverhalten der Gegenwart: „Das heißt: die Macht/ mit Volkes Mehrheitsstimme scheinbar spricht/ und sondert aus und schiebt hinaus/ und wertet ab und drückt hinab/ ein Spiel, das über Bande geht/ am andern exerziert, was alle schleichend trifft/ man merkts nur nicht/ nicht gleich/ bis es verinnerlicht.“

Allmächtige Verzweiflung

Mit der Eröffnungspremiere seiner Intendanz am Residenztheater setzt Andreas Beck eine starke erste Duftmarke und präsentiert Nora Schlocker als die neue Hausregisseurin am Max-Joseph-Platz. Nach zwei Palmetshofer-Uraufführungen in Wien und Basel hat sie eine gewisse Expertise für das Werk des 41-jährigen Österreichers erworben. Beim Spagat zwischen ganz normalem Scheitern am Anspruch, unauffällig immer alles richtig machen zu wollen und die völlige Stagnation persönlicher Entwicklungen in Kauf zu nehmen einerseits, sowie einer hoch elaborierten Sprache andererseits, sieht sie gut aus.

Scheinbar arrangiert sie nur das Personal in einem großen, weißen Raum, der nur auf den ersten Blick keine Strukturen hat und Einfamilienhaus, Tankstellenbistro oder Dorfdisko sein kann. Mit den präzisen Choreographien des Sprechens gelingt es Schlocker, aus Leuten von nebenan die im Wohlstand verloren gegangenen Helden der „allmächtigen Verzweiflung“ zu machen, denen der Autor dennoch eine eloquente Ironie mitgab. Auch die Mischung aus neuen Ensemblemitgliedern, die Andreas Beck aus der Schweiz mitbrachte, und vertrauten Kräften wie Sibylle Canonica und Arnulf Schumacher als Claras überforderte Eltern, stimmt. Der Jubel des Premierenpublikums war groß.    

Residenztheater, wieder am 26. Oktober, 6. November, 19 Uhr, 1., 10. November, 18 Uhr, 2. November 18.30 Uhr, Telefon 2185 1940

Lesen Sie auch unser Interview mit der Regisseurin Nora Schlocker
 

 

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