Bayerisches Staatsschauspiel „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“ im Residenztheater

Franz Pätzold und Max Gindorff in der "Göttlichen Komödie" Foto: Matthias Horn

Vogelwild: Antonio Latella inszeniert „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“ im Residenztheater

 

Es ist gar nicht so einfach, den Ball in der Luft zu halten, sowohl beim Fußball, als auch im Spiel des Lebens. Pier Paolo Pasolini war bekannt dafür, dass er mit den Jungs der Neubausiedlungen in den Vororten Italiens gerne Fußball spielte, ein Advokat für die Sache der Armen, Geschundenen, die in ihrem Dasein nur selten ein Tor schießen.

Pasolini hätte wohl seine Freude an dem Jungen gehabt, der zu Beginn von Antonio Latellas Inszenierung „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“ auf der Bühne des Residenztheaters einen Fußball jongliert, eine andauernde Wiederholung der (fast) immer gleichen Bewegung. Weil Bruno Opaçak, der Junge, das Rund ganz herrlich vom Boden der Tatsachen fernhält, bekommt er tosenden Applaus vom Publikum, das später noch ganz anders lebendig sein wird.

Was ist danteln?

Nicht vom Dribbeln, sondern „Danteln“ ist im eigens für die Inszenierung geschriebenen Stücktext von Federico Bellini die Rede. Der italienischen Dichterikone gleichen Namens und vor allem dem ebenfalls großen Regisseur Pasolini spüren Latella und sein Team nach, indem sie den Mord an Pasolini als Ausgangspunkt für eine Reise aus der Hölle durchs Fegefeuer ins Paradies nehmen, also der Struktur von Dantes „Divina Commedia“ folgen.

Das anfängliche Inferno ist der Mord an Pasolini in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 durch den Stricher Giuseppe Pelosi im Badeort Ostia. Für das Niemandsland, in dem Pasolini seinen Tod fand, bedarf es kaum der Requisiten: Rechts steht ein alter Alfa GT 2000, links fährt eine Telefonzelle als nostalgischer Sehnsuchtskubus der (scheiternden) Fernkommunikation hinein. Ansonsten reißt Ausstatter Giuseppe Stellato den Raum zur weiten Leere auf, bis hin zur Brandmauer als trostlos düsterem Horizont.

Den Mord an Pasolini spielt Latella mit seinen sechs Darstellern in mehreren Varianten durch, gemäß dem Umstand, dass es mehrere Theorien zu dieser Nacht gibt. Zunächst schälen sich zwei Männer aus dem Alfa. Der eine, Tim Werths als Pasolini, versucht den anderen, Max Gindorff als Pelosi, von hinten auf der Motorhaube zu nehmen. Pelosi wehrt sich, es entspinnt sich ein Kampf, bis Pasolini leblos am Boden liegt.

Strapazierte Geduld

Dann legen die zwei Darsteller buchstäblich den Rückwärtsgang ein, landen wieder im Alfa, auf dass die Szene noch einmal durchgespielt wird, nur, dass noch ein Dritter, Nils Strunk, sich durch das Autofenster windet und nun gleich zwei auf Pasolini einschlagen. Latella lässt die Szene noch mehrmals wiederholen, bis insgesamt fünf Männer, darunter zwei Polizisten, beim Mord an Pasolini eine brutale Rolle spielen. Minutenlang dauert diese Choreographie, teils in Zeitlupen-Bewegung, womit die Geduld einiger Zuschauer schon so strapaziert wird, dass jemand laut „Aufhören!“ ruft.

Der testosteronsatten Virtuosität der tollen Darsteller werden solche Störungen nicht gerecht: Wer vom Tod Pasolinis erzählt, muss Gewalt darstellen. Je öfter die Szene variiert wird, desto beklemmender wird sie. „Wir müssen die Dinge immer wiederholen, damit wir begreifen, was wir tun“, stellt Franz Pätzold in seiner gewohnt messerscharfen Diktion fest. Und später: „Diese Hölle ist nichts anderes als eine unendliche Wiederholung.“ Mit schwarzer Federboa gibt Pätzold bei seiner letzten Resi-Premiere den souveränen Jenseitsreiseleiter Pasolinis und erinnert dabei an den Raben, der im Film „Große Vögel, kleine Vögel“ Vater und Sohn auf ihrer Wanderschaft begleitet.

Zeitlupe und Normalzeit

Bei Dante ist es der Dichter Vergil, der das Ich ins Fegefeuer zum Läuterungsberg führt. Latella übersetzt die vorherigen neun Kreise der Hölle in Bewegung, lässt beispielsweise Gunther Eckes und Philip Dechamps sonnenbebrillt einige Bühnenrunden in Zeitlupe drehen. Zuvor waren sie Polizisten, die sich zunächst stumm mit überartikulierten Gesten unterhalten, um in der Wiederholung dann die Leiche zu begutachten. Die Ordnungshüter juckt der Tod des homosexuellen Künstlers nicht. Bei allem Ernst erweist sich Latella als verspielter Regisseur mit Lust an kuriosen Einfällen. So vermenschlicht er den alten Alfa zum Wesen, das sich von Pasolini nicht kontrollieren lässt und per Scheibenwaschanlage gar Tränen verspritzt.

Durch die Gleichzeitigkeit von Zeitlupe und Normaltempo erzielt Latella Effekte der Parallelmontage, die man eher vom Film kennt. Die Zeit ist aus den Fugen geraten: Dante durchdringt Pasolini, Verse der „Göttlichen Komödie“ wechseln sich mit Alltagsjargon ab – fulminant die Tirade von Nils Strunk als Proletarier, der dem Gutmenschen, aber auch Ausbeuter Pasolini sein Film-Geld ins Maul stopft. Und in den Resi-üblichen Himmel des Sprechtheaters dringt die eher Kammerspiele-übliche Hölle des Performativen ein. Als die Männer dann zu harten Beats nackt tanzen, suchen einige Zuschauer das Weite.

Finales Tor

Wiederholung schafft Gewohnheit, und wer in den letzten Jahren oft im Resi war, dem mag diese Art Theater fremd sein. Doch nicht genug: Im Fegefeuer trifft Pasolini auf seine Mutter, die erst Nils Strunk, dann Philip Dechamps als unbarmherzige Matriarchin darstellen. Pasolini zieht sich vor der Mama aus und zeigt ihr demonstrativ sein Gemächt, woraufhin sie ihn just dort packt und im Kreis herumzieht. Auch hier gellt es aus dem Publikum „Aufhören! Ende!“, aber es braucht noch etwas Zeit zum Finale. Der großartige Tim Werths gibt als Pasolini zuletzt alles, ist verzweifelt nackt, ganz kreatürlich, spielt infantil mit einem Modellauto und kickt einen Ball bis zum finalen Tor.

Der Weg aus der Hölle ins Paradies erscheint bei Latella auch als Rückkehr zum Kind, als Re-Animation verschütteter Spiellust. Im Residenztheater wirkt dieser Abend wie ein gezielter Kontrollverlust – und Beginn von etwas Neuem: Latella hat regelmäßig in Basel unter Andreas Beck inszeniert. Beck löst Martin Kušej im Sommer als Intendant ab. Insofern war diese vogelwilde „Göttliche Komödie“ als letzte Resi-Premiere unter Kušej vielleicht ein Vorgeschmack auf Kommendes – für manche eher eine höllische, für andere paradiesische Aussicht. Michael Stadler

Residenztheater, nächste Aufführungen: Mi und Fr, sowie 1., 8., 26., 30. April, Telefon 2185 1940

 

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