Bayerisches Staatsschauspiel Die Uraufführung von "Ein Riss durch die Welt" im Cuvilliéstheater

"Ein Riss geht durch die Welt" im Cuvilliéstheater. Foto: Sandra Then

"Ein Riss durch die Welt" von Roland Schimmelpfennig als Uraufführung im Cuvilliéstheater.

 

Zur Halbzeit der Zimmerschlacht zu fünft zieht Tom eine Zwischenbilanz: "Der Blick von oben ist immer anders als der Blick von unten". Das ist in diesem Augenblick zwar topografisch gemeint, denn die kleine Gesellschaft trifft sich in Toms prächtigem Anwesen hoch droben im Gebirge mit überwältigender Aussicht. Mitgemeint ist aber auch der gesellschaftliche Unterschied zwischen den mehr als nur wohlhabenden Gastgebern aus dem Unternehmermilieu und ihren Besuchern, die sich mehr schlecht als recht durch die Kunstszene schlagen.

Im Auftrag des Bayerischen Staatsschauspiels schrieb Roland Schimmelpfennig "170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung". Der Untertitel weist bereits darauf hin, dass man sich den "Der Riss durch die Welt" im Plural vorzustellen hat. Schimmelpfennig entwirft ein komplexes System von Rissen, Klüften und Spaltungen, das sowohl diese Versuchsanordnung durchzieht als auch den Rest der Welt. Nicht nur liegt ein sozialer Riss zwischen den Paaren, sondern auch zwischen den Hausherren und ihrer Haushälterin Maria (Cathrin Störmer).

Ein weites Feld

Dann gibt es noch die Kampflinien zwischen den Paaren. Tom (Oliver Stokowski) schmückt sich mit der sehr viel jüngeren und selbstverständlich attraktiven Gattin Sue (Carolin Conrad), die einst seine Sekretärin war und ihm verschweigt, dass sie schwanger ist. Sophia (Lisa Stiegler) bringt den jungen Jared (Benito Bause) mit, von dem offenbleibt, ob er ihre Muse, ihr Lover, ein Künstlerkollege oder ein Drogendealer ist. Es geht aber auch um die Ausbeutung der Armen durch die Reichen und die Zerstörung des Planeten, an der die Armen mitwirken, weil sie keine andere Chance haben.

Die Begegnung zwischen Tom, dem Mäzen, und Sophia, der Künstlerin, eröffnet ein weiteres Konfliktfeld zwischen Wirtschaft und Kultur. "Der Riss durch die Welt", so scheint es, ist auch der Titel eines Kunstprojekts, um dessen Finanzierung verhandelt werden soll. Sophias Konzept: "Ein ganzer Fluss aus Plastik und Metall und Öl. Ein sich bewegender Müllberg, eine brennende Müllwelle, die sich das Flussbett hinunter wälzt. Ein Riss. Eine klaffende Wunde".

Unsichere Wahrnehmung

Diese apokalyptische Vision ergänzt Schimmelpfennig um alttestamentarische Plagen und ein sintflutartiges Gewitter mit faustgroßen Hagelkörnern, die aus der luxuriösen Behausung spektakulär eine Villa on the Rocks machen. Ob die Kröten, Wespen und das andere Getier, von dem immer wieder und wiederholt in den Dialogfetzen und Textschleifen die Rede ist, nur Bilder aus Alpträumen sind, bleibt unklar.

Diese Unsicherheit über die eigene Wahrnehmung in einer zersplitternden Wirklichkeit scheint das eigentliche Thema zu sein. Selbstbewusst resigniert Schimmelpfennig vor der globalen Unübersichtlichkeit, in der jede Lösung neue Probleme schafft.

Dieser Mangel an Entschlossenheit ist einerseits eine Stärke, denn er ist ein beunruhigendes Abbild einer Realität, in der nur noch Weiterwurschteln oder Radikalität die einzigen Alternativen scheinen. Andererseits plustert sich das Konversationsdrama mit seinen Weltuntergangsfantasien damit seltsam schwammig ins Ungefähre auf. Regisseur Tilmann Köhler hält bei seiner Uraufführungsinszenierung im Cuvilliéstheater mit gestochen scharfer Schauspielerei erfolgreich dagegen. Bühnenbildner Karoly Risz stellte eine metallene Wand auf die Bühne, die, oft auf der Drehbühne rotierend, trennt und zuweilen mit großer Kraftanstrengung vor allem von der Haushälterin bewegt werden muss. Den ansonsten fast leeren Raum möbliert das Ensemble mit schnörkelloser Präsenz. 

Cuvilliéstheater, 15., 17., 20., 27., 30. November, 1., 9., 12. Dezember, 19.30 Uhr, sonntags 18.30 Uhr, Karten an der Kasse der Staatstheater, Telefon 21 85 19 40


 
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