Bayerisches Staatsschauspiel Die Tragikomödie „Geächtet“ von Ayad Akhtar am Residenztheater - die AZ-Kritik

Hier ist in „Geächtet“ von Ayad Akhtar der Abend noch in Balance: (von links) Bijan Zamani, Lara-Sophie Milagro, Nora Buzalka, Götz Schulte. Foto: Matthias Horn

Die Tragikomödie „Geächtet“ von Ayad Akhtar am Residenztheater

 

Emily und Amir haben ein schickes Zuhause mit Blick auf Manhattans Straßenschluchten. Wer von dort unten zu dem attraktiven Pärchen will, muss an einem Portier vorbei, der den Besuch anmeldet und die Hausbewohner vor den Zumutungen der Welt schützt.

Sie ist eine Malerin kurz vor dem Durchbruch auf dem Kunstmarkt. Sie ist weiß, eine Christin, und hat gerade den Islam als eine Quelle ihrer Inspiration entdeckt. Er ist Rechtsanwalt in einer renommierten Kanzlei und träumt davon, dass eines nicht mehr fernen Tages sein Name auf dem Firmenschild stehen wird. Amir ist außerdem pakistanischer Herkunft und Muslim, was spätestens nach dem 11. September 2001 auch im weltoffenen und liberalen New York ein Hindernis auf dem Weg nach ganz oben sein kann.

Aber Amir hat längst mit seiner Religion gebrochen. Der Islam ist für ihn nicht mehr als eine Lebensweise aus einer Wüste des siebten Jahrhunderts, die mit dem Koran „eine Hate-Mail an die Menschheit“ sandte.

Islamische Bedrohung diskutiert in einer Boulevardkomödie

Emily und Amir sind Figuren des Dramatikerdebüts von Ayad Akhtar, einem in New York lebenden Nachfahren muslimischer Pakistanis.

Sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Stück „Geächtet“ ist gerade auf dem Durchmarsch durch die deutschen Theater, zu denen nun auch das Residenztheater gehört. Der Niederländer Antoine Uitdehaag inszenierte in einem strahlend weißen Bühnenbild von Momme Röhrbein mit Elementen aus Klassizismus und Bauhaus-Stil.

Zum Erfolgsrezept von „Geächtet“ gehört seine brennende Aktualität hinsichtlich der globalen Bedrohung durch den islamischen Fundamentalismus im eleganten Tonfall einer Boulevardkomödie. Der packt den um Vollständigkeit bemühten Problem-Checklisten-Charakter des Texts angenehm in durchaus amüsant pointierte Dialoge.

Der Autor Akhtar belässt es nicht bei der Beziehung zwischen einer Christin und einem Muslim, sondern gesellt ihnen ein zweites Paar zu: Den jüdischen Museumskurator Isaac (Götz Schulte), auf dem die Karrierechancen Emilys (Nora Buzalka) ruhen, und seine afroamerikanische Frau Jory (Lara-Sophie Milagro), die sich aus den Ghettos in die Topjuristerei gearbeitet hat. Sie ist nicht nur eine Kollegin Amirs (Bijan Zamani), sondern auch eine ernstzunehmende Konkurrentin im Kampf um die Teilhabe an der Sozietät mit jüdischer Tradition.

1:0 für die Antialkoholiker

Ein gemeinsames Abendessen mit Schweinelendchen und Fenchel-Anchovi-Salat nimmt sein schlimmstmögliches Ende. Eine fast lückenlose Aufarbeitung rassistischer Klischees, Vorurteilen über die am Tisch vertretenen Religionen und die bei dieser Gelegenheit enthüllten Demütigungen im Job und in den Ehen kulminieren in einem archaischen Ausbruch: Der Muslim bespuckt den Juden und schlägt seine Frau. Dem Autor schwebte bei dieser Szene, so seine Regieanweisung, „unkontrollierte Gewalt“ vor, bei der sich ein „lebenslang im Stillen angewachsener Groll entlädt“.

Regisseur Uitdehaag bleibt auch in dieser Situation so zurückhaltend wie den ganzen Abend über. Es bleibt bei einer Ohrfeige, und die ist auch noch, wie die Inszenierung nahelegt, vor allem vom reichlich genossenen Rotwein befeuert. Angesichts der argumentativen und völlig unauflöslichen Pattsituation, die Akhtar konstruierte, geht es bei Uitdehaag immerhin mit einem 1:0 für die Antialkoholiker-Liga der islamischen Welt aus.

Residenztheater, 20. Februar, 4. März, 20 Uhr, 13. März, 19.30 Uhr, Telefon 2185 1940

 

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