Bayerisches Staatsschauspiel „Die drei Musketiere“ von Antonio Latella im Cuvillièstheater

Michael Wächter, Max Rothbart, Vincent Glander und Nicola Mastroberardino (von links) als Musketiere. Foto: Sandra Then

„Die drei Musketiere“ von Antonio Latella sind die mutmaßlich witzigste Produktion der noch sehr jungen Münchner Theatersaison

 

Die drei sind meistens zu viert, und das belastet die Jungs. Wer von ihnen ist der Vierte, der nicht dazu gehört? Was hat sich Alexandre Dumas dabei gedacht, als er das mit dem Wort wie dem Degen so schlagfertige Quartett als „Die drei Musketiere“ in die Literaturgeschichte entließ?

„Dumas! Dumas!“ rufen sie verzweifelt, suchen den Autoren überall, aber Dumas antwortet nicht. Sie könnten natürlich jemanden fragen, der den Roman gelesen hat, denn der junge D’Artagnan wäre zwar gerne ein Musketier, doch seine Bewerbung hat keinen Erfolg.

Zwei aufgekratzte Stunden

Es sind also drei plus einen. Hätten der Regisseur Antonio Latella und sein Dramaturg Federico Bellini (der in der vorigen Spielzeit eine schwer verdauliche „Göttliche Komödie“ über Dante und Pasolinis Tod im Residenztheater inszenierte) ihre Truppe pingelig auf dieses Detail hingewiesen, wären die schweren Identitätskrisen ausgeblieben und es hätte keinen Anlass für die mutmaßlich witzigste Produktion der noch sehr jungen Münchner Theatersaison gegeben.

Sich mit der Abenteuerschwarte aus dem Jahr 1844 auszukennen, kann nicht schaden. Aber der Stoff kommt in den zwei aufgekratzten Stunden ohnehin nur in Spurenelementen vor. Das barocke Decors der Paläste des Königs und des Kardinals, den Salons der Lady de Winter – die allesamt nicht aufreten – bringt die Rokoko-Pracht des Cuvilliéstheaters von Hause aus mit. „Das ist von Rocco Barocco, dem Bruder von Bruno Banani“ feixt die Boygroup. Die Bühne selbst ist absolut leer und aufgerissen bis zu den Heizkörpern an der rückwärtigen Wand.

Die vier Anzüge mit dem Rhombenmuster, die Kostümbildnerin Simona D’Amico schneidern ließ, erinnern nicht zufällig an die Commedia dell’arte. Das italienische Leitungsduo feiert die Schauspieltradition seines Landes mit ihrem schematischen Personal, das durch freche Improvisation lebendig wurde.

Ein Proseminar im Klamauk-Modus

Der Mantel-und-Degen-Klassiker ist nur ein Vorwand für einen wilden Ritt durch ein Zentralmassiv der Metaebenen. Auf einen sensationellen Kampf mit Federhut und Degen muss freilich nicht verzichtet werden.
Neben Literaturkritik am Beispiel der drei bis vier Musketiere geht es entlang des Mantras „Einer für alle, alle für einen“ um Freundschaft und ob sich bei einem solchen Motto, bei dem der Einzelne unhinterfragend und bedingungslos für alle einsteht und damit eine „kollektive Null“ sei, nicht um „zynische Folklore“ handele.

Heftiger Streit entsteht um die Rollen: Wer ist wann Herr, wann Diener und wann Pferd. Lustiger, als Nicola Mastroberardino (D’Artagnan), Michael Wächter (Athos), Max Rothbart (Porthos) und Vincent Glander (Aramis) als Lipizzaner beim Radetzkymarsch zuzusehen, kann Theatertheater nicht sein.

Denn auch Latella und Bellini tragen schwer an ihren Zweifeln an der Sinnhaftigkeit der Schauspielerei, wie sie zum zeitgenössischen Theater gehören wie schlechtes Gewissen beim Billigflug nach Malle. Die Inszenierung, die der neue Resi-Chef Andreas Beck aus Basel mitbrachte, ist phasen- und auch phrasenweise ein theaterwissenschaftliches Proseminar im Klamauk-Modus, das in der selbstreflexiven Demontage und der Dekonstruktion gleichzeitig neue Lust auf Bühne macht. Mit einem übermütigen „Youpidoo“ verabschiedet sich die Viererbande nach einem multiplen Finale von einem Publikum in entfesselter Partylaune.

Cuvilliéstheater, 26., 28. Oktober, 12., 13., 26. November, 19.30 Uhr, Telefon 21851940


 
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