Bayerisches Staatsschauspiel Ivica Buljan über "Der Balkon" im Marstall

Ein Bordell, in dem Fantasien ausgelebt werden: Christian Erdt (Der Bischof) und Mathilde Bundschuh (Das Mädchen) in „Der Balkon“. Foto: Konrad Fersterer

Premiere im Marstall: Der kroatische Regisseur Ivica Buljan inszeniert Jean Genets Klassiker „Der Balkon“

Auf den Proben herrsche ein babylonisches Sprachengewirr, berichtet Pressesprecherin Sophie Fleckenstein, und Regisseur Ivica Buljan kann da nur beipflichten. Der 52-jährige Kroate hat Französisch studiert und leitet seine Proben, wenn er nicht gerade in seinem eigenen Haus, dem Nationaltheater in Zagreb, arbeitet, auf Französisch. „Natürlich spielen wir in deutscher Sprache, aber die Originalsprache des Stücks ist Französisch und ich habe auch die kroatische, die serbische und die slowenische Übersetzung dabei. Und die allgemeine Verständigung findet in Englisch statt.“

Nicht einfacher wird es dadurch, dass Jean Genet sieben Fassungen von „Der Balkon“ schrieb. Mit jeder Überarbeitung veränderte sich auch die Sprache ein wenig, erklärt Buljan. Der Version, die heute im Marstall Premiere hat, liegt die Fassung von 1968 zugrunde.

Im Haus der Illusionen

„Genets Sprache ist sehr interessant“, meint der Regisseur, der selbst auch Dramatiker ist. „Es ist eine Kombination aus Lyrischem und einer Sprache von der Straße. Manche Figuren sind wie aus einem Tarantino-Film“.

Schauplatz ist ein Bordell, das den Namen „Der Balkon“ trägt. Hier werden nicht sexuelle Bedürfnisse befriedigt, sondern Fantasien ausgelebt. Die „Freier“ sind auf der gesellschaftlichen Leiter eher unten und in der unteren Mitte zu finden. Im Puff verkleiden sie sich als Bischof, zum General oder zum Richter, und Puffmutter Irma spielt die Königin. Während drinnen die bloße Erscheinung staatstragender Ämter gespielt wird, tobt draußen eine Revolution.

Als das Stück entstand, „wurden alle Sehnsüchte größer“, meint Buljan. „Es herrschte kein Krieg mehr, der Kapitalismus erlebte eine Wiedergeburt, es gab von allem mehr in der Wirtschaft, in der Kultur, in der Mode“. Das „Haus der Illusionen“, von dem Genet damals erzählte, ist aber erst in den letzten Jahrzehnten eine immer stärkere Realität geworden. „Heute haben wir Donald Trump als Präsidenten der mächtigsten Nation der Welt. Aber er ist vor allem ein Image und weniger politischer Inhalt“.

Interpretation zerstört die Texte

Jean Genet verwahrte sich aber dagegen, seinen „Balkon“ als Satire zu verstehen. Ivica Buljan folgt dem Autor an dieser Stelle nicht. „Genet sagte immer viel über seine Stücke und er sah sie auch nicht gerne im Theater“. Er habe ein ähnliches Problem gehabt wie Marguerite Duras, die meinte, dass Interpretation ihre Texte immer zerstöre.


Bei der Uraufführung in der Inszenierung des damals noch in Großbritannien lebenden Peter Zadek im Londoner Arts Theatre Club, der nur Mitgliedern zugänglich war, kam es sogar zu einem Eklat. Bei der Generalprobe hatte Genet so lange laut gestänkert, bis er für die Premiere ein Hausverbot erhielt.

Alles wird komplizierter

Für die meisten freilich, die mit oder über den „Balkon“ arbeiteten, war klar, dass das Stück auch komödiantisch ist. „Wenn sich einfache Leute als Bischof oder Richter verkleiden, ist das grundsätzlich komisch“, findet Buljan, und „natürlich ist es Satire“. Andererseits ist es auch politisch. Zu Zeiten von Jean Genet oder Heiner Müller, den Buljan sehr schätzt, sei politisches Theater „sehr metaphorisch und sehr philosophisch“ gewesen. Sie betrachteten das Theater als mythisch, das komplexer sein müsse als das Leben. Im Theater sollen die Dinge „nicht einfacher werden, sonder komplizierter“.

Das mache die Komplexität Genets aus, „aber auch seine Schönheit“. Diese Schönheit habe andere Künstler angezogen wie etwa Alberto Giacometti, der mit Genet befreundet war und mehrere Porträts des Dichters schuf. Auch „Patti Smith beschäftigte sich mit ihm und war fasziniert sowohl von seinen Texten als auch seinem Leben“. Inzwischen sei das politische Theater dokumentarischer geworden und „benutzt die gleichen Bilder wie das Fernsehen und die Politik selbst“.     

Premiere am 22. Februar im Marstall, nächste Vorstellungen 27. Februar, 3., 7. März, 19.30 Uhr, Karten unter Telefon 21851940
 

 

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