Bayerisches Staatsschauspiel "Der Balkon" von Jean Genet im Marstall - die AZ-Kritik

"Der Balkon" im Marstall. Foto: Konrad Fersterer

Die Welt ist ein Puff: Ivica Buljan inszeniert im Marstall die grelle Satire „Der Balkon“ von Jean Genet

 

Lustschreie des Bischofs gellen durch das Etablissement. Was den Kirchenmann erregt, ist aber nicht einfach Sex, sondern das Ornat, in das er geschlüpft ist und was ihm Schutz vor dem Rest der Welt zu bieten scheint. Er ist auch kein katholischer Würdenträger, sondern besucht dieses „Haus der Illusionen“, um sich an Macht zu berauschen, in dem er seine Vorstellungen davon darstellt. Dieses ganz spezielle Bordell heißt „Der Balkon“ und gibt dem Schauspiel von Jean Genet aus dem Jahr 1957 den Titel.

Auf einen Satz zusammengefasst lautet die Botschaft: Die Welt ist ein Puff. Genet versammelt hier weitere Stützen der Gesellschaft wie einen Richter und ein General. Alle sind sie Bürger, die im richtigen Leben nicht nur keine wichtige Rolle spielen, sondern deren Gesellschaft von einer Revolution bedroht ist. Draußen knattern Maschinengewehre und detonieren Bomben. Nur den Polizeipräsidenten mag niemand „verbildlichen“, was den echten Polizeichef wirklich wurmt.

Der Autor stellte sich das Ambiente plüschiger vor, als es nun im Marstall zu betrachten ist. Genet dachte an einen Lüster an der Decke und „mit blutrotem Satin bespannte Wände“. Bühnenbildner Aleksander Denic, der schon einige der aufwändigen und trickreichen Bühnenlandschaften für Frank Castorf baute, beschränkt sich hier auf ein Massiv aus ausgemusterten Kühlschränken und leeren Getränkekisten. Irgendwann einmal ist diese Wand so durchlöchert, dass sie an ein Hakenkreuz erinnert.

Liebe zum Trash

Derart schlichte Bebilderung ist ansonsten nicht die Sache des Regisseurs Ivica Buljan. Dafür passt der Schmuddel der Gebrauchtgeräte gut zum Trash, den der 52-jährige Kroate nicht ohne Witz zelebriert. Seine Inszenierung vagabundiert zwischen der Avantgarde der Sechziger und einer selbstreflexiven Postdramatik jüngeren Datums, die freilich schon im Text dieses modernen Klassikers angelegt ist: Nach knapp dreieinhalb Stunden wendet sich Madame Irma an das Publikum: „Sie müssen jetzt nach Hause, wo alles, zweifeln Sie nicht daran, alles noch falscher sein wird“.

Juliane Köhler spielt die Puffmutter Irma und ist, um es vorsichtig auszudrücken, sensationell. Mit ihrem energiereichen Cocktail aus eleganter Lady mit Geschäftssinn, nuttiger Vulgarität und görenhafter Unverfrorenheit ist sie das Zentrum einer zerklüfteten Inszenierung. Zu dieser gehören auch entfesselte Einzelnummern. Buchstäblich übergriffig turnt Tim Werths als Primat in Unterhose durch das Publikum und hat sich das Affentum so gut angeeignet, dass sein Aufritt das anfängliche Lachen zu beunruhigtem Schweigen dämpft.

Nacktheit der Gewalt

Völlig nackt ist Marko Mandic, wenn er als Revolutionär Roger im Zuschauerraum zu agitieren versucht. Vor der Pause treibt er das Publikum ins Freie, wo man sich um ein brennendes Ölfass versammelt. An einem Fenster erscheinen der Bischof, der Richter, der General und Irma als die Königin, während Robert, allein, brüllend und noch immer unbekleidet, die Fassade des Marstalls zu stürmen versucht. Was bei Genet noch ein romantisiertes Bild von der Revolution ist, erscheint bei Buljan als die hier wörtlich genommene Nacktheit der Gewalt.

Nach diesem spektakulären Theatercoup geht der bis dahin herrschende Furor verloren. Der zweite Teil wirkt schlecht organisiert, die Dialoggirlanden ziehen sich langwierig dahin und es gibt manche Gelegenheit, Genet bei Geschwätzigkeiten zu ertappen. Vom spielerischen Glitzern bleibt nach der Pause nur noch die Musik, für die Mitja Vrhovnik-Smrekar Genet-Lyrik zu charmanten Chansons oder rockigen Songs vertonte.

Marstall, 27. Februar, 3., 7., 25. März, 19.30 Uhr, sonntags 19 Uhr, Telefon 21851940

 

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