Bayerisches Staatsschauspiel Claudia Bauer über Molières "Der eingebildete Kranke“ im Residenztheater

"Der eingebildete Kranke" im Residenztheater. Foto: Birgit Hupfeld

Claudia Bauer inszeniert Molières Komödie vom „Eingebildeten Kranken“ im Residenztheater in einer Überschreibung von PeterLicht

 

München war für die viel beschäftigte Regisseurin fast ein weißer Fleck, denn ihre Karriere entwickelte sich vor allem in Leipzig, Stuttgart oder Hannover. Bisher führte sie nur ein einziges Mal an der Isar Regie: Mit Studierenden der Otto-Falckenberg-Schule erarbeitete sie 2008 Shakespeares „Richard III.“ an den Kammerspielen. In Andreas Becks letztem Jahr als Intendant in Basel inszenierte sie dort „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“, eine Molière-Überschreibung von PeterLicht. Das neueste Projekt aus der Molière-Werkstatt des Kölber Indie-Pop-Musikers in einer Inszenierung von Claudia Bauer heißt „Der eingebildete Kranke oder Das Klistier der reinen Vernunft“.

AZ: Frau Bauer, Sie kommen aus Landshut. Was führte Sie von dort an die Schaupielschule „Ernst Busch“ in Berlin?
Claudia Bauer: Als Landshuterin entscheidet man meistens, nicht nach München zu gehen, weil das zu nah ist. Und bevor ich als Niederbayerin nach Oberbayern gehe, gehe ich lieber nach Berlin. Zwischendurch war ich noch in Salzburg, ging dann aber wieder nach Berlin zurück. Dann war die Mauer auch schon offen, und ich war in dem ersten Studienjahrgang Regie, in den auch Wessis durften.

Wie war das?
Es war sehr interessant, in Deutschland und gleichzeitig im Ausland zu sein. Der Osten war in den Neunzigern sehr aufregend. Das ist natürlich vorbei. Heute sieht alles aus wie Maximilianstraße, was sehr schade ist.

Sie arbeiten jetzt zum dritten Mal mit einer Textüberschreibung von PeterLicht. Was kann er, was Molière nicht konnte?
Er ist ein Zeitgenosse, was Molière ganz einfach nicht mehr ist. Molière ist noch immer recht frisch, muss man sagen. Aber ich bin ein großer Fan von Stücküberschreibungen, weil man da die Struktur eines alten Meisters benutzen kann. So gute Strukturen bekommt heute kaum noch einer hin.

Arbeiten Sie eng mit PeterLicht zusammen?
Wir treffen uns nur selten. Er hat eine große Molière-Erfahrung. Er überschrieb „Der Geizige“, als ich noch nicht mit an Bord war, und „Der Menschen Feind“, „Tartuffe“, bei denen ich dabei war und jetzt „Der eingebildete Kranke“. Er ist schon ein Großmeister darin. Der Zyklus findet jetzt seinen krönenden Abschluss.

Der in der vorigen Spielzeit für Basel produzierte „Tartuffe“ wird im neuen Jahr im Resi aufgenommen. Wird es ein Doublefeature geben?
Ich glaube, das hält man im Kopf nicht aus. Molières Figuren sind ja schon sehr schwatzhaft und PeterLicht führt die Redesucht der barocken Gestalten weiter bis ins Absurde. Ein PeterLicht-Molière pro Abend reicht. An zwei Abenden wird es zum Fest.

PeterLicht ist auch Musiker und „Der eingebildete Kranke“ war ursprünglich mit Balletteinlagen gedacht. Wird bei Ihnen getanzt?
Obwohl es PeterLicht nicht hineingeschrieben hat, drängt es komischerweise dazu. Es gibt Elemente davon. Vielleicht ist es der Geist Molières.

Wie hat man sich ein „Klistier der reinen Vernunft“ vorzustellen?
Ich glaube, der ganze Abend ist ein Klistier der reinen Vernunft. Es wird, ohne zu viel verraten zu wollen, auch ein bisschen „darmhaft“. Es geht um den Superstar Argan, aus dem nichts mehr quillt, um den großen, alten, weißen Mann in seiner Schaffenskrise, der krank ist am Darm und an der Psyche. Wir wissen mittlerweile, dass der Darm unser Wohlbefinden mindestens ebenso beeinflusst wie unser Gehirn. Es geht also sehr viel um die Frage: Was kommt raus und was kommt nicht raus? Es wird deftig, aber das darf man uns nicht vorwerfen. Da muss man mit Herrn Molière telefonieren.

Argan ist zwar keine psychologische Figur, aber dennoch stellt sich die Frage: Wie tickt der Mann?
Er ist wie auch der Geizige oder Orgon in Tartuffe eine dieser reichen Pantalone-Figuren, die an ganz merkwürdigen Zivilisationsphänomenen leiden. Der eingebildete Kranke beschäftigt sich so mit seiner Selbstoptimierung, dass er nur sagen kann: Ich bin krank, denn ich bin ja nicht perfekt. Und Krankheit ist natürlich auch ein guter Vorwand, die Aufmerksamkeit aller Menschen um sich herum auf sich zu ziehen. Heute gibt es diese wunderbaren Modekrankheiten und Unverträglichkeiten. Wir sind ja alle so empfindlich und so sensibel! Man hat den Eindruck, wer keine Gluten-Unverträglichkeit hat, ist nicht en vogue.  

Residenztheater, Premiere am 20. Dezember um 19.30 Uhr, nächste Vorstellungen am 23. Dezember, 4., 18. Januar, 19.30 Uhr, an Silvester 18 Uhr, Telefon 21601940

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