Bayerisches Staatsschauspiel Bastian Kraft über Wedekinds "Lulu" im Marstall

Die drei Lulus: Charlotte Schwab (links), Liliane Amuat und Juliane Köhler spielen Wedekind. Foto: Birgit Hupfeld

Bastian Kraft inszeniert Frank Wedekinds "Lulu" im Marstall mit einem Frauentrio.

 

An Frank Wedekinds "Lulu" ist so einiges monströs. Nicht nur der Umfang dieser Tragödie, an der Wedekind insgesamt 21 Jahre gearbeitet hat – wobei sie zunächst aus zwei Teilen bestand, aus dem 1895 veröffentlichten "Erdgeist" und der Fortsetzung "Die Büchse der Pandora" von 1902, die den Untertitel "Eine Monstretragödie" trägt. Sondern auch Lulu selbst wirkt übermenschlich, wird im Stück, in diversen Adaptionen und in der Rezeption in alle möglichen Schubladen gesteckt: von der Verführerin über die Femme Fatale bis hin zum mythischen Naturwesen, das mit seiner ungebändigten Sexualität seine Umwelt, besonders die Männer, bedroht und ins Verderben stürzt. Lulu scheint so monströs groß zu sein, dass man sie gerne aufsplittet: Bei den Salzburger Festspielen 2017 hat Athina Rachel Tsangari die Rolle auf drei Schauspielerinnen verteilt. Ähnlich lässt nun Bastian Kraft für seine Bearbeitung des Stoffs ein Trio im Marstall auftreten: Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab spielen Lulu und bevölkern die sie umgebende Männerwelt.

AZ: Herr Kraft, wäre es nicht sinnvoller, wenn eine Frau das Stück inszenieren würde?
BASTIAN KRAFT: Ja! Pauschal gesagt würde mich als Zuschauer ein weiblicher Blick auf diesen Stoff viel mehr interessieren als ein männlicher. Unabhängig davon habe ich ein persönliches Anliegen an dem Stück – es hat mich seit jeher stark fasziniert. Hier in München kam nun alles zusammen: Die Idee, "Lulu" ausschließlich mit Frauen zu inszenieren, hat für mich sofort Sinn gemacht, und ich könnte mir dafür keine bessere Besetzung vorstellen, als wir sie jetzt am Residenztheater haben. Auch halte ich München für den genau richtigen Aufführungsort.

Wieso?
Zum einen wegen der Biographie Wedekinds, der hier immer wieder gelebt hat und auch gestorben ist. Zum anderen ist sein Stück von so einer leichten Dekadenz getragen, einer Lebensbejahung, aber auch Todessehnsucht, was ich in vielen anderen Städten nicht so wiederfinde wie in München.

Indem Sie Regie führen, kommt nun mal wieder ein männlicher Blick ins Spiel.
Das stimmt. Ich sehe mich dabei allerdings in der Pflicht, meinen männlichen Blick aktiv zu hinterfragen. Dazu habe ich das Stück stark bearbeitet. Wedekind stellt zwar eine Frau ins Zentrum, besonders viel reden darf sie allerdings nicht. Stattdessen sind es Männerfiguren, die über sie reden. Die Männer schauen, die Frau wird angeschaut. Mich beschäftigt die Frage, wie diese Mechanismen ausgehebelt werden können. In unserer Inszenierung eignen sich die Schauspielerinnen den männlichen Blick an und machen so auch männliche Privilegien spürbar. Es liegt ein enormer Erkenntnisgewinn darin, einmal die Perspektive des anderen Geschlechts einzunehmen – soweit das möglich ist. Und das Theater ist der ideale Ort dafür, solche Rollenbilder zu hinterfragen.

Einen Tag nach Ihrer Premiere gibt es die Premiere von "Die Räuberinnen" in den Kammerspielen. Leonie Böhm lässt Schillers "Die Räuber" von vier Frauen spielen. Die Kreuz-und-quer-Besetzung von Rollen ist zwar nicht neu, aber liegt derzeit offenbar besonders in der Luft.
Klar, bei Shakespeare wurden alle Frauenrollen von Männern gespielt. Es ist ja nicht erst seit Brecht so, dass durch Verfremdungseffekte die Geschlechterrepräsentation in Frage gestellt wird. Dieses Phänomen, dass heute Männerrollen mit Frauen besetzt werden, hat viel damit zu tun, dass es einerseits diese großartigen Texte gibt, die uns weiterhin viel geben können, andererseits aber die Geschlechterbilder in diesen Texten oft problematisch sind. Wenn ich Rollen über Geschlechtergrenzen hinweg besetze, ist das für mich kein Kompromiss, sondern eine Möglichkeit, zum Kern vorzudringen. Das Rollen-Spiel kann so als menschliche Grundeigenschaft erlebbar werden. Die Frage danach, wo eine Rolle anfängt und wo sie aufhört, ist ja nirgends so präsent wie auf der Theaterbühne. Und Geschlechtlichkeit ist auch – zumindest bis zu einem gewissen Punkt – eine Rolle, die wir spielen.

Wie gehen Sie als Regisseur vor?
Ich sehe die Schauspielerinnen als Mit-Autorinnen unseres Abends. Sie machen über das konkret geschriebene Wort hinaus Zwischentöne hörbar, sie erzeugen Ambivalenzen, sie nehmen eine Haltung zum Gesagten ein und fordern mich als Zuschauer dadurch auf, ebenfalls Stellung zu beziehen. Gemeinsam arbeiten wir daran, ein anderes Bild von Lulu lebendig werden zu lassen. Dabei ist für mich die Frage nach dem Arbeitsprozess zentral. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Art und Weise, wie wir in den Proben miteinander umgehen, tief in das sogenannte Endprodukt einschreibt.

Bei Ihren Inszenierungen hat man aber das Gefühl von durchkonstruierten Theatermaschinen. Weshalb der Widerstreit zwischen Kontrolle bewahren und Freiheit geben ein Thema für Sie ist?
Absolut. Ich bin aber überzeugt davon, dass Mensch-Sein immer Form ist. Kultur ist Form. Sprache ist Form. Für mich ist Theater daher immer eine Auseinandersetzung mit Form. Wobei ich diese aber nicht als einengend empfinde: Freiheit kann es immer nur innerhalb einer Form geben, im Theater wie im Leben. Meine eigene Persönlichkeit ist zum Beispiel eine Mischung aus Genen und meiner Sozialisation; auch das, was ich an Kultur aufgenommen habe, hat mich geformt. Ich habe dadurch bestimmte Bilder im Kopf, von mir selbst und meiner Umwelt, wobei meine Umwelt sich wiederum ein Bild von mir macht. Darum geht es auch in "Lulu": dass sie für alle eine Projektionsfläche ist.

Worunter sie leidet?
Manche denken, dass Lulu sich auf jeden Fall von diesen Bildern befreien müsste. Das halte ich aber für einen Irrtum: Lulu ist ja ganz souverän im Spiel mit den Bildern. Sie hat ein gutes Gespür dafür, was das Gegenüber ihn ihr sehen will und kann sich das zunutze machen oder dem widerstreben.

Das Stück hat damals viele schockiert: Eine Buchfassung von "Die Büchse der Pandora" wurde 1904 beschlagnahmt; Wedekind und sein Verleger mussten sich wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften vor Gericht verantworten. So ein Skandal ist heute wohl nicht mehr möglich.
Nein, in unserer sogenannten "pornografischen Gesellschaft" wird dieser Text niemanden mehr schockieren. Und was die Geschlechterrollen angeht, sind wir heute sicherlich weiter. Aber eine Frau, die selbstbewusst ihre Sexualität auslebt, weckt doch immer noch Ängste. Wir leben in einer Welt, in der weibliche Sexualität und der weibliche Körper weiterhin stark reguliert werden – darüber kann "Lulu" nach wie vor einen spannenden Dialog eröffnen.

Diese Angst zeigt sich gleich am Anfang des Stücks: Ein Tierbändiger bezeichnet Lulu als Raubtier.
Ja, so kündigt Wedekind Lulu an. Aber später reden die anderen vor allem darüber, was Lulu anhat, über die Spitzen auf ihrer Haut, ihr Pierrot-Kostüm. Sie verkörpert das rein Animalische und ist gleichzeitig ein totales Kulturprodukt. Sexualität ist ja auch ein Bereich des Lebens, in dem wir sehr kreatürlich werden; gleichzeitig ist Erotik stark kulturell konnotiert. Dass ich zum Beispiel High Heels erotisch finde, liegt ja nicht in meinen Genen. Warum ich einen Menschen attraktiv finde, rührt von einer Mischung aus animalischen Neigungen und den kulturellen Bildern, die ich im Kopf habe.

Vor gut acht Jahren haben Sie am Volkstheater Thomas Manns "Felix Krull"-Roman adaptiert, da ging es um Hochstapelei, also auch um Bilder, die Krull von sich bei den anderen erzeugt. Sie haben diese Rolle ebenfalls auf ein Trio verteilt. Wieso immer wieder drei?
Das sind intuitive Entscheidungen. Bei Lulu könnte ich mir das nicht mit zweien vorstellen, wenn dann mit zehn oder noch mehr. Ich finde es fast grausam, einer Schauspielerin die Aufgabe zu geben, diese Figur alleine zu spielen. Die Aufspaltung ist erstmal eine Befreiung, für alle Beteiligten. Und ich fand, dass Drei genau die richtige Anzahl ist, um die verschiedenen Facetten von Lulu zu zeigen.

"Felix Krull" läuft heute immer noch im Volkstheater. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich glaube, der Abend ist ein gutes Beispiel dafür, dass es eine starke Form gibt, die sich die drei Schauspieler zu eigen gemacht haben. Sie sind in dieser Form völlig frei. Außerdem bin ich ja sehr für Unterhaltung. Wenn etwas unterhaltsam ist, entsteht gerade in Deutschland schnell der Verdacht, dass da etwas nicht stimmen kann. Die Inszenierung von "Felix Krull" macht aber Spaß und ist gleichzeitig mit einer vielschichtigen Reflexion darüber verbunden, was echt und was Täuschung ist.

Am 25. und 28. November läuft "Lulu" im Marstall, "Felix Krull" im Volkstheater. In was soll man gehen?
Ist doch klar: Am einen Tag ins eine, am anderen Tag ins andere. Michael Stadler

Die Premiere am 22. November im Marstall, 20 Uhr, ausverkauft. Restkarten evtl. an der Abendkasse


 
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