Bayerisches Staatsschauspiel Auf einem Parcours durch das Residenztheater

Unterwegs auf einem Parcours durch das Residenztheater. Foto: Adrienne Meister

Online war gestern: Das Residenztheater lädt ein zu einem theatralischen Parcours durchs Haus

 

Die beiden elegant gekleideten, einander gegenüber sitzenden Herren im Einlass-Bereich des Residenztheaters mögen keine Cello-Virtuosen sein, aber ein Hin- und Herstreichen der Bögen auf den Saiten füllt den Raum durchaus mit flirrender Atmosphäre. Zudem lassen sie neben Tönen auch einige wohl geformte Sätze in die Luft steigen, so dass man tatsächlich an „Theater“ denken muss.

Denn genau darum geht es bei diesem Parcours durch das Residenztheater für Grüppchen von vier – natürlich maskierten und in gebührendem Abstand gehaltenen – Zuschauern: um die Bühnenkunst, um eine Flucht, endlich, endlich aus dem Corona-Alltag ins lang vermisste, heiß ersehnte Spielen.

„Man träumt und richtet sich in dem Traum ein“, sagt einer der beiden Amateur-Cellisten, es sind die Schauspieler Elias Eilinghoff und Noah Saavedra, und die zwei träumen bestimmt von der Wieder-Aufnahme ihrer beruflichen Tätigkeiten. Was sie hier zumindest für eine Parcours-Etappe tun dürfen. Eingehend erprobt ist dabei diese Kostprobe ihres Könnens, denn sie zeigen einen Ausschnitt aus „Olympiapark in the Dark“, ein von Thom Luz inszeniertes Stück, das Eilinghoff und Saavedra mit anderen aus dem Ensemble im Marstall schon des Öfteren gespielt haben – vor der Ära Corona.

Fast privat

Schon länger scharrt das Residenztheater mitsamt seinem Intendanten Andreas Beck, ähnlich wie andere Theater(macher), mit den Füßen, weshalb nach einigen Online-Ausflügen dieser Parcours erdacht wurde. Noch vor der stark eingeschränkten Wieder-Eröffnung der Theater ab Mitte Juni kann man so wieder ein bisschen Resi-Luft schnuppern, ja, vielleicht hätte es die Idee, das gesamte Haus vom Foyer über die Hauptbühne bis zum Backstage-Bereich in Stationen einzuteilen und von leiblich präsenten (!) Schauspieler*innen bespielen zu lassen, ohne Corona nie gegeben. Dem Virus danken möchte man sicherlich nicht, aber es hat schon was, durch das Residenztheater wie durch ein Museum geführt zu werden und ein paar Soli oder Zweier-Szenen im kleinen Kreis vorgeführt zu bekommen. Das Ensemble spielt (fast) privat für einen, hautnah, also im Sicherheitsabstand hautnah.

So kann man beispielsweise den charismatischen Steffen Höld in der Kantine des Residenztheaters erleben. Eine Bierflasche steht einsam vor ihm auf dem Tisch und er liefert innerlich wie äußerlich bewegt eine neue Variante seines Monologs, den er sonst auf der großen Bühne in „Die Verlorenen“ zum Besten gibt. Wie dem trinkfesten Kneipenbruder eine Hirschkuh vors Auto kommt und die gar nicht daran denkt, aus dem Weg zu gehen, sondern ganz entschlossen ihm auf die Karosserie springt – dieses unheimliche Natur-Erlebnis übermittelt Steffen Höld einem in der Kantine eindringlicher als er es in der Weite des Residenztheaters je könnte. Man möchte am liebsten mit ihm anstoßen: Prost!

Die Wahrheit verbergen

Nicht nur einen Parcours gibt es: Daniela Kranz, die für die partizipativen Projekte im Bayerischen Staatsschauspiel zuständig ist, und Hausregisseurin Nora Schlocker haben gleich mehrere mit dem Ensemble eingerichtet, teils mit verschiedenen Anlaufstellen. So kann einem, je nachdem, welchen Parcours man erwischt, schon manches Schmankerl entgehen. Besonders schön ist es zum Beispiel, wie Thomas Reisinger einem in der Transportzone für die Kulissen einige tolle, teils ausgestorbene, dem Zuschauer eher weniger geläufige Theaterberufe erklärt - wer weiß von uns denn, welche Aufgaben ein „Kascheur“ hat?

Dass Thomas Reisinger, durch rußige Hände als Handwerksmann markiert, während seines Vortrags vergisst, einen entscheidenden Schuss aus dem Bühnen-Off für die auf einem Bildschirm laufende Inszenierung der „Sommergäste“ zu geben, kann er dann schwer kaschieren. Aber lebt das Theater nicht gerade davon, dass die Menschen manche Wahrheit verbergen wollen?

Wenn zwei sich streiten, freut sich jedenfalls der (Zuschauer-) Dritte: Statt den Cellisten Elias Eilinghoff und Noah Saavedra kann man im Eingangsbereich, in einem anderen Parcours, Juliane Köhler und Pauline Fusban beim Zwist beobachten: Pastellfarben gekleidet nehmen sie ihre Rollen aus der abgespielten Marstall-Inszenierung von Noah Haidles „Für immer schön“ noch einmal auf und lassen den Konkurrenzkampf zweier Kosmetikvertreterinnen in aller Kürze und Würze aufblühen.

Die Ältere und die Jüngere, sie wollen, nein, müssen ihre Produkte verkaufen, weil sie überleben wollen und zwar nicht schäbig verzweifelt, sondern in aller Grandezza. Einen leichten Beigeschmack von Werbeveranstaltung hat das Stationen-Drama im Residenztheater, werden hier doch vorwiegend Szenen aus bereits vorhandenen Produktionen kredenzt, feine Appetizer sozusagen für das große Menü, das hoffentlich bald wieder aufgetischt werden kann. Aber das Wiedersehen mit dem Ensemble, in Fleisch und Blut, macht vor allem Spaß. Man wandelt durch das Museum und freut sich über die quicklebendigen Exponate. Auf geht’s! Lasst sie wieder spielen.

Die nächsten Parcours-Runden am 13. und 14. Juni sind ausverkauft. Weitere Termine folgen
 

 

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