Bayerisches Staatsschauspiel Astrid Lindgrens "Ronja Räubertochter" als Familienstück im Residenztheater

Paula Hans als "Ronja Räubertochter" im Residenztheater. Foto: Adrienne Meister

Harmloses Spektakel für Groß und Klein: "Ronja Räubertochter" im Residenztheater.

 

Eine Räuberbande ist natürlich nicht gerade eine gesittete Gesellschaft wohl gereifter Menschen, sondern vielmehr eine Truppe mehr oder minder netter Berufskrimineller, bei denen das Kind im Manne sich noch ordentlich austoben darf. "Feiern ist gesund!" singt eine solche Gang im Residenztheater, und sie sind dabei rein optisch schon ein anständig verkommener Haufen ruppig-zotteliger Gesellen.

Regisseurin Daniela Kranz hat diese wilde Bande aus der Münchner Bürgerschaft rekrutiert – das Schöne an so einem partizipativen Theaterprojekt ist ja allein schon, dass da welche von uns auf der Bühne stehen: keine Schauspielprofis, sondern Amateurkindsköpfe wie du und ich.

Astrid Lindgren hatte selbst immer einen guten Sinn für die heitere Anarchie, die nicht nur Kinder gerne verursachen. Lindgrens letztes großes Werk "Ronja Räubertochter" erschien 1981 und hat jetzt auch schon fast dreißig Jahre auf dem Buckel.

Aber belauscht man die Kinder im Foyer des Residenztheaters, so sind die meisten mit diesem Klassiker offenbar wohl vertraut. Es gibt ja auch nicht nur das Buch, sondern eine schöne schwedische Verfilmung von 1984, die zu Weihnachten im Fernsehen läuft. Diese Ronja taugt jedenfalls zur Heldin fürs Heute, ist selbstbewusst, relativ angstbefreit und bereit für die Abenteuer, die auf der elterlichen Burg und im Wald auf sie warten.

Eine starke Identifikationsfigur

Paula Hans, die vor allem mit dem Schauspiel Frankfurt verbunden und für diese Rolle am Bayerischen Staatsschauspiel zu Gast ist, erweist sich als Idealbesetzung für dieses gar nicht so mädchenhafte Mädchen. Springlebendig turnt Hans über die weitflächige Bühne, hat einen frischen, einnehmenden Charme und bietet sich als starke Identifikationsfigur für Kinder jeden Geschlechts an. Ein wenig sieht sie mit ihrem Kostüm auch aus wie Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden will. Und sie kann tatsächlich sogar fliegen: auf einem Snowboard durch die Luft, natürlich gesichert mit Gurt und aufgehängt an Seilen. Leise rieselt der Schnee dazu, während die Musik den rockigen Drive gibt: "Ronja-ja-ja…", singt Ronja. Die pure Lebensbejahung lauert ja schon in ihrem Namen.

Nicholas McCarthy, einst Gitarrist bei der Rockband Franz Ferdinand, und Polly Lapkovskaja, bekannt als Frontfrau von Pollyester, haben einige beatlastige Instrumentals und Songs komponiert, die viel mit Elektro und Krautrock zu tun haben und wenig mit der Süßlichkeit von Disney-Musicals. Zu einer Räubertochter und Räuberbande passt eben auch eher ein munterer Indie-Sound. Als Räubervater Mattis mit Dödel-Langhaarmatte findet Thomas Huber den passenden Ton zwischen ruppigem Chef und verspieltem Kindskopf. Seine Wut lässt dieser Mattis zwischendurch raus, schmeißt Farbeier an die abgerundete Burgwand, muss aber auf Geheiß seiner Gattin die Sauerei auch wieder wegputzen.

Ronja Räubertochter im Residenztheater

Schon Astrid Lindgren hat alte Geschlechterrollenbilder spielerisch aufgeweicht und fröhlich durcheinandergewirbelt und auch in der Inszenierung von Kranz haben die Frauen wie die Männer, wenn nicht gar mit leichter Übermacht, die Hosen an. Evelyne Gugolz ist als Ronjas Mutter genauso fürsorglich wie sie die Zügel auch mal schleifen lässt; und Nicola Kirsch lässt als Mutter von Birk, dem Jungen, mit dem Ronja sich anfreundet, beeindruckend wie lustig ihren straffen, langen Zopf kreisen.

Ein wenig Romeo und Julia steckt in der literarischen Vorlage, auch wenn sich Ronja und Birk (Niklas Mitteregger) noch keusch auf ein herzliches Bruder-Schwester-Verhältnis einigen. Zwei verfeindete Familien stehen sich dennoch gegenüber, die Väter müssen sich beim Armdrücken beweisen, die Kinder jedoch bändeln miteinander an und tarieren gerade im Wald aus, inwieweit sie sich mögen. Per Drehbühne entstehen zauberhaft leichte Übergänge zwischen dem Burgleben und den Ausflügen in die Natur: Bühnen- und Kostümbildnerin Viva Schudt hat da ganze, wunderbare Arbeit geleistet.

Wenig Witz, kaum Magie

Weniger bis gar keine Magie entfaltet jedoch die aus Lindgrens Roman destillierte Bühnenfassung: Die Dialoge haben wenig Witz und Poesie, ein interessanter Spannungsbogen fehlt. Gefährliche Wesen wie die Graugnome, Wilddruden oder Rumpelwichte tauchen zwar herrlich gruslig gestaltet auf, aber sie dekorieren nur harmlos eine vor sich hinplätschernde Abfolge kurzer Szenen. Verstößt der Räubervater seine Tochter, weil die mit der gegnerischen Seite kooperiert, so versöhnt er sich kurze Zeit später bettelnd mit ihr, ohne dass die Entwicklung zu diesem Sinneswandel gezeigt wurde.

Den dramaturgischen Ansprüchen des "Erwachsenentheaters" muss so ein Stück für die ganze Familie zwar nicht genügen, aber hier steuert doch alles allzu plakativ auf das gute Ende zu. Immerhin darf der alte Glatzen-Per (Winfried Küppers) sich bei allen verabschieden, um dann in einem raren, kurzen Moment der Stille zu sterben. Eltern, aufgepasst: Da könnten die Kleinen nach der Vorstellung noch etwas Redebedarf haben. Ansonsten ist alles happy, die finale Party endet im allseitigen "Jubel!". Schließlich wird die Vereinigung zweier Familien gefeiert; und Ronja muss nicht eine Räuberin werden, sondern kann selbst ihren Lebensweg bestimmen. Nein, könnte man sagen, Theater für Einsteiger sollte sein Publikum etwas mehr fordern. Oder man singt mit: Ronja-ja-ja.

Residenztheater, 24. November, 1., 8. und 26.Dezember sowie 1.Januar 2020, jeweils 16 Uhr; 25.November, 6., 9., 10., 12., 16. Dezember, jeweils 10 Uhr; 1. Dezember, 11 Uhr, Karten 2185 1940

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