Bayerisches Staatsschauspiel Arthur Millers "Hexenjagd", inszeniert von Tina Lanik im Residenztheater - die AZ-Kritik

Frauen im Wahn: Genet Zegay (Betty Parris, links), Friederike Ott (Mercy Lewis), Valery Tscheplanowa (Abigail Williams), Valentina Schüler (Tituba), hinten Thomas Loibl (John Proctor), Valerie Pachner (Mary Warren) in Tina Laniks Inszenierung von Arthur Millers „Hexenjagd“. Foto: Thomas Aurin

Tina Lanik inszeniert "Hexenjagd" von Arthur Miller im Residenztheater

 

Mit den szenischen Überraschungen ist es schon nach wenigen Minuten vorbei. In schrillen Standbildern lässt die Regisseurin den nächtlichen Tanz der Mädchen im Wald von Salem vorbeiziehen. Das Stück setzt bei Arthur Miller erst später ein, wenn dieser „Vorfall“ in der leicht zum Schwitzen neigenden Fantasie der puritanischen Dorfbewohner längst zum Hexensabbat nackter junger Frauen gewuchert ist. In den folgenden dreieinhalb Stunden wird aus der „Hexenjagd“ ein langer, ruhiger Fluss, wenngleich auf der dunklen Seite der Seele.

Entsprechend schwarz ist der Raum, den Bühnenbildner Stefan Hageneier im Residenztheater installierte. Der kleine ländliche Ort im nordamerikanischen Osten zu einer Zeit, als es noch keine USA gab, wird mit verrußten Holzbalken markiert und gegliedert. Oft teilen halbtransparent verschmierte Wände den Raum. Wenn die Neonbeleuchtung an der Decke mit voller Kraft leuchtet, entsteht verblüffenderweise der Eindruck eines Gerichtsraums mit einer Architektur aus schwarzem Marmor, wie man sie aus Gebäuden kennt, in denen Institutionen wie die Gestapo oder die Stasi über Schicksale entschieden.

Vom Blatt inszeniert

Arthur Miller erklärte 1953 seinen Mitamerikanern am Beispiel eines historischen Falls von Hexenverfolgung im späten 17. Jahrhundert, wie eine ideologisch kontrollierte Justiz funktioniert. Gemeint sind natürlich die Umtriebe eines „Komitees für unamerikanische Umtriebe“, das unter Senator Joseph McCarthy und befeuert von der totalen Angst vor dem Kommunismus zu Hochform auflief. Bei den Verhören ging es nicht nur darum, einzelnes Fehlverhalten zu bestrafen, sondern auch, Sympathisanten zu verraten.

Tina Lanik inszeniert Miller vom Blatt. Der Anfang und der sirenenhafte Live-Gesang von Polly Lapkovskaja, der Chefin der Performer-Combo Pollyester, sind die einzigen Extravaganzen, die sich die Regisseurin gönnt. Langsam bis statisch entwickelt sie die Folgen der Frömmigkeit, die in fünf Mädchen das Böse und in ihren Mitmenschen die Angst pflanzt. Das ist alles sehr anschaulich und sehr geradlinig, was aber andererseits auch die etwas betuliche Lehrstückhaftigkeit des Texts besonders spüren lässt.

Dem personenreichen Schauspielensemble bietet das jedoch Gelegenheit, sich wohnlich in ihren Rollen einzurichten. Thomas Loibl, etwa, ist ein John Proctor aus dem Bilderbuch: Auf den ersten Blick ein grober Klotz, aber mit Sinn für Pathos und so geerdet, dass ihm der um sich greifende Hexenwahn suspekt ist. Seine Gegenspielerin ist Abigail Williams. Sie ist Nichte des hexenfürchtigen Reverend Parris (Jörg Lichtenstein), die Affäre Proctors und Anführerin der Frauen, die mit ihren rachsüchtigen Verleumdungen das halbe Dorf ins Gefängnis und an den Galgen brachten.

Valery Tscheplanowa stattet das zarte Mädchen ohne viel Theaterei mit einer glaubhaft gefährlichen Dämonie aus. Sibylle Canonica ist mit Würde und in aller Stille Johns Ehefrau Elizabeth oder Norman Hacker ein Stellvertretender Gouverneur von Massachusetts mit durchaus erheiternden Marotten. Wenn der Vertreter der Politik sich zwischen Aberglaube und autoritärer Rechtssprechung verzettelt, glitzern im rechtschaffenen Drama sogar Spurenelemente von Absurdem Theater.

Residenztheater, 9., 19., 27. März, 13., 19. April, 19.30 Uhr, sonntags 19 Uhr, Telefon 21851940

 

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