AZ-Interview Resi-Intendant Andreas Beck über die Corona-Krise

Ein Intendant allein im Haus: Andreas Beck im oberen Foyer des Residenztheaters vor Ingo Maurers Lichtskulptur „Silver Cloud“. Foto: Lucia Hunziker

Der Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels über den Neubeginn des Spielbetriebs und die Gefühle der Theaterleute in der Corona-Krise.

 

Zu den Lockerungen der vor acht Wochen verhängten Kontaktbeschränkungen gehört, dass Bayerns Staatstheater am Montag wieder die Proben aufnehmen dürfen. Andreas Beck, seit dieser Spielzeit Intendant des Residenztheaters, ist als Leiter eines freistaatlichen Schauspielhauses nicht so existenziell bedroht wie andere, aber im AZ-Gespräch schließt er nicht aus, dass das Theater neu gelernt werden müsse.

AZ: Herr Beck, nach und nach kehrt in Fußgängerzonen und Shoppingmalls wieder Leben ein. Gleichzeitig wird immer klarer, dass die Theater, Kinos und Konzertsäle die letzten sein werden, in denen der Betrieb weitergehen wird. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die nächsten Monate?
ANDREAS BECK: Ich bin, nicht nur weil ich Theatermann bin, optimistisch, dass wir mit diesen neuen Regeln Theater spielen können und dass das vielleicht auch fruchtbar sein wird. Das wird bei dem einen oder anderen Regisseur leichter sein. In der Inszenierung des „Eingebildeten Kranken“ von Claudia Bauer kann man sich einen Spuckschutz oder Mundschutz gut vorstellen und es wird trotzdem ein lustiger Abend. Bei Kleists „Amphitryon“ von Julia Hölscher brauchen wir vielleicht eine Probenumdrehung länger, damit es wieder sinnhaft ausschaut.

Was bekommen Sie hin?
Wir sind in der glücklichen Situation, dass die großen Produktionen an einem Punkt sind, wo wir sie in den Schrank hängen und je nach Wetterlage wieder heraus nehmen können. Eine Ausnahme ist „Dantons Tod“, für das erst wenige Tage nach der Schließung die Proben hätten beginnen sollen. Aber der Regisseur Sebastian Baumgarten und ich haben den gemeinsamen Ehrgeiz entwickelt, das Stück noch bis zum Sommer fertigstellen zu können. Das wird natürlich eine andere Produktion werden als wir sie einmal konzipiert haben. Aber wir haben schon dreieinhalb Wochen lang virtuell geprobt. Das liegt bei diesem Stoff natürlich auf der Hand, denn man muss länger am Text arbeiten.
Mit der vierten Infektionsschutzmaßnahmenverordnung des Wissenschafts- und Kunstministeriums vom 5. Mai sind Schauspieler, Sänger, Tänzer und Orchestermusiker verpflichtet, „im Rahmen des Möglichen in Heimarbeit zu üben“.

Das scheint gar nicht so realitätsfern zu sein, wie es sich liest.
Es gab tatsächlich eine gemeinsame Leseprobe über drei Tage hinweg als Videokonferenz. Dann Einzelgespräche und Gruppengespräche im Zoom, um den Text auf das Genaueste abzuklopfen. Was bisher stattfand, hätte auch am Tisch auf der Probebühne stattfinden müssen, bevor man an die szenischen Proben geht.

Die aktuelle Deadline des Verbots für den Proben- und Spielbetrieb an den Staatstheatern ist der 17. Mai. Heißt das, dass Sie ab kommenden Montag auf den Probebühnen und in den Werkstätten wieder arbeiten können?
Die Werkstätten haben die ganze Zeit gearbeitet. Nun kommen wir zurück auf die Probebühne. Manchmal muss man Dinge beginnen, um zu zeigen, dass es geht. Anders ausgedrückt: Es gibt ein Museumskonzept. Wenn verschiedene Menschen in einem Museum stehen können, dann können sie auch auf einer Probebühne stehen. Vielleicht kommt das Publikum auch bald wieder ins Theater?

Am vergangenen Donnerstag bekannte sich Ministerpräsident Markus Söder zur Systemrelevanz der Kultur als „die emotionale Seele Bayerns“. Freut Sie diese Wertschätzung?
Ich war zunächst sehr erfreut über den Podcast der Bundeskanzlerin am vorigen Wochenende, mit dem sie sich explizit an die Theaterleute gewandt hat. Das hat meiner Seele und, wie ich weiß, den Seelen vieler anderer gut getan. Man kann natürlich kritisieren, was da alles auch nicht gesagt wurde, aber wenn die Regierungschefin sagt, dass da etwas zu tun ist und wir das gemeinsam tun werden, ist es ein Grund zur Hoffnung. Wenn der Ministerpräsident nachlegt, ist das richtig, denn wir waren in einer ziemlich gemischten Gruppe mit Tattoo-Studios und Bordellen. Man wusste gar nicht genau, ob man das Ritzen oder das Stöhnen erfüllen soll.

Nun fühlen Sie sich im Residenztheater doch wieder auf dem richtigen Platz?
Als „Dienststellenleiter“ kann ich mit der notwendigen Sorgfalt wieder das tun, wozu ich angehalten bin. So, wie wir lernten, mit dieser Krise umzugehen, die Pause zu überbrücken, müssen wir jetzt herausfinden, Theater neu zu spielen. Ich glaube, dass es völlig falsch ist, sein Haus in einen Dornröschenschlaf zu versetzen und auf den D-Day zu warten. Dieser Tag wird nicht kommen. Wir werden uns ganz langsam wieder anschleichen müssen.

Ihr Kollege Christian Stückl baut auf die D-Day-Strategie. Sein Volkstheater bleibt bis zum Ende der Saison geschlossen. Dafür soll die neue Spielzeit bereits mit den Schulferien beginnen.
Er hat auch eine andere Gesellschaftsform. Ich bin als Staatsbetrieb geschützt und sehe mich in der Verpflichtung, mich nicht wegzuducken. Christian Stückl will seinen Leuten die Kurzarbeit ersparen und sagt: Wenn wir jetzt nicht proben können, wird es im Sommer vielleicht besser. Das ist natürlich sehr hypothetisch. Wenn es im Sommer immer noch nicht geht, liegt das Haus möglicherweise lange brach. Aber das ist eine Taktik. Das Hauptproblem ist: Wenn es nach dem Sommer wieder losgeht, wird es ein großes Hauen und Stechen geben. Man wird sich um die Regisseure schlagen, die an verschiedenen Häusern die verschiedenen Inszenierungen herausbringen sollen. Selbst, wenn wir alles wieder haben werden, wird das Wiederhochholen von Arbeiten gar nicht so leicht werden.

Herr Söder benutzte in seiner Pressekonferenz das altmodische Wort „Erbauung“. Sind Sie ein Dienstleister für Erbauung?
Ich möche es etwas nüchterner formulieren: Wir sind die kulturelleren Nahversorger der Stadt. Aber wenn jemand aus unserem Programm eine Erbauung zieht, die durchaus intendiert ist, freut mich das. Aber es ist nur ein Aspekt, wir haben Unterschiedliches im Angebot. Der eine erlebt in einer Oper oder einem Schauspiel eine emotionale Berührung und ein anderer sehnt sich nach intellektueller Herausforderung. Wir alle haben bemerkt, dass uns die Kunst nicht nur gefehlt hat, sondern dass sie uns richtig abging. Das macht uns Menschen aus.

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