Bayerisches Staatsorchester Romantisch, aber mit klarem Kopf

Der Bayerische Verdienstorden verschönert dem aus Kalifornien stammenden Kent Nagano den Abschied von München. Foto: Petra Schramek

Nie war Kent Nagano besser: Zum Abschied des Dirigenten von der Bayerischen Staatsoper erscheint eine Aufnahme der Urfassung von Anton Bruckners Achter Symphonie

 

Der stärkste Eindruck in den sieben Jahren Kent Nagano an der Staatsoper? Für mich keine Aufführung im Nationaltheater, sondern eindeutig ein Moment unter freiem Himmel: die gigantische Steigerung im letzten Satz von Anton Bruckners Achter, gespielt vom Bayerischen Staatsorchester an einem Sommerabend im Juli 2009 auf dem Marstallplatz.

Nagano dirigierte die Urfassung der Symphonie, in der dieser Schluss einen längeren Atem braucht als in der landläufigen Version. Zum Abschied des Dirigenten von der Staatsoper erscheint eine Studio-Aufnahme dieser Erst-Version der Achten. Sie ist einzeln erhältlich, aber auch in einer Box mit der Urfassung der Vierten sowie der vom Komponisten später nicht mehr veränderten Symphonie Nr. 7.

Die bisher nur un unzulänglichen Einspielungen greifbaren Urfassungen sollte jeder Bruckner-Neugierige kennen. Der Kopfsatz der Achten schließt noch mit einer mächtigen Steigerung. Im Scherzo fehlen die Harfen. Auf dem Höhepunkt des langsamen Satzes gibt es drei Beckenschläge statt einem. Durch das Finale echot noch gewaltiger Wagners „Götterdämmerung“.

Die sperrige Version der Vierten hat mit der üblichen Version der „Romantischen“ nur die Themen der Ecksätze gemeinsam: Es ist eine Musik im ungeschliffenen Rohzustand. Romantik meint hier weniger Waldesrauschen mit Hörnerschall, sondern fantastisches Erzählen, lange Abschweifungen und Einlagen im Volkston, ähnlich den Gedichten in einem Roman von Eichendorff.

Im Unterschied zu Christian Thielemann dirigiert Nagano die Symphonien Bruckners nicht von Wagner her. Er betont das Organisch-Wuchernde der Musik. Sie wirkt unter seinen Händen kühl, aber überzeugt gleichermassen in den leisen, genau gearbeiteten Details wie im lyrisch lichten Fortissimo des Staatsorchesters.

Es ist reizvoll, wie dieser kühle Zugriff mit der warmen Emotionaliät des Bayerischen Staatsorchesters zusammentrifft. Nagano war nie ein typischer Operndirigent, der spontan auf die Bühne reagiert. Von seiner Entdeckungsfreude und der klanglichen Verfeinerung wird das Staatsorchester auch dann noch profitieren, wenn Kirill Petrenko im Herbst seine Nachfolge antritt und Nagano in Richtung Hamburg entschwunden ist.

Symphonie Nr. 8, Urfassung 1887 bei, Farao Classics. Beim gleichen Label auch die Box mit den Symphonien Nr. 4, 7 und 8

 

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