Bayerisches Staatsoper Der tollste Monat der bisherigen Karriere von Lorenzo Viotti

Die Hornistin Milena Viotti mit ihrem Bruder, dem Dirigenten Lorenzo Viotti, im Foyer des Nationaltheaters. Foto: Wilfried Hösl

Lorenzo Viotti dirigiert das Bayerische Staatsorchester, in dem seine Schwester Milena Viotti als Hornistin spielt

 

Am Montag und Dienstag dirigiert Lorenzo Viotti das vierte Akademiekonzert des Bayerischen Staatsorchesters. Seine Schwester Milena Viotti ist seit 2010 Hornistin in diesem Orchester. Beide sind Kinder des 2005 verstorbenen Dirigenten Marcello Viotti, der nicht nur ab 1998 das Münchner Rundfunkorchester leitete, sondern auch oft im Nationaltheater dirigierte. Viotti dirigiert das Bratschenkonzert von Alfred Schnittke (Solist: Adrian Mustea) und die Symphonie Nr. 10 von Dmitri Schostakowitsch.

AZ: Frau Viotti, Herr Viotti, das ist sicher nicht das erste Mal, dass Sie zusammen Musik machen.
MILENA VIOTTI: Wir haben mit unseren beiden Geschwistern oft vierstimmig gesungen. Unser Vater hat uns dann am Klavier begleitet.
LORENZO VIOTTI: Musik war bei uns zu Hause überall. Unsere Mutter war Geigerin.

Frau Viotti, war das Horn Ihr erstes Instrument?
MILENA VIOTTI: Ich habe mit acht Jahren mit dem Horn angefangen, weil das vor der vollen Entwicklung der Zähne nicht sinnvoll ist. Aber ich wollte schon als Dreijährige dieses Instrument spielen, weil mich Blaskapellen schon immer fasziniert haben. Meine Eltern dachten, das ginge vorüber und haben mir auch andere Instrumente vorgestellt. Aber wenn ich mir etwas vornehme, bleibe ich auch dabei. Als ich zum ersten Mal in ein Instrument hineingeblasen habe, war sofort der Klang da. Und zu meinem achten Geburtstag lag dann ein Horn auf meinem Bett.
LORENZO VIOTTI: Sie ist ein Naturtalent. Der goldene Klang war schon immer da.

Mit welchem Instrument haben Sie angefangen?
LORENZO VIOTTI: Mit Schlagzeug. Meine Eltern, speziell mein Vater, waren nicht besonders begeistert, weil Schlagzeuger im Orchester nicht unbedingt die interessantesten Partien spielen. Aber ich habe ihn überzeugt.

Haben Ihre Eltern als Musiker nie den Versuch gemacht, Sie in eine andere Richtung zu lenken?
LORENZO VIOTTI: Wir hatten immer die Wahl. Ich habe immer viel Sport gemacht.
MILENA VIOTTI: Mein bestes Fach in der Schule war Mathematik, meine Schwester hat Philosophie und Literatur in Frankreich studiert. Wir hätten auch jederzeit etwas anderes machen können.

Herr Viotti, wie sind Sie vom Schlagzeug zum Dirigieren gekommen?
LORZENZO VIOTTI: Ich hatte als Kind immer den Traum, aber ich war nicht sicher, wie man Dirigent wird und was dirigieren bedeutet. Ich habe Klavier, Gesang und Schlagzeug in Lyon studiert. Danach bin ich nach Wien gegangen, um Dirigieren zu studieren. Daneben sang ich im Chor und half in Orchestern aus – auch bei den Wiener Philharmonikern. Außerdem habe ich als Vorbereitung für das Dirigieren Bratsche gelernt. Aber ob man dafür begabt ist, weiß man erst, wenn man vor einem Orchester steht. Ich habe die Aufnahmeprüfung für die Dirigierklasse auch erst beim zweiten Mal geschafft.
MILENA VIOTTI: Mein Bruder war immer sehr ernsthaft. Es gibt Filme von ihm, wo er als Zweijähriger zu einem Stift greift, um „Carmina burana“ zu dirigieren.

Da wird auch für Schlagzeuger einiges geboten.
MILENA VIOTTI: Er konnte schon damals perfekt im Tempo bleiben. Und er war ganz in seiner Welt, der Musik. Das ist heute noch so.

Gab es schon einmal die Konstellation, dass Sie Horn spielen und Ihr Bruder dirigiert?
MILENA VIOTTI: Einmal, vor drei Jahren, bei Tschaikowskys Symphonie Nr. 5 und der Dritten von Brahms in der Schweiz, beim EPOS, dem European Philharmonic of Switzerland, das von Ehemaligen des Gustav Mahler Youth Orchestra gegründet wurde.

In der Fünften gibt es ein berühmtes Hornsolo.
LORENZO VIOTTI: Ich habe es noch nie so schön gehört wie von meiner Schwester.
MILENA VIOTTI: Mein Bruder Alessandro hat drittes Horn gespielt. Das ist ein schönes Gefühl, wenn man von allen Seiten unterstützt wird. Das kann nur gut gehen.

Schauen da nicht andere Orchestermitglieder besonders genau hin, wenn eine solche Konstellation eintritt?
MILENA VIOTTI: Überhaupt nicht. Ich höre die Frage öfter, aber mein Bruder ist dafür geboren, zu dirigieren.
LORENZO VIOTTI: Ich habe eben Gounods „Roméo et Juliette“ an der Mailänder Scala dirigiert, mit meiner Schwester Marina Viotti als Stéphano. Es ist der tollste Monat in meiner Karriere, mit beiden Schwestern gemeinsam Musik zu machen. Wir arbeiten ganz normal miteinander. Ich werde nie jemanden extra behandeln, nur weil er oder sie zu meiner Familie gehört.

Sie tragen einen italienischen Namen und dirigieren nun zwei russische Werke.
LORENZO VIOTTI: Ich möchte wegen meines Namens nicht auf italienische Musik festgelegt werden. Wir sind in Frankreich aufgewachsen, meine musikalische Prägung erfolgte in Wien.

Warum haben Sie sich für Schnittke und Schostakowitsch entschieden?
LORENZO VIOTTI: Ursprünglich war mir dieses Programm für die Wintermonate zu dunkel und schwierig. Aber man muss einen Kompromiss mit den Wünschen eines Orchesters finden. Das Bayerische Staatsorchester spielt sehr flexibel, es hört zu und reagiert schnell. Das ist perfekt für die Musik von Schostakowitsch: Sie arbeitet sehr mit menschlichen Bildern und Charakteren und stellt Fragen nach dem Leben, dem Schmerz und der Freiheit. Im zweiten Satz des Schnittke-Konzerts läuft der Solist um sein Leben.

Ist die Zehnte von Schostakowitsch für die Horngruppe schwierig?
MILENA VIOTTI: Das Horn steht für die Seele und die Hoffnung. Das Solo im dritten Satz enthält das DSCH-Motiv mit den Initialen des Komponisten. Die tiefen Hörner müssen oft sehr hoch spielen, die hohen tief. Außerdem gibt es nach längeren Pausen sehr aggressive Passagen, die viel Präzision erfordern. Anderes soll sehr weich und transparent klingen.
LORENZO VIOTTI: Alles muss bei dieser Musik etwas bedeuten. Beim zweiten Satz, dem Scherzo, ist es für das Orchester nicht einfach, das Tempo exakt zu halten und weder zu schleppen noch nach vorwärts zu drängen.
MILENA VIOTTI: Und es ist wichtig zu wissen, dass Schostakowisch die Zehnte unmittelbar nach Stalins Tod komponierte. Es ist eine Symphonie, die zwar laut, aber ohne Happy End aufhört. Ein Tyrann ist tot, und der nächste kommt. Es ist eine alptraumhafte, wütende Musik.

Nationaltheater, Montag und Dienstag, 10.  und 11. Februar, 20 Uhr, Restkarten von 30 bis 53 Euro ab 19 Uhr (Abendkasse)

 
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