Bayerisches Staatsballett So ist „Coppélia“ in der Version von Roland Petit

Das Staatsballett tanzt "Coppélia" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Das Bayerische Staatsballett tanzt den Klassiker „Coppélia“ in der Version von Roland Petit

 

Bis heute ist diese „Coppélia“ von Roland Petit pures Entertainment, ästhetisch wirksam und gespickt mit technischen Höchstschwierigkeiten für die Tänzerinnen und Tänzer. Anspruch auf Gewichtigkeit oder gar Tiefgang wird erst gar nicht erhoben. Dennoch kann die Wendung ins Tragische am Schluss berühren, wenn Coppélius inmitten des fröhlichen Hochzeitstrubels die missglückte Beseelung seiner Holzglieder-Puppe nicht fassen mag. Ein in die Jahre gekommener Gentleman mit Hang zur Magie, dessen Herz und Lebensinhalt im letzten Bild zerbricht.

In ihrer handlungsabgespeckten, auf die Dreiecks-Konstellation zwischen Coppélius, Franz und Swanilda reduzierten Einfachheit ist Petits Version ein Unikat unter den Bearbeitungen dieses Klassikers. 38 Jahre nach der letzten, von Youri Vámos und Edmund Gleede verantworteten Umsetzung ist „Coppélia“ nun die erste Arbeit des französischen Choreografen mit stark prägendem Format am Nationaltheater – ein zuckersüßes Sahnebonbon, das man als kitschiges Schwiegermutter-Ballett entweder hassen oder als reines Vergnügen verstehen kann. Schon deshalb, weil das Bayerische Staatsballett die ihm auferlegte neue Aufgabe aufs Neue brillant meisterte.

Schwiegermuttertauglich

Bis zum letzten Soldaten des Garnisonsstädtchens, in dem Petit seine Geschichte ansiedelt (Ausstattung: Altmeister Ezio Frigerio), bringen ausnahmslos alle die stilisiert-schnittigen Märsche, folkloristischen Cancan-Anklänge und die gruppendynamisch broadwaytauglich arrangierten Paarformationen – jeder eine schnieke Bürgersfrau an der Hand – quietschfidel über die Rampe.

An der zeitlosen Schlagkraft von Petits Einakter „Le jeune homme et la mort“ (Libretto: Jean Cocteau) darf man „Coppélia“ aber messen. Während dort der Tanz das Geschehen vorantreibt, sind es hier Küsschen, unterschiedlichst motivierte Variationen zuckender Schultern, jazzig-flirrende Handbewegungen und eine Bandbreite an bewusst komödiantisch übertriebenen Gesichtsausdrücken.

Unter Gesichtspunkten der Repertoirepolitik ist dieser heitere Neuzugang durchaus stimmig. Wird hier doch überaus kokett mit Pantomine gespielt, einem herkömmlichen Stilmittel und Werkzeug des frühen Handlungsballetts. Erzählt wird in überdeutlichen Gesten. Luigi Bonino legt als herrlich vernarrter Eigenbrötler (federführend auch bei der Gesamteinstudierung des Balletts aus dem Jahr 1975) mit seiner Angebeteten nach einer lässigen Champagner-Nummer in der Anmutung eines „Dinner for One“ charmant ein flottes Tänzchen mit Fred-Astaire-Allüre hin. Die schaumgummielastischen Beine der automatenzauberhaft im schwarzen Rüschenkleid zur rassigen Spanierin herausgeputzten Puppe an die eigenen Füße geheftet.

Mit Temperament

Noch bevor das gut aufgelegte Orchester unter musikalischer Leitung von Anton Grishanin zur beschwingten, farbenreich instrumentierten Musik von Léo Delibes ansetzt, schwingen dessen Klänge aus einem Leierkasten den Zuschauer atmosphärisch auf die Sphäre von Marionetten, steif schematisierten Zinnsoldaten und neugierig-freches Girlie-Gehabe in rosa Tutus ein. Womöglich schickt Petit uns ja schlicht in eine Spielzeugdosen-Welt.

Am Premierenabend flirteten die neuen Prinzipals Virna Toppi (Swanilda) und Denis Vieira (Franz) sich temperamentvoll in ihre Soli und Pas de Deux hineinsteigern regelrecht um die Wette. Er verschossen in die stets anteilslos im Fenster hockende Coppélia. Die taffe Swanilda dagegen, um den Verlobten wieder auf Kurs zu bringen. Nicht das, sondern wie sie als vermeintlich zu Leben erwachende Puppe agiert, beeindruckt.

Petits „Coppélia“ steht und fällt mit den Interpreten. Das Ballett lebt von der spezifischen Eigenart und Darstellungsweise der jeweiligen Solisten. Bereits jetzt kann Ballettchef Igor Zelensky mit drei ganz unterschiedlichen Besetzungen aufwarten. Darauf kommt es (ihm) hier an.

Wieder heute, am 25. und 26. 10. sowie im April. Am 23. 11. Liveübertragung um 15 Uhr von „Coppélia“-Proben im Rahmen des World Ballet Day auf der Facebook-Seite des Staatsballetts

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading