Bayerisches Staatsballett Sergei Polunin schlampt durch "Spartacus"

Sergei Polunin und Ksenia Ryzhkova in "Spartacus". Foto: Wilfried Hösl

Sergei Polunin gastiert als Spartacus im Nationaltheater

 

Auf in den Freiheitskampf! Die Sklaven in Yuri Grigorovichs martialischem Ballettepos „Spartacus“ haben ihre Ketten erneut gesprengt. In voller Requisitenmontur begehren sie wieder auf gegen ihre römischen Bezwinger. Raffiniert choreografierter Wahnsinn hypermaskuliner Kriegsentschlossenheit.

Obwohl mittlerweile 51 Jahre alt, funktioniert die Choreografie, allen anfänglichen Bedenken und der altmodischen Ausstattung zum Trotz. „Spartacus“ ist in München zum Dauerbrenner geworden. Man könnte sogar sagen, ein Signaturstück des Staatsballetts – so perfekt wird hier marschiert, solistisch oder kollektiv gelitten, Gelage ebenso wie erotische Orgien gefeiert und die Dekadenz selbstherrlicher Protze ausgetanzt. Verantwortlich dafür sind akribische Ballettmeisterarbeit und Tänzerinnen und Tänzer, die von Mal zu Mal alles geben.

Als einfach so al fresco über die Choreografie hinwegwütenden Berserker hat Grigorovich den Titelhelden allerdings nicht konzipiert. Sergei Polunin müsste das wissen. Als ständiger Gast der Kompanie debütierte er bei der Premiere im Dezember 2016 als Crassus. Nun übernahm er – nicht zum ersten Mal, aber erstmals auf der Bühne des Nationaltheaters – die Titelrolle.

Der Probenschwänzer

Die öffentliche Bühnenprobe „(Fast) Spartacus“ am Samstag schwänzte er. An seiner Stelle tanzte Osiel Gouneo – in der Rolle besetzt am 29. März – mit atemberaubend schöner Linie, unter Berücksichtigung des vorgegebenen Schrittmaterials und einem kraftexplosivem Furor, dem man die Sorge um und die Liebe zu Phrygia bei jeder Berührung und jeder Hebung glaubt.

Warum bloß nahm Polunin diese Probenchance nicht wahr? Sie hätte ihm erspart, seinen ersten Auftritt zu vergeigen, weil ihm der filmschnittartig herabgelassene Zwischenvorhang den Weg nach vorn zur Rampe versperrte. Untendurch kam er nicht mehr. Den Rest seines Eröffnungsmonologs rasselte er dann umso heftiger mit der Kette, die der Interpret hier als Symbol der Unterdrückung zwischen den Handgelenken trägt.

Bad Boy of Ballet

Nicht alle im Publikum begreifen die Dimension seines Missgeschicks. Das Verschleifen der dem Charakter choreografisch zugeschriebenen Nuancen aber nimmt seinen Lauf. Seit er sein Engagement als Erster Solist des Royal Ballet hinschmiss, kultiviert Polunin das Image eines „Bad Boy of Ballet“. Zuletzt katapultierte er sich wegen unbedacht unqualifizierter Äußerungen in die Negativ-Schlagzeilen. In den Fokus genommen wurden da auch alte und neue Tattoos, so das auf der Brust prangende, in der Aufführung überschminkte Konterfei des russischen Präsidenten Vladimir Putin.

Seiner Beliebtheit scheint das bislang geschadet zu haben. Ihn dazu angespornt, Rollenangebote sorgfältiger anzugehen, hat es auch nicht. Eigentlich traurig, bei diesem scheinbar mühelos in die Höhe schnellenden Sprungtalents. Dennoch: Im zweiten Akt holt Sergei Polunin einiges an Rollengestaltung nach. Das Gladiatorenduell mit Zachary Catazaro (Debüt als Gast) klappt. Was er inmitten seiner Männer an technischem Input und choreografischem Vokabular unterschlägt, weiß er mit zähneknirschender Wut und großen Gesten zu camouflieren. Und verleiht der Titelpartie damit überraschenderweise ungeahnte Züge, die Spartacus als implodierenden Haudrauf-Rebellen in unmittelbare Nachbarschaft zu seinem – eigentlich charakterlich viel mieseren – Kontrahenten rücken.

Auch Ungenauigkeit kann sehr schön sein

Das hat, zugegebenermaßen, bei aller Ungenauigkeit Thrill. Mit Emilio Pavan hat Ballettchef Igor Zelensky einen starken Gegenspieler für Spartacus neu eingeführt. Kurz nach seinem Debüt als Onegin brilliert der Australier als verbissen-ehrgeiziger, römisch-erhabener Feldherr Crassus, der seine Lüsternheit in den Pas de deux mit Aegina kein bisschen verhehlt. Er hebt nicht nur top vom Boden ab und landet stets sauber, sondern lässt bewusst die seine Figur erklärenden Emotionen schillern.

Gemeinsam mit Prisca Zeisel präsentieren sich die beiden als geniales Paar des Abends. Absolute Heroin dieser Neuauflage ist Ksenia Ryzhkova. Sie debütiert als Phrygia an Polunins Seite. Bombensicher – über manch fast improvisierte Momente hinweg. Dass sie in diese Rolle mit den kniffeligen Hebefiguren wie in eine zweite Haut schlüpft, zeigte sich schon bei der Probe. Leidenschaft musste sie nun – neben Polunin im Kampfrausch des künstlerischen Überlebens – doppelt aufbringen.

Am Ende: Jubel für ein erleichtert lachendes Protagonisten-Quartett.

Nächste Vorstellungen am 29. März, 1. April (Spartacus: Vladimir Shklyarov/Phrygia: Maria Shirinkina) und 15. April im Nationaltheater. Telefon 2185 1920
 

 

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