Bayerisches Staatsballett Gnadenfrist für Sergej Polunin

Sergej Polunin bei einem Auftritt vor zwei Jahren in London – noch ohne Putin-Tattoo auf der Brust. Das sogenannte Kolowrat-Symbol, ein angeblich altslawisches oder auf die Wikinger zurückgehendes Sonnenrad ist ein unter russischen Neonazis beliebtes Erkennungszeichen. Foto: Imago/Elliott Frank

Das Staatsballett distanziert sich vorsichtig von Sergej Polunin, hält aber vorerst an seinen Auftritten fest

Am Donnerstag war auf der Homepage des Bayerischen Staatsballetts noch zu lesen, man könne nicht „alle Kommentare“ von Künstlern „gut und richtig“ heißen. Man wolle mit dem Tänzer Sergej Polunin über seine umstrittenen Äußerungen sprechen. Aber nicht öffentlich, und „ohne jede Skandalisierung, die Menschen lediglich in eine Ecke“ drängen würde.

Polunin hat in sozialen Netzwerken gefordert, übergewichtige Menschen „zu ohrfeigen“, weil er deren „Faulheit“ nicht akzeptieren könne. Die Pariser Oper erklärte daraufhin, derlei Äußerungen seien nicht mit den Werten des Hauses vereinbar und beendete das Engagement. Der Pariser Tänzer Adrien Couvez nannte seinen Kollegen eine „Schande“ und erklärte, das Ensemble stehe für „Respekt und Toleranz“.

Der 29-Jährige Ukrainer und eingebürgerte Russe kultivierte bereits früher durch Äußerungen über „unmännliche“ Tänzer und mit Drogenkonsum das Image als „böser Bube“ des Balletts. Vor Weihnachten posierte er auf Instagram mit einem frisch tätowierten Putin-Porträt. Dazu schrieb er: „Danke an Wladimir und jeden anderen, der für das Gute steht.“ Es sei „nicht leicht, gut zu sein und das Licht zu wählen“.

Putin und ein Neonazi-Symbol

Unterhalb des Putin-Porträts hat Polunin seit längerem das Kolowrat-Symbol tätowiert. Dieses (angebliche) Wikinger-Sonnenrad ist nicht nur in der russischen Neonazi-Szene ein beliebter Ersatz für ein Hakenkreuz. Bei Auftritten in London war es auch zu sehen, in München wurde es bei klassischen Rollen wie die anderen Tattoos überschminkt.

In einem Video auf Youtube erklärt Polunin seine gesamte Körperkunst, zu der unter anderem auch Joker („Batman“), ein Wolf, eine ukrainische Kirche und auf dem rechten Arm unter den Worten „James Dean“ der gegenwärtige Münchner Ballettchef Igor Zelensky zählt. Der hat dem Tänzer bereits früher aus Krisen hinausgeholfen.

Das mag erklären, wieso das Staatsballett – vorerst – zu Polunin steht. Am Freitag tauchte auf der Homepage des Staatsballetts eine beträchtlich erweiterte Erklärung auf, die nun von Zelensky und dem Staatsopern-Intendanten Nikolaus Bachler unterzeichnet ist.

„Die Angelegenheit ist komplex – und es bringt uns langfristig nicht weiter, sie zu vereinfachen“, heißt es da. „Es sind große und relevante Fragen, die nun aufkommen, und die uns durch das Tempo und die starke Präsenz der Sozialen Medien auch ganz neu betreffen: Wo ist die Grenze zwischen öffentlich und privat? Wie und warum beurteilt eine Institution die Meinung eines Künstlers? Ab wann ist eine Meinung gefährlich, was ist gar strafbar?“

Ein zartes Lächeln

Bachler und Zelensky distanzieren sich „deutlich von allen Inhalten diskriminierenden Charakters.“ Ein paar Sätze weiter kann einem allerdings ein zartes Lächeln über das Gesicht huschen, wenn die beiden Theater-Alpha-Herren beteuern, kein „autokratisches System“ zu fahren, „in dem ein Einzelner bestimmt, was zu tun ist“.

Bisher habe es keine Gelegenheit gegeben, mit dem Tänzer persönlich zu sprechen. Daher hätten sich Bachler und Zelensky entschieden, „vorerst das zu beurteilen, was wir zu diesem Zeitpunkt beurteilen können: seine Qualitäten als Künstler. Und aufgrund dieser Beurteilung wird er am 19. und 20. Januar als Gast an unserem Haus in Raymonda auftreten. Was folgt, ist ungewiss. Und das ist in Ordnung.“

Eine Gratwanderung

Gewiss. Der philharmonische Chef Valery Gergiev lässt sich nur mit Herrn Putin fotografieren. Tattoos – sollten sie existieren – hat er dankenswerterweise bisher nicht vorgezeigt. Das Tattoo des nach seiner Bayreuth-Ausladung hin und wieder im Nationaltheater singenden Ex-Rockers Evgenij Nikitin ist eine Jugendsünde, die nicht von gegenwärtigen Torheiten flankiert wurde.

Es ist, da haben Bachler und Zelensky recht, eine Gratwanderung. Aber eine, bei der man – um im Bild zu bleiben – abstürzen kann. Bei Polunin kommt hinzu, dass er nach Ansicht von Experten über seinen Auftritten auf Laufstegen und Hollywood-Ambitionen hin und wieder den Tanz vernachlässigt.   
 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading