Bayerisches Staatsballett Die Uraufführung „petit pas“ von Andrey Kaydanovskiy am Festen Samstag

Marta Navarrete Villalba in der Uraufführung von „petit pas“ des Choreografen Andrey Kaydanovskiy. Foto: Wilfried Hösl

Die Uraufführung von „petit pas“ des Hauschoreografen Andrey Kaydanovskiy im Nationaltheater

 

Aller Frust, alle Lust – eingefroren in einem skurrilen Traum. Die Vorderbühne des Münchner Nationaltheaters mutiert zu einer geschrumpften Arena für tanzende Paare und Nichtpaare. Stille weicht Soundcollagen, und Musik von Tschaikowsky erklingt sogar live. Aus den architektonischen Tiefen der Seitenbühne taucht in einer bewusst eingebauten Umbaupause erst ein Flügel, dann Pianistin Anna Buchenhorst auf. Später singen neun Damen in Putzfrauenmontur – über die Ränge des Zuschauerraums verteilt – den Schneeflocken-Walzer aus „Nussknacker“. Schönklang aus der Leere, dem die Tänzer nicht mehr wie gewohnt entsprechen dürfen. Sie vermitteln ein Zerrissenheitsgefühl. Kommen sie sich zu nah, schrecken sie voreinander zurück.

Ein situationsbedingtes Zwei-Wochen-Produkt, das über den vorzeitigen Saisonschluss der Bayerischen Staatsoper hinaus bleibenden Nachhall erzeugen soll. Als dritte Ausgabe des Corona-zum-Trotz-Formats „Fester Samstag“. Mittig in der ersten Reihe des mit nur 50 Personen besetzten Bühnenraums: eine VR-360 Grad-Kamera für den Rundum-Mitschnitt der hintergründig doppeldeutigen Uraufführung „petit pas“ von Andrey Kaydanovskiy, dem Hauschoreographen des Staatsballetts.

Fokussierte Einfälle

Der Abend ist kurz, weil derzeit ein Muss. Viel zu kurz für die eigentümliche und sich bestens zusammenfügende, aber komplexe Verschränkung darin aufpoppender Ideen. Mit zusammenbastelbarer VR-Brille soll das Ganze für die Kreativ-Lücke während der Sommerpause demnächst im Opernshop für jedermann verfügbar sein.

Fünf Staatsballett-Ensemblemitglieder sind beteiligt. Allen anderen geht es tagtäglich weiterhin so, wie es Marta Navarrete Villalba auf der Bühne – ein Mikrofon vor sich – in überrumpelnder Larmoyanz schildert: „Früher wärmte ich mich auf, um für die Aufführung fit zu sein. Now I just warm up to warm up.“ Ihre Rolle: Tänzerin und Zuschauerin zugleich. Als solche betritt sie – flankiert von Matteo Dilaghi, den Stuhl, Anzug und Hygienemaske zum Aufseher stempeln – das beengende 32 Quadratmeter große Podest. Ein Spiegelbild unser aller Selbst, das Villalba und Dilaghi mimisch klar und tänzerisch mitunter wutbetont schnell in einen Tango zerlegen, der Durchsetzungsvermögen austestet. Ganz auf Abstand und gegenseitiges Beruhigen bedacht.

Ein beherzt absichtliches Husten später trippelt Dilaghis eigentliche Partnerin Elisa Mestres im weißen Tutu daher. Das „Schwanensee“-Ambiente wird noch durch ein schwarzes Paar ergänzt: Jeanette Kakareka und Jinhao Zhang. Er ein Dauerstrahler, wogegen sie ihre melancholischen Hänger in seinen Armen regelrecht austanzt.

Am Ende ein schaler Blumenstraußsturz

Kaydanovskiy, der seine Einfälle stets zu fokussieren versteht, hat zwei Ereignisse thematisch miteinander verlinkt: die pandemiebedingte Schließung des Nationaltheaters am 11. März und – historisch eng mit dem Tanzgenre verknüpft – Marius Petipas Geburtstag am gleichen Tag. Aus dem Off sind Jammern und Klagen des französischen „Vaters des russischen Balletts“ zu hören: knappe Befindlichkeitsniederschriften aus Petipas Tagebüchern.

Toll, wenn die Filmaufnahme klappt und ausgefeilte Technik dazu beiträgt, unsere sinnliche Wahrnehmung zu erweitern. Schrotten sollte man das gute alte Repertoire-Live-Theater deshalb jedoch nicht. Interpreten und Zuschauer wollen und müssen sich faktisch begegnen. Auch wenn einen am Ende ein trefflich-schaler Blumenstraußsturz vom Bühnenhimmel als unmissverständliche Deus-ex-machina-Entladung nach dem Motto „Jetzt ist aber Schluss“ unsanft-abrupt aus dem halbstündigen Vorstellungstraum zurück ins reale Leben reißt. Aufwühlend und dabei trocken-sarkastisch.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading