Bayerischer Rundfunk Wie der BR die Coronakrise meistert

BR-Fernsehdirektor Reinhard Scolik mit Birgit Spanner-Ulmer, der BR-Direktorin Produktion und Technik, beim Frankenfasching 2019 in Veitshöchheim. Die Lust am Verkleiden hat der Österreicher erst in München für sich entdeckt. Foto: Volker Danzer/HMB Media/Heiko Becker/Imago

Der BR muss derzeit viel improvisieren: Fernsehdirektor Reinhard Scolik erklärt die neue „BRKulturBühne“ und spricht über das Bedürfnis der Zuschauer nach Unterhaltung

 

Die Corona-Krise hat den Bayerischen Rundfunk hart getroffen: Wegen bestätigter Krankheitsfälle musste der Sendebetrieb der Hörfunksender Bayern 2 und Bayern 5 zusammengelegt werden. Außerdem gibt es einen Drehstopp. Aber es gibt auch neue Formate wie das Kabarett-Format „Trost, Kraft und Kolleg*innen“ aus dem Schwabinger Lustspielhaus im Rahmen eines Bayernabends.

AZ: Herr Scolik, wie gut schlafen Sie in letzter Zeit?
REINHARD SCOLIK: Gut schon, aber sehr wenig. Seit 15. März sind das wirklich herausfordernde Wochen gewesen. Tage, die früh begonnen und spät geendet haben, tägliche Schaltkonferenzen zur Lage, sowohl was die Sicherheit der Situation im BR als auch die programmliche Lage betrifft.

Wie geht so ein Riesen-Apparat wie der BR mit der Corona-Krise um?
Mit einem Wort: großartig. Weil wir so gut, effizient und schnell zusammenarbeiten. Bürokratische Hürden und Bedenken, die man sonst hat, fallen weg. Man arbeitet zielgerichtet auf die Sache hin, rund um die Uhr. Wir haben immerhin von Freitag, als wir erfahren haben, dass die Schulen geschlossen werden, bis Montag unser Bildungsprogramm „Schule daheim“ auf ARD-alpha und in der BR Mediathek auf die Beine gestellt. Jeder packt an, wo er kann und gebraucht wird, ein toller Zusammenhalt. Es hat sich gezeigt, wie effizient wir sein können.

Wahrscheinlich auch für Sie ein Augenöffner: Aha, wenn’s sein muss, ist plötzlich doch sehr viel möglich.
Ja, wobei es nicht die erste Krise ist, die ich im öffentlichen Rundfunk erlebe. Ich habe schon zwei Golf-Kriege und einen Jugoslawien-Krieg hinter mir. In diesen Zeiten schaut niemand auf Uhrzeiten oder Hierarchien – da wird einfach rasch und kooperativ gehandelt. Diese Qualität hat der BR auch in hohem Maß.

Weil nicht gedreht werden kann, fallen viele Neuproduktionen weg. Wie sieht es bei den Großprojekten aus, zum Beispiel der Jubiläumssendung zum 50. „Tatort“-Geburtstag, gemeinsam mit den Dortmunder Ermittlern?
Derzeit liegt alles brach, ist vieles in der Zwangspause, auch unsere Daily-Soap-Vorabendserie „Dahoam is dahoam“. Das heißt, wir leben noch von Programm-Vorräten. Groß- und Tagesproduktionen wie die „Wirtshausmusikanten“ oder die „Brettlspitzen“ können nicht stattfinden, andere Sendungen wie „Wir in Bayern“ entwickeln kreative Ideen, wie sie trotzdem senden können. Wir behelfen uns natürlich auch mit Wiederholungen – aber es entstehen tatsächlich auch Neuproduktionen wie „Trost, Kraft und Kolleg*innen“. Die Schwierigkeiten, auch was die Versorgung mit „Tatorten“ betrifft, werden in der zweiten Jahreshälfte kommen, wenn Dinge fertig sein sollten, die nicht fertig sein können oder die – je nachdem, wie sich die Lage entwickelt – sehr knapp fertig werden. Das ist dann wenigstens ein kleiner Ausgleich für all die Kreativen im Land, die momentan nicht arbeiten können: Da kommt ein großer Schwung auf sie zu, den man auch zeit- und kapazitätsmäßig bewältigen muss.

Bevor das Volk kollektiv Schnappatmung bekommt: Die „Tatort“-Grundversorgung ist nicht in Gefahr, oder?
Die ist schon gesichert. Es wird nicht so weit kommen, dass Deutschland auf seinen Sonntags-„Tatort“ verzichten muss.

Den „Tatort“-Platz am Dienstag haben Sie schon freigeräumt: für das Kabarett-Format „Trost, Kraft und Kolleg*innen“, den 45-Minüter mit Stephan Zinner, Johanna Bittenbinder und Gästen im leeren Lustspielhaus.
So schnell wurde wahrscheinlich noch nie eine Produktion ins Programm gehievt. Das ist absolute Rekordzeit, ein Sprung ins kalte Wasser.

Wie kam’s zu diesem Kabarett-Format?
Zehn Tage vor der ersten Sendung hat mich Till Hofmann angerufen: „Wir müssen was tun! Wir brauchen in dieser Krise doch auch Unterhaltung!“ Da hat er natürlich recht. Die erste Phase war der Information gewidmet, jetzt geht es darum, auch Unterhaltung zu bieten – und auch etwas Frisches. Nachdem die Möglichkeit von Dreharbeiten auch rechtlich geklärt war, haben wir gesagt: „Wir machen das!“ Unsere tolle Kabarett-Redaktion hat sich dann gleich mit Till Hofmann und seinem Team an die Arbeit gemacht und ein Konzept entwickelt, das im Rahmen des neuen „Bayernabends“ am Dienstagabend laufen sollte. Heißmann und Rassau hatten für den ersten Bayernabend auch bereits eine Produktion im leeren Theater gemacht, und den zweiten Dienstag haben wir dann gleich mit „Trost, Kraft und Kolleg*innen“ bestückt. Das ging alles auf Zuruf. Wenn alle wollen, geht das sehr schnell.

Und die Künstler wollten offenbar auch!
Das Ganze hat ja zwei Aspekte: Auf der einen Seite wollen wir das Publikum mit Unterhaltung versorgen, auf der anderen Seite aber auch die kreative Szene mit Aufträgen am Leben halten. Denn bei dem ganzen Stress, den wir als Programmverantwortliche derzeit haben, empfinde ich den immer noch als Privileg gegenüber denen, die nun einfach nichts tun können. Lieber bis Mitternacht arbeiten als gar nicht arbeiten können, weil es keine Aufträge gibt.

Die Liste der KollegInnen ist jedenfalls beeindruckend: Polt, Schramm, Hader, Dorfer, Priol, Barwasser, um nur einige zu nennen – das Who is Who des deutschsprachigen Kabaretts. So geballt gab’s das noch nie im deutschen Fernsehen.
Toll, dass alle dem Ruf von Till Hofmann gefolgt sind! Das ist wirklich eine hervorragende Zusammenarbeit. Ich freue mich sehr, dass wir das angepackt haben. Die Kabarett-Termine im BR sind ja sonst um 21 oder 22 Uhr. Aber nun haben wir gesagt: „Nix, damit gehen wir auf 20.15 Uhr!“ Beste Sendezeit.

Es ist ja doch ein etwas anderer Stil, coronabedingt alles schön improvisiert. Welches Feedback haben Sie nach Folge eins bekommen?
Eine sehr gute Resonanz vom Publikum. Mit der Quote haben wir noch etwas Luft nach oben, was aber auch daran liegt, dass man das nicht auf diesem Sendeplatz erwartet. In der BR Mediathek war die Sendung aber unter den Top 5. Für uns ist ja auch wichtig, nicht nur lineares Programm zu machen, sondern auch frische Ware für die Mediathek zu bekommen.

Vier Folgen soll es geben – oder geht da noch mehr?
Über Zugaben müssen wir dann reden.

Wie sieht es mit den anderen Kabarettformaten des BR aus?
Wir haben einiges angepasst: „SchleichFernsehen“ kam letztes Mal aus dem Keller von Helmut Schleich, auch der „Schlachthof“ hat sich besonders gut auf die neue Situation eingestellt. Aber wir fahren auf Sicht. Unsere Kolleginnen und Kollegen in der Unterhaltung leisten hier großartige Arbeit, sehr kreativ und lösungsorientiert.

Gibt es vergleichbare Ideen für die Bereiche Musik, Literatur, Bildende Kunst? Stichwort Kulturauftrag.
Wir werden heute ein digitales Portal, die neue „BR KulturBühne“ haben, wo Sie Kulturangebote aus den genannten Genres finden mit Kulturangeboten für die Krise: Literaten lesen, Musiker musizieren, es wird virtuelle Kunstausstellungen geben, so dass berichtet wird über die Szene und sie ein Feld hat. Auch die Klangkörper des BR, das Symphonieorchester, das Rundfunkorchester und der Chor, waren schon im Netz präsent. Zahlreiche Kreative haben bereits ihre Teilnahme zugesagt. Ein Highlight am Karfreitag wird um 15 Uhr beispielsweise eine alternative „Matthäuspassion“ aus der leeren Philharmonie im Gasteig sein, die auf der BRKulturBühne gezeigt wird. Zudem ist dort unser ohnehin umfassendes BR-Kulturangebot zu finden, inklusive des Angebots von Bayern 2, BR Klassik, BR24 und der BR Mediathek.

Was müssen wir uns unter einer alternativen „Matthäuspassion“ vorstellen?
Mitwirkende sind Bach-Chor-Leiter Hansjörg Albrecht an der Orgel, die Sopranistin Lydia Teuscher, Gasteig-Chef Max Wagner als Moderator sowie Stefan Hunstein, der aus der Bibel lesen wird. Eine auf Opernstreaming spezialisierte Firma zeichnet das Ganze auf.

Nimmt die Unterhaltung beim BR künftig mehr Raum ein?
Sie ist während Corona ein zunehmend wesentlicher Faktor. Am Anfang stand logischerweise das Informationsangebot, das wir groß ausgebaut haben. Wir haben Pressekonferenzen übertragen, die uns mittags bis zu 33 Prozent Marktanteil brachten – Werte, die sonst nur der Maibockanstich oder der Nockherberg erreichen. Dieses hohe Informationsbedürfnis gibt es nach wie vor, aber nach dieser ersten Phase nimmt das Bedürfnis der Zuschauer nach Unterhaltung zu.

Gibt es coronafreie Zonen?
In „Wir in Bayern“ von 16.15 bis 17.30 Uhr versuchen wir, möglichst ohne Corona auszukommen, weil danach eh die Info-Schiene kommt. Was die Menschen jetzt wollen, ist Entspannung – angespannt sind sie durch die Situation ohnehin, bis hin zu Existenzsorgen. Daher abends am Dienstag dieses Bayern-Angebot, Donnerstag, Freitag und Samstag sind ohnehin unterhaltsam gestaltet, und Sonntagabend zeigen wir nun nach dem „Komödienstadel“-Termin Krimis: „München 7“, also die unterhaltende Sorte.

Nie war die Unterhaltung so wertvoll wie heute. Ihnen scheint das Fach ebenfalls zu liegen, wie man bei der „Fastnacht in Franken“ sieht: Sich als Conchita Wurst oder Rudolph Moshammer zu verkleiden, muss man sich trauen!
Ich habe dafür gute Ideengeber, eine tolle Maskenbildnerin, und ich habe in Bayern eine Seite an mir entdeckt, die mir unbekannt war. In Wien, wo ich herkomme, hat das Verkleiden im Fasching ja keine Tradition. Ich wusste nicht, dass es mir so Spaß macht, mich zu verkleiden, vom Kaiser Franz Joseph über die Conchita und den Moshammer bis zu Gottschalk. Aber es ist jedes Jahr eine Herausforderung: nach Veitshöchheim ist vor Veitshöchheim.   

 

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