Bayerischer Literaturpreis David Wagners Buch „Der vergessliche Riese“ - die AZ-Rezension

Bayerischer Buchpreis 2019: Die drei Preisträger: Joachim Meyerhoff, Jan-Werner Müller und David Wagner (von links). Foto: Yves Krier

David Wagners Buch „Der vergessliche Riese“ erhält den Bayerischen Buchpreis im Bereich Literatur

 

Im Alter, und nicht nur im Alter, kann das Reservoir des Gedächtnisses immer weiter schrumpfen, bis ein Weiterleben ohne Hilfe nicht mehr möglich scheint. Ein Riese kann da auch zu einem Zwerg werden, doch es ist schon ganz bewusst, dass David Wagner seinen autobiografischen Roman, in dem es um sein Verhältnis zu seinem demenzkranken Vater geht, „Der vergessliche Riese“ nennt.

Denn der Riese von einst, auf dem der Sohn einst herumkletterte, ist noch weiterhin da, weißhaarig, charmant und munter, aber mit wachsenden Gedächtnislücken – sowie weiterhin intakten Manieren, auch wenn Rudi Wagner einmal etwas despektierlich davon spricht, dass sein gerade verstorbener Bruder Norbert so sparsam war, dass er sich von einer Zwergin pflegen ließ.

Sprachmächtig in alten Dingen

Der Ich-Erzähler David Wagner glaubt seinem alten Herrn diese Geschichte nicht. Aber doch, tatsächlich, bei der Trauerfeier trägt tatsächlich eine kleinwüchsige Frau ein Tablett herum.

Demenz im Endstadium hat der Vater nicht, sondern er ist sprachmächtig, kann sich an manche Dinge, besonders jene, die weit zurückliegen, sehr wohl erinnern. Das Buch besteht vor allem aus drehbuchartigen Dialogen, in denen Vater und Sohn sich die Bälle hin- und her spielen, ohne dass ob der vielen Redundanzen, die entstehen, wenn der Vater schon dieselbe Frage stellt, die gleiche Geschichte erzählt, dasselbe sagt – „Nun ist mir schon die zweite Frau weggestorben. Ich muss ja schwer auszuhalten sein“ –, irgendein großer Ärger oder Frust entsteht.

Zwischen den Kapiteln liegen immer wieder Zeitsprünge, wodurch das Buch etwas Fragmentarisches hat, womit es aber sich aber auch schon in Richtung der Wahrnehmung des Vaters lehnt. Dem geht das Zeitgefühl immer wieder abhanden. So ist er überrascht, wenn tatsächlich schon wieder Weihnachten ist. Ja, plötzlich liegt die Dame, die wie er in dem luxuriösen Altenpflegeheim am Rheinufer mit Drachenfelsblick wohnt und zu jeder Jahreszeit Weihnachtslieder spielt, genau richtig.

Der Humor von Wagners Buch liegt auch darin, dass der souverän beschreibende Autor immer wieder selbst ins Straucheln gerät. Da meint Wagners eigene, zeitgemäß umweltbewusste Teenager-Tochter „Papa, öde!“, als er ihr von der Angst der Bonner erzählt, dass ihre Stadt nach dem Wegzug der Bundesregierung zur Geisterstadt mutieren könnte: „Du hast mir das alles schon mal erzählt.“

Digitale Demenz

Auch ist Wagner selbst nicht von Gedächtnislücken und Orientierungsproblemen gefeit. So sucht er auf einem Parkplatz sein Auto – bis er per Knopfdruck auf dem Schlüssel das helfende Signal auslöst.

Die Technik, besonders das Handy, taucht öfters auf und nimmt Gedächtnisleistungen ab – was, es ist zwischen den Zeilen zu lesen, für die digitale Demenz eines Tages schon sorgen wird. Wagners Vater aber scheint, bis auf seltene Momente des Weinens und mancher unangenehmen Unsicherheit, sich mit seiner Situation gut zu arrangieren. Er genießt die Natur, die Besuche seiner Kinder, hat weiterhin Schlag bei den Damen. Ähnlich unsentimental wie in diesem Buch hat David Wagner in „Leben“ von seiner eigenen Autoimmunerkrankung erzählt und gewann dafür 2013 den Leipziger Buchpreis.

Die Literatur hat dabei natürlich eine Speicherfunktion. Sie ist ein Vergiss-Mein-Nicht mit langem Haltbarkeitsdatum. Das Leben geht nun mal unaufhörlich weiter, auch wenn das Gedächtnis ächzt, während die Dinge sich ändern. Man muss flexibel bleiben, darf den Humor nicht verlieren, die Fantasie. Dem Sohn erscheinen die einstigen Riesenhände des Vaters jetzt eben als Kinderhände. Er ergreift diese Hände einfach mal, mitten während einer Autofahrt, und hält sie fest.

David Wagner: „Der vergessliche Riese“ (Rowohlt, 269 Seiten, 22 Euro)

 

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