Bayerische Staatsoper Verdis "I masnadieri" mit Diana Damrau im Nationaltheater

Verdis "I masnadieri" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Giuseppe Verdis frühe Schiller-Oper „I masnadieri“ in der Inszenierung von Johannes Erath im Nationaltheater

 

Endlich wissen wir, wozu der Stachel an der Unterseite des Violoncellos in Wirklichkeit da ist. Diana Damrau demonstriert es uns in der Rolle der Amalia in Giuseppe Verdis Oper „I masnadieri“: Als Francesco ihr Gewalt androht, greift sie sich flugs das an sich friedliche Instrument – und funktioniert es zur Waffe um.

Warum aber befindet sich das Violoncello überhaupt auf der Bühne? Und warum handelt es sich um ein Cello und nicht etwa um ein Bombardon? Alle diese Rätsel klärt Johannes Erath in seiner Inszenierung der „Masnadieri“, die an der Bayerischen Staatsoper bislang nie gespielt wurden, in einer thematisch weit aufgespannten Assoziationskette auf.

Der junge Verdi hatte diese Adaption von Friedrich Schillers bluttrünstigem Drama „Die Räuber“ für das königliche Opernhaus in London geschrieben, wo der bekannte Cellist Alfredo Piatti engagiert war. Für ihn komponierte Verdi die melancholische Solo-Romanze, die den Hauptteil des kurzen Orchestervorspiels bildet. Als Regisseur geht Erath von dieser Besonderheit aus und entspinnt aus ihr eine ganze Vorgeschichte. Nach dieser war die offenbar früh verstorbene Mutter der beiden ungleichen Brüder eine Cellistin.

Hypnotischer Beziehungszauber

Die Erinnerung an sie ist, symbolisiert eben durch das Instrument, dauerpräsent und bestimmt die Gegenwart: In bedrückender Sprachlosigkeit sitzt die gesamte Familie, inklusive der von einer Statistin verkörperten Erscheinung der toten Mutter, zu Beginn an der überlangen Speisetafel im düsteren Schlosssaal (Bühne/Kostüme: Kaspar Glarner).

Nach dieser Logik hören wir also die tote Mutter in der Ouvertüre das Solo spielen. Die Entstehungsumstände des Stücks werden verknüpft mit der eigenhändig und en detail ausgemalten Vorgeschichte seiner Handlung. Ist das nicht weit hergeholt? Ja, ein bisschen. Doch Erath macht diesen Beziehungszauber in geradezu hypnotischen Bildern plausibel, die, in scharfen Kontrasten ausgeleuchtet, alten Schwarz-Weiß-Fotografien nachempfunden sind (Licht: Olaf Freese).

Nachdem die Bühne aufgezogen wurde, bleibt ein zweiter Vorhang zurück, der das Geschehen gleichsam mit den Schleiern der Vergangenheit überzieht. In dessen geisterhaft feinen Stoff wird sich Diana Damrau später schutzsuchend einhüllen, und wenn sich der Schatten-Vorhang schließlich wieder hoffnungsvoll hebt, scheint es, als ob ihr Flügel gewachsen wären: Überzeugender kann man die Engelsgleichheit der Amalia nicht illustrieren, zumal Damraus zarte Stimme und ihr schwerelos girrender Gesang für diese Figur wie geschaffen sind.

Mit Erklärlust

Auf Dauer macht sich Eraths Erklärlust, mit der er dramaturgische Brüche beim frühen Verdi kittet, leicht pädagogisch bemerkbar. So stellt Mika Kares die Altersschwäche des Vaters Massimiliano in einer für ihn untypischen bassistischen Brüchigkeit dar. Wenn er jedoch seinen unseligen Sohn Francesco tot in den Armen halten muss, nimmt die hier zusätzlich eingefügte stumme Symbolfigur der Szene etwas von ihrer erschütternden Intimität.

Gleichzeitig liefert die von der Inszenierung nachgelieferte Vorgeschichte, in die auch die brillanten Chöre (Einstudierung: Stellario Fagone) schlüssig integriert sind, unerwartete Deutungsangebote: Dass der Bariton Igor Golovatenko als Francesco seine nicht allzu ausgeprägte Tiefe mit deklamatorischem Hochdruck kompensiert, kann man als Ausdruck der ewigen Kränkung des Zweitgeborenen verstehen. Charles Castronovo als rivalisierender Bruder Carlo macht es ihm aber auch wirklich nicht leicht. Der Amerikaner reißt mit dunklem Belcanto und erregenden Spitzentönen das Publikum gleich mehrfach zu Szenenapplaus hin.

Weil Michele Mariotti am Pult des Bayerischen Staatsorchesters die Sänger mit jeder Begleitfigur von Neuem anfeuert, spiegelt sich die stimmige Inszenierung auch auf instrumentaler Ebene wieder – angefangen vom zunächst rätselhaften, doch nun sinnhaft gewordenen, von Emanuel Graf wunderschön elegisch ausgesungenen Solo des Violoncellos im Preludio. Was eine durchdachte Regie doch aus einem einzelnen Einfall alles machen kann.    

Weitere Aufführungen am 11., 14., 18. und 26. März um 19 Uhr sowie am 22. und 29. März um 18 Uhr, Karten unter Telefon  21 85 19 20 und unter www.staatstheater-tickets.bayern.de

Lesen Sie auch unser Interview mit dem Regisseur Johannes Erath
 

 

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