Bayerische Staatsoper So ist Verdis "Un ballo in maschera" unter Zubin Mehta im Nationaltheater - die AZ-Kritik

Piotr Beczala als Riccardo (im blauen Morgenmantel) in Johannes Eraths Inszenierung von Verdis „Maskenball“ im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Wie die Utopie der Oper aussieht: Giuseppe Verdis „Un ballo in maschera“ mit Anja Harteros und Piotr Beczala im Nationaltheater

Was man nicht alles in einem Doppelbett machen kann! Amelia bringt dort ihr Kind zum Schlafen, die beiden Verschwörer sitzen mit aufreizend übereinander geschlagenen Beinen auf der Kante und ergehen sich in Schadenfreude, später wird Renato dort verzweifelt wütend Amelia des Ehebruchs bezichtigen. Nur eines findet in diesem Allzweckmöbel nicht statt – auch nur der Hauch eines Liebesspiels.

So wird das Ehebett in Johannes Eraths Inszenierung von Giuseppe Verdis „Un ballo in maschera“ zum allgegengewärtigen Sinnbild der sich nie erfüllenden Sehnsucht der drei Liebenden. Das Bett und das zweite Hauptelement der Einheitsbühne, über die über alle drei Akte hinweg festgehalten wird, nämlich die freischwebende Treppe, sind umgekehrt, aber real ausgebaut, nach oben gespiegelt (Bühne: Heike Scheele). So liegt Riccardo in der Spiegelwelt bereits erschossen auf dem von der Decke hängenden Bett: als Vorausahnung des Schicksals, das ihm prophezeit wurde. Schließlich spielen die Sänger gerne mit Bauchrednerpuppen, wohl eine Chiffre für die Masken, hinter denen sie sich verstecken.

Man kann an diesen Beispielen sehen, wie Erath, der mit dieser Arbeit an der Staatsoper debütiert, die Handlung konzentriert in wiederkehrende Bilder übersetzt; die neutralen Kostüme von Gesine Völlm, die auf die Zwanziger Jahre anspielen, tragen zur behutsamen Erklärweise der Inszenierung bei. Nicht alle Sänger bilden zwar eine so präzise Körpersprache aus wie die beiden wunderbar schwarzstimmigen Verschwörer (Anatoli Sivko/Scott Conner), und die Stimmigkeit der Regie läuft auch Gefahr, pädagogisch zu werden.

An dem einen Raum hat man sich irgendwann auch einmal sattgesehen. Doch bleibt der Eindruck, dass das Stück ohne Künstelei erzählt wird und die Regie der Musik viel Raum lässt.

Unter Zubin Mehta klingt das Orchester immer ein wenig besser

Alles andere wäre angesichts des exorbitanten musikalischen Niveaus auch ein künstlerisches Verbrechen. Ohne die Leistung des Regie-Teams schmälern zu wollen: Dieser Abend gehört Zubin Mehta. Es war ja lange ein Allgemeinplatz, dass unter seiner Stabführung das Orchester immer ein wenig besser klingt als sonst, aber immer auch ein wenig gleich. Nun, da er sich dem 80. Lebensjahr nähert, scheint er – das legen seine letzten Dirigate nahe – zu einer noch weitaus höheren Differenziertheit zu finden. Überlegen führt Mehta Verdis orchesterdramaturgische Meisterschaft vor: wann er diskret begleiten, wann er prächtige Akzente setzen, wann er vorandrängen muss. Das Bayerische Staatsorchester könnte feiner, dabei natürlicher gerade in den sonst oft knallig genommenen Tuttischlägen, nicht klingen.

Zu allem Überfluss sind sogar die komplexen Ensembleszenen, in denen die unterschiedlichsten Emotionen gleichzeitig stattfinden, vollkommen genau austariert. So strahlt etwa Sofia Fominas lockerer Koloratursopran in der Rolle des Pagen Oscars hervor. Okka von der Damerau lässt als Zauberin Ulrica nicht nur eine betörend intensive Höhe, sondern vor allem eine außerordentlich markige Tiefe hören und erfüllt diese rätselhafte Figur mit einem unaufdringlich koketten Spiel.

Diese Ulrica wirkt in der Gesamtbalance sogar profunder als der Renato George Peteans. Dessen Bariton spricht in der Höhe mühelos an, er setzt manche Spitzentöne leise und lässt sie dann sanft aufblühen; im Ganzen ein eher lyrischer, verliebter Freund Riccardos als ein eifersüchtiger Rächer.

Er passt gut zur Verkörperung des Riccardos durch Piotr Beczala. Der Tenor erinnert in seiner makellos reinen Färbung an den jungen Nicolai Gedda; die Höhe erreicht Beczala leicht und doch kann er bemerkenswerte Kraft ausbilden, die Phrasierung ist vollendet geschmackvoll. Ein exemplarisches Rollenporträt. Mit dem Zaubersopran der Anja Harteros als Amelia mischt sich Beczalas Organ nicht nur auf´s Schönste, nein, es bleiben auch in den sehnsuchtsvollsten Duett-Passagen die Individualitäten dieser großen Sängerpersönlichkeiten erhalten.

Harteros und Beczala liefern sich geradezu einen freundschaftlichen Wettstreit, wer sensibler im Piano verlöschen oder wer draufgängerischer in der Spitze verglühen kann. Beiden würde man gerne auch noch zwei, drei Stunden länger zuhören und zusehen. In dieser Produktion zeigt sich, was für eine Utopie die Oper sein kann.

Alle Vorstellungen ausverkauft. Übertragung am 18. März um 22.10 Uhr auf Arte und www.staatsoper.de/tv

 

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