Bayerische Staatsoper Sidi Larbi Cherkaoui über "Alceste" im Nationaltheater

Glucks "Alceste" mit Charles Castronovo als Adméte im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Sidi Larbi Cherkaoui seine Inszenierung und Choreografie von Glucks „Alceste“, die ab Sonntag im Nationaltheater zu sehen ist

 

Er hat „Apeshit” choreografiert, den millionenfach geklickten Videoclip von Beyoncé und Jay-Z. Oper macht er auch. Nach Rameaus „Les Indes galantes“ vor zwei Jahren im Prinzregententheater inszeniert Sidi Larbi Cherkaoui nun Christoph Willibald Glucks „Alceste“ im Nationaltheater. Antonello Manacorda dirigiert die Premiere am Sonntag ab 18 Uhr, für die es Restkarten gibt.

AZ: Herr Cherkaoui, Glucks Opern gelten vielen Leuten als Schlafmittel. Was kann man dagegen tun?
Sidi Larbi Cherkaoui: Wirklich? Finde ich nicht. Aber ich habe sicher einen besonderen Zugang. Ich bin ja nicht mit der Oper aufgewachsen, sondern mit der traditionellen marokkanischen Musik, dem Pop der 90er und MTV. Dann kam die Leidenschaft für den zeitgenössischen Tanz. Von da kam ich zur zeitgenössischen, dann zur alten Musik, dann zur barocken, und ganz zuletzt erst bin ich bei der Oper angekommen. Für mich ist eine Oper jedes Mal eine Entdeckung, und so war es auch mit Gluck. Man muss einfach anders zuhören! Es ist ein dramatisches Stück.

Sie sind Choreograf – und es gibt viel Ballettmusik in dieser Oper. Wie gehen Sie damit um?
Der Tanz kommt direkt aus der Musik. Die Musik hat einen Weg, die geht wohin, hat eine Richtung. Der Tanz fügt der manchmal wirklich etwas statischen Handlung etwas Dynamisches zu.

Drückt der Tanz auch Handlung aus?
Es gibt Stellen, an denen über den Tanz Handlung erzählt wird, in einer Pantomime zum Beispiel die Opferhandlungen im Tempel. Der Tanz kann also sehr konkret sein. Aber er kann auch etwas sehr Abstraktes haben – und etwas Emotionales. Wenn man das Meer ansieht, dann ist das in Bewegung, lebendig, aber trotzdem gibt es eine Ruhe, es ist nicht langweilig, sondern wunderschön anzusehen. Bewegung kann etwas Spirituelles freisetzen.

Wovon handelt denn Glucks Oper „Alceste“?
Zuerst einmal vom Tod. Der König Admète muss sterben. Aber seine Frau Alceste sagt: Nein. So wie wir alle, jeden Tag sagen wir Nein zum Tod. Wir sind also alle ein bisschen wie Alceste. Wir wollen nicht, dass die Menschen, die uns umgeben, sterben. Wir akzeptieren den Tod nicht.

Dann geht es also um dieses Königspaar?
Es geht auch um das Geben. Zuerst gibt man Gaben für das Götteropfer, aber dann muss man begreifen: Was habe ich der Welt zu geben? Alles, was ich habe, mich selbst. Als Alceste das begreift, ist es, als wäre eine neue Kraft in ihr, sie hat den Tod gewählt, vor allem aber: sich der Welt zu geben, zu schenken. Das ist sehr traurig, aber auch super stark.

Warum ist es (wie so oft) die Frau, die sich opfern muss?
Die Götter sagen: Der König muss nicht sterben, wenn jemand bereit ist, an seiner Stelle zu sterben. Egal wer. Mann oder Frau sind für die Götter gleich viel wert. Alceste muss aber erkennen, dass niemand – und da steht ein ganzer Chor – bereit ist, für Admète zu sterben.

Wie entscheidet sie sich für den Tod?
Erst einmal ziemlich spontan. Und dann singt sie von all den Dingen, die sie verlieren wird. Aber sie ist sicher, dass sie es tun muss, weil ihre Liebe so groß ist. Das ist aber nicht romantisch, das ist sehr konkret. Es gibt doch viele Fälle von Eheleuten, die nachsterben, wenn der oder die Partnerin sterben. Diese Liebe gibt es.

Also ist Alceste doch so eine Art eine Apotheose der Gattenliebe?
Alceste und Admète können wirklich nicht ohne einander leben. Admète akzeptiert das Opfer seiner Frau darum auch nicht. Als er erkennen muss, dass sie es ist, die für ihn sterben wird, dankt er ihr nicht, er wird wütend! Sie streiten sich darum, wer sterben soll. Und das, bis sie beide an der Schwelle des Todes, dem Eingang zum Hades stehen. Eine unlösbare Situation.

Aber es geht doch gut aus?
Zum Glück erscheint ja Herkules. Als Halbgott gehört beiden Welten an. Er kann die Regeln ein bisschen ändern.

Gibt es heute noch Menschen, die so handeln wie Alceste?
Ja klar - denken Sie an Greta Thunberg mit ihrem Anliegen, die Erde zu retten. Sie ist zu einem Symbol geworden, sie hat kein eigenes Leben mehr, sie hat ihre Jugend geopfert. Es gibt viele Menschen wie sie, vor allem Frauen. Auch die Kinderrechtsaktivistin Malala, die einfach nur Lesen und Schreiben lernen wollte: Jetzt ist sie ein Symbol. Solche Menschen sind wie Alceste: Sie ändern die Regeln. Sie sagen nein, so geht es nicht, das muss sich ändern. Sie ändern die Welt.

Also eine ganz und gar zeitgenössische Oper?
Das ist ja das Faszinierende: Es hat wirklich etwas mit unserem täglichen Leben zu tun. Es ist eine unveränderliche Wahrheit in dem Ganzen, die immer existiert, zu jeder Zeit.

Premiere am Sonntag, 18 Uhr. Auch 29. Mai,1., 6., 10. und 13. Juni. Restkarten online oder unter Telefon 21 85 19 20

 

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