Bayerische Staatsoper Oper mit Jonas Kaufmann: Wer war Erich Wolfgang Korngold?

Marlis Petersen und Jonas Kaufmann in Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt". Foto: Wilfried Hösl

Über den Komponisten der Oper "Die tote Stadt", die mit Jonas Kaufmann im Nationaltheater zu sehen ist.

 

Zwei goldglänzende Oscars im Schrank stehen zu haben: Dafür würden die meisten Komponisten wohl so ziemlich alles tun. Zumindest heute. Für Erich Wolfgang Korngold hingegen war seine spätere Karriere als Filmkomponist in Amerika zunächst kein Wunschziel gewesen. Zum einen haftete Hollywood damals, ganz zu Recht, der Ruf eines Sündenbabels an. Zum anderen hatten die Vorzeichen bei Korngold auf eine seriöse Karriere als Opernkomponist wie Richard Strauss hingedeutet, der gerade sein "Heldenleben" komponierte, als Korngold 1897 geboren wurde.

Korngolds Vater war der Musikkritiker Julius, Nachfolger des Wagner-Gegners Eduard Hanslick bei der "Neuen Freien Presse" in Wien. Erich jedoch brauchte die Protektion durch den Vater nicht wirklich. Er überzeugte mit Frühreife. Mit zehn Jahren spielte er bereits Gustav Mahler eine eigene Kantate vor. Der erklärte ihn kurzerhand zum Genie und empfahl ihn Alexander von Zemlinsky zur weiteren Ausbildung weiter.

Schauplatz Brügge

Noch nicht volljährig, hatte sich Korngold schon den Respekt dieser Herren, dazu Richard Strauss und Giacomo Puccini erworben. "Das letzte Wunderkind" lautet denn auch der Titel der ausführlichen Korngold-Biographie von Brendan G. Carroll.

Als 1920 "Die tote Stadt" herauskam, war Korngold 23 Jahre alt. Seine erste abendfüllende Oper nach zwei Einaktern wurde gleichzeitig in Hamburg und Köln uraufgeführt – dort dirigiert von Otto Klemperer – und fand internationale Verbreitung bis an die New Yorker Met, wo Maria Jeritza in der Rolle der Marietta debütierte.

Die titelgebende Stadt ist das flandrische Brügge, im Mittelalter eines der kulturellen und wirtschaftlichen Zentren Europas, das jedoch verfiel, als in der Renaissance der Hafen versandete und die Stadt von der Nordsee abgeschnitten wurde. In seinem Roman "Bruges-la-Morte" ("Das tote Brügge") setzte der belgische Autor Georges Rodenbach 1892 der Stadt ein Denkmal. Auf dem Roman und Rodenbachs eigener Dramatisierung basierten Vater und Sohn Korngold ihr Opernlibretto, das sie unter dem Pseudonym Paul Schott verfassten.

Überwindung einer seelischen Krise

Der morbide Schauplatz ist ein passender Ort für die Handlung der "Toten Stadt", in der ein junger Mann, Paul, allein in Erinnerung an seine verstorbene Frau Marie lebt. Sein Haus hat er mit allerlei Andenken, Bildnissen der Toten, gar einem Zopf ihres blonden Haares zu einem wahren Schrein umfunktioniert.

"Das kostbare Haar glänzt", wie der Komponist damals selbst in einer Inhaltsangabe formulierte, "sorgfältig behütet in einer Glasvitrine." Paul lernt eine junge Frau kennen, die Tänzerin Marietta, die seiner verstorbenen Gattin auf unheimliche Weise ähnlich sieht. Während sie trotzig kokett versucht, sich gegenüber der toten Nebenbuhlerin zu behaupten, gerät Paul in eine seelische Krise, weil er zwischen Marie und Marietta hin- und hergerissen ist.

Auf dem Höhepunkt seiner Verwirrung erwürgt er Marietta mit dem Zopf der Toten – erwacht jedoch aus einer Vision, einem bloßen Albtraum. Paul ist geheilt, trennt sich jedoch von Marie. Denn, wie Korngold formuliert: "Ein Traum von bitterer Realität hat sein geistiges Bild zerstört." Oder: "Wie weit kann die Trauer um die Verstorbenen gehen, ohne uns zu zerstören?"

Die düstere Geschichte traf offenbar den Nerv der Zeit, wie auch die Musiksprache des jungen Komponisten. Während Arnold Schönberg die Zwölftontechnik entwickelte, ließ Korngold noch einmal den vollen spätromantischen Orchesterklang aufleben, der durch Celesta, Harmonium, Mandoline, Glockenspiel und -geläute noch zusätzlich sinnlich aufgeladen wird. Der Gesangsstil ist hocharios, in leidenschaftlichen Momenten des Tenors grüßt der Gustav Mahler des "Lieds von der Erde" herüber. Besonders berühmt wurde die Arie der Marietta "Glück, das mir verblieb" aus dem ersten Akt, eigentlich ein Lied, dessen heimsuchende Melodie dann von Paul aufgenommen wird.

Vom Arbeitsbesuch zum Exil

Besser wurde es für Korngold nicht mehr als nach diesem Welterfolg. Die nächste Oper "Das Wunder der Heliane" schien bereits vom Zeitgeist überholt. Korngold begann zu unterrichten und arrangierte Operetten. Bei seiner Umwidmung der "Fledermaus" von Johann Strauß Sohn in "Rosalinde", die auch am Broadway gespielt wurde, arbeitete er mit Max Reinhardt zusammen. Als der Regisseur 1935 in Hollywood den Shakespeare-Film "Ein Sommernachtstraum" drehte, holte er Korngold per Telegramm nach Kalifornien nach, um auf der Grundlage von Werken Felix Mendelssohn Bartholdys die Filmmusik zu produzieren.

Nach der Annexion Österreichs durch Nazi-Deutschland wurde aus dem Aufenthalt in Amerika ein Exil. Im Gegensatz zu anderen Emigranten machte Korngold dort aber Karriere. Denn die Filmstudios hatten Interesse an klassisch ausgebildeten europäischen Komponisten, neben Korngold auch etwa Max Steiner und Franz Waxman. Korngold wurde von den Warner Brothers unter Vertrag genommen, die zunächst vor allem mit Trickfilmen (mit "Bugs Bunny") bekannt geworden waren, aber mit Historiendramen wie "Anthony Adverse" und Abenteuerfilmen wie "Robin Hood" (mit Erol Flynn) auch aufwendige Real-Produktionen vorlegten.

Für die Partituren zu diesen beiden Filmen erhielt Korngold seine Oscars, zwei weitere wurden für diesen Preis nominiert. Filmmusik war für ihn nun "Oper ohne Gesang". Diese Nähe zum Hollywoodkino beeinflusste die weitere Rezeption von Korngolds Musik nach dem Krieg. Einerseits griff er etwa für sein Violinkonzert von 1945, das mittlerweile wieder öfter gespielt wird, auf eigene Filmmusiken zurück.

Andererseits geriet er dadurch in den Verdacht der musikalischen Avantgarde, welche schon die Spätromantik an sich, umso mehr aber deren Nutzbarmachung im Kommerzprodukt Film ablehnte. So blieb die Münchner Wiederaufführung der "Toten Stadt" 1955 zunächst praktisch folgenlos.

Spuren zu "Vertigo"

Doch es gibt ein Nachspiel. Denn kurz darauf entdeckte der Film das Thema der toten Nebenbuhlerin wieder, wenn auch über einen literarischen Umweg: 1958 erschien Alfred Hitchcocks Obsessionsstudie "Vertigo" nach einer zeitgenössischen Romanvorlage, die sich offensichtlich von Rodenbach und Korngold inspirieren ließ, 1977 dann drehte François Truffaut den ähnlich gelagerten Film "Das grüne Zimmer".

Auf Hitchcock wiederum bezog sich Günter Krämer 1986 in seiner Düsseldorfer Inszenierung der "Toten Stadt". Die Nähe zur Filmkunst scheint Korngold und seinen größten Opernerfolg also nicht loszulassen – auch wenn der Komponist zur Entstehungszeit der "Toten Stadt" noch nicht daran dachte, einmal oscarreife Filmmusiken zu schreiben.

Und so ist es konsequent, dass die Bayerische Staatsoper "Die tote Stadt" dem Regisseur Simon Stone anvertraute, der 2015 an den Kammerspielen in "Rocco und seine Brüder" nach Luchino Visconti inszeniert und bereits einige Filme gedreht hat. Derzeit bereitet Stone ein Projekt für Netflix vor, weshalb er zuletzt Schauspielpremieren am Residenztheater und am Wiener Burgtheater absagen musste.

Premiere am 18. November, 19 Uhr,  alle Vorstellungen ausverkauft. Am 2. und 3. Dezember spielt Vilde Frang Korngolds Violinkonzert im 2. Konzert der Musikalischen Akademie des Bayerischen Staatsorchesters. Karten online oder unter Telefon 2185 1920


 
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