Bayerische Staatsoper Oksana Lyniv über den Bartók-Abend "Judith" im Nationaltheater

Oksana Lyniv und die Regisseurin Katie Mitchell. Foto: Wilfried Hösl

Oksana Lyniv dirigiert den Doppelabend „Judith“ mit Bartóks Konzert für Orchester und dem Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ im Nationaltheater

 

Béla Bartók hat nur eine Oper komponiert: „Herzog Blaubarts Burg“. Die britische Regisseurin Katie Mitchell stellt diesem Einakter das mehr als 30 Jahre später entstandene „Konzert für Orchester“ voran. Oksana Lyniv, von 2013 bis 2017 die Assistentin des Generalmusikdirektors Kirill Petrenko, dirigiert bei diesem Doppelabend das Bayerische Staatsorchester im Nationaltheater.

AZ: Frau Lyniv, Sie sind gegenwärtig Chefdirigentin der Oper Graz. Wie fühlt es sich an, wieder an die Bayerische Staatsoper zurückzukehren?
OKSANA LYNIV: Ich spüre schon eine große Verantwortung. Anderseits ist es sehr beglückend, weil ich auch von den Bühnentechniker bis zum Intendanten viele Leute kenne. Aber ich weiß auch um die Maßstäbe des Hauses, weil ich in meiner Zeit hier an allen Premieren und Konzerten von Kirill Petrenko mitgewirkt habe. Und auch ich selbst stelle mir hohe Ansprüche.

Warum hören Sie in Graz nach kurzer Zeit schon wieder auf?
Mein Vertrag ging über drei Jahre. Mir wurde eine Verlängerung angeboten, aber ich habe abgelehnt. Es kommen viele interessante Einladungen von Top-Häusern in der ganzen Welt auf mich zu.

Spüren Sie, dass die Nachfrage nach Dirigentinnen wächst?
Es hat sich in den letzten fünf Jahren viel getan. Ich schätze es allerdings nicht, wenn das Dirigieren von Frauen zur Show wird. Letztendlich zählt nur die Qualität, und ich möchte nicht nur deshalb eingeladen werden, weil ich eine Frau bin.

Trotzdem sind Dirigentinnen bei manchen Orchestern immer noch selten.
Ich gebe bald mein Debüt bei den Münchner Philharmonikern. Auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem öfter vorgeworfen wird, zu wenige Dirigentinnen zu beschäftigen, hat schon mehrmals bei mir angefragt. Aber ich hatte bisher leider keine Zeit.

Ganz oben bei den Chefpositionen sind Frauen aber immer noch rar.
Das braucht vielleicht noch einmal ein paar Jahre. Gegenwärtig gibt es sehr viele junge und talentierte Dirigentinnen.

Ich merke häufig, dass Bartóks Musik viele Leute kalt lässt. Wie könnte man sie überzeugen?
Bartók ist nicht einfach, aber je weiter man sich auf seine Musik einlässt, desto vertrauter wird sie. Er hat eine ganz eigene harmonische Sprache aus der ungarischen, rumänischen und ukrainischen Volksmusik entwickelt. Auch Einflüsse aus dem Nahen Osten gibt es. Bartóks Musik verbindet einen intellektuellen Anspruch mit Temperament. Für einen Zugang ist die Verbindung aus dem Konzert für Orchester und der Oper „Herzog Blaubarts Burg“ ideal – beide gehören zu den tollsten Werken aus dem 20. Jahrhundert.

Der Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ ist ein Frühwerk von 1911.
Die Oper dauert nur eine Stunde, ist aber unglaublich reich an Farben. Sie hat eine emotional zugespitzte Handlung, die mit „Salome“ von Richard Strauss vergleichbar ist und unter dem Einfluss des Symbolismus und der Psychoanalyse entstanden ist.

Sieben Türen werden geöffnet.
Dahinter verbergen sich jeweils eigene musikalische Bilder, etwa eine Schmuckkammer mit Celesta und Harfenklängen oder eine Waffenkammer mit militärischen Fanfaren. Dann explodiert beim Öffnen der fünften Tür im dreifachen Fortissimo eines stark besetzten Symphonieorchesters mit Orgel und Blechbläsern auf der Bühne eine Lichtflut in C-Dur. Wäre da nicht ein grausamer psychoanalytischer Hintergrund, könnte man „Herzog Blaubarts Burg“ auch im Musikunterricht statt Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ verwenden.

Am Ende steht wieder Dunkel.
Die Oper ist nach dem Prinzip des Goldenen Schnitts aufgebaut. Von C-Dur geht es in den letzten beiden Türen wieder nach Fis-Moll zurück, der Tonart des Anfangs. Das Farbenspiel auf der Bühne, das sich Bartók vorgestellt hat, entspricht dabei den Farben des Regenbogens.

Das „Konzert für Orchester“ entstand 1944 in den USA.
Bartók emigrierte 1940, weil er nach der Annäherung Ungarns an Nazi-Deutschland in seiner Heimat keine Zukunft mehr für sich sah. Allerdings hatte er es in den USA schwer: Seine Musik wurde kaum gespielt. Die Entstehung des „Konzerts für Orchester“ erinnert ein wenig an die von Mozarts „Requiem“: Es war ein Auftrag des Dirigenten Sergej Kussewitzky, der damals das Boston Symphony Orchestra leitete und mit einer Uraufführung an seine verstorbene Frau erinnern wollte.

Aber eigentlich ist es ein Requiem für Bartók selbst.
Das Konzert für Orchester trägt autobiografische Züge. Es beginnt sehr düster, bis dann wie aus der Ferne die musikalische Vielfalt Ungarns zurückkehrt. Im vierten Satz, dem „Intermezzo interrotto“, zitiert Bartók „Wunderschön bist Du, mein Ungarnland“, einen Schlager von Zsigmond Vincze, der in seiner Jugend sehr populär war. Diese Melodie wird von einem Zitat aus Lehárs „Lustiger Witwe“ unterbrochen.

Wie muss man das verstehen?
Als Bild für die deutsche Aggression. Die „Lustige Witwe“ war Hitlers Lieblingsoperette. Die Stelle klingt zynisch wie das Trampeln von Militärstiefeln, darauf folgt ein Höllenlachen.

Gibt es einen musikalischen Zusammenhang zwischen beiden Werken dieses Doppelabends?
Die Elegie, der dritte Satz, beginnt mit einem Zitat der Musik des Tränensees hinter der sechsten Tür von Blaubarts Burg. Darauf folgt noch einmal eine starke ungarische Melodie, die zeigt, worüber Bartók trauert.

Gespielt werden die beiden Werke aber in umgekehrter Reihenfolge ihrer Entstehung.
Zum Konzert für Orchester gibt es einen Film, der die Vorgeschichte von „Herzog Blaubarts Burg“ erzählt. Beide Werke folgen ohne Pause aufeinander.

Ist es schwer, zu einem Film zu dirigieren?
Der Film ist zur Musik geschnitten und gedreht. Ich habe das Konzert für Orchester vor einem Jahr bei den Düsseldorfer Symphonikern dirigiert. Davon gibt es einen Mitschnitt - insofern kannte ich die Länge der Sätze, die Bartók außerdem ausdrücklich vorschreibt. Bei jedem der fünf Sätze beginnt ein neuer Abschnitt des Films, so dass es nicht auf die Sekunde ankommt.

Premiere am 1. Februar, 19 Uhr im Nationaltheater. Auch am 4., 7., 9., 13. und 16. Februar sowie am 27. und 29. Juni im Nationaltheater. Restkarten online oder unter Telefon 2185 1920

 

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